Blick über die eigene Schulter

Wodurch unterscheidet sich Antisemitismus von anderen Rassismen? Und warum spaltet er die deutsche Linke? FIONA SARA SCHMIDT sprach mit der Antisemitismusforscherin STEFANIE SCHÜLER-SPRINGORUM.

 

In Österreich ist Wahlkampf. Wenn man „Ist Kern …“ oder „Ist Kurz …“ eingibt, ergänzt Google „Jude“. Vor der letzten Bundespräsidentenwahl wurde „Baltischer Jud“ auf Plakate von Van der Bellen geschrieben. Warum ist das – in diesen Fällen vermeintliche – Jüdischsein ein Thema?

Die Frage ist, ob sich die Menschen wirklich dafür interessieren oder ob es Leute gibt, die dies zum Thema machen wollen. Man versucht, mit antisemitischen Unterstellungen Politik zu machen. Ob es zieht, muss man sehen. Auch Martin Schulz wurde von der AfD die Nase per Photoshop länger gemacht. Dass Österreich dabei vorneweg ist, erstaunt wenig, wenn man sich die Erinnerungskultur nach dem Zweiten Weltkrieg ansieht, wo man sich als erstes Opfer inszenierte und die eigene Verantwortung erst sehr spät bearbeitet hat. Genauso muss man betonen, dass die Deutschen sich nach 1945 ja keineswegs sofort begeistert mit ihrer Vergangenheit beschäftigt haben, sondern dass diese Auseinandersetzung durch die Alliierten zunächst einmal erzwungen wurde, dann jahrzehntelang kaum stattfand und erst ab den späten 1980er-Jahren eine Breitenwirkung erzielte.

Wie definieren Sie Antisemitismus in Ihrer Forschung?

Es gibt keine Standarddefinition, es ist in hohem Maße kontextabhängig, gerade für mich als Historikerin. Ich persönlich definiere Antisemitismus als eine Konstruktion von „den Juden und Jüdinnen“ als Gruppe, der bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben werden, und diese Charakteristika sind negativ, abwertend und/oder werden als bedrohlich konnotiert.

Welche Formen von Antisemitismus gibt es heute und wie unterscheidet er sich von anderen Rassismen?

Sowohl hinter dem sogenannten Opferneid, der behauptet, „die Juden und Jüdinnen“ würden den an ihnen verübten Massenmord heute ökonomisch und politisch ausbeuten, als auch hinter antiisraelischen Ressentiments stehen immer Weltverschwörungsfantasien. Man unterstellt die Existenz dunkler Mächte, die uns im Hintergrund beherrschen und denen wir ausgeliefert sind. Dies ist bei anderen Rassismen nicht der Fall. Bei rassistischen Abwertungen von Menschen geht es immer um Hierarchien, um die klare Markierung von „rassisch“; bzw. heute argumentiert man eher: von kulturell oder zivilisatorisch angeblich nicht gleichwertigen Menschengruppen. Der Blick im Rassismus geht von oben nach unten, man blickt auf andere hinab. Der Blick von Antisemit_innen richtet sich über die eigene Schulter. Dabei begreifen sich Antisemit_innen zugleich als Opfer.

Welche Formen des Antisemitismus gab es innerhalb der deutschsprachigen Linken seit 1968?

Ich glaube nicht, dass es linken oder rechten Antisemitismus gibt, Antisemitismus ist Antisemitismus. Das Bedürfnis, sich die Welt antisemitisch zu erklären, gehört jedoch dominant zu einer rechtsradikalen, menschenfeindlichen Ideologie. Innerhalb der Linken hat es vor allem zwei Einfallstore für antisemitisches Gedankengut gegeben: Erstens ist es historisch der Antikapitalismus, durch die Gleichsetzung von Jüd_innen und Kapital wurden „die Juden und Jüdinnen“ als Kapitalist_innen bekämpft. Auf der normativ-politischen Ebene waren es jedoch immer Parteien der Linken (und Liberalen), die sich dezidiert gegen Antisemitismus gestellt haben.
Zweitens geht es seit 1968 hauptsächlich um die Haltung zu Israel, wobei aus meiner Sicht schon der Begriff „Antizionismus“ problematisch ist, als sei „der Zionismus“ eine einheitliche Ideologie. Gerne werden dabei die frühen, mehrheitlich sozialistischen und emanzipatorischen Anteile im Zionismus unterschlagen. Wenn sich jemand als Antizionist_in bezeichnet und dadurch signalisieren möchte, dass er oder sie die zionistische Bewegung ablehnt, müsste diese Person also zunächst einmal definieren, worauf sie sich bezieht. Wenn der Terminus benutzt wird, um Israel das Existenzrecht abzusprechen, ist dies aus meiner Sicht politisch nicht tragbar – und zwar schon allein deshalb nicht, weil auch keinem anderen international anerkannten Staat einfach das Existenzrecht abgesprochen werden kann. Dies bedeutet jedoch selbstverständlich nicht, dass bestimmte Entscheidungen oder Vorgehensweisen der israelischen Regierung, vor allem, aber nicht nur im Zusammenhang mit der Besatzung seit nunmehr fünfzig Jahren, nicht kritisiert werden können – und ja auch werden, gerade in Israel selbst.

 

Stefanie Schüler-Springorum © Kirsten Nijhoff

Stefanie Schüler-Springorum © Kirsten Nijhoff

 

Nach einem Artikel in der „Zeit“ vor einigen Monaten sind die sogenannten Antideutschen nun auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Antideutsche wenden sich gegen deutschen Nationalismus und fordern uneingeschränkte Solidarität mit Israel, was mit antiislamischen und proamerikanischen Positionen einhergehen kann. Eine Haltung, die in der deutschen Linken schon seit zwei Jahrzehnten zu heftigen innerlinken Kontroversen führt, in Österreich aber erst seit einigen Jahren wahrgenommen wird. Wie beurteilen Sie diese Diskussion?

Es wäre ja gut, wenn es diskutiert würde! Was wir heute unter „antideutsch“ als politischer Strömung verstehen, habe ich vor zwanzig Jahren als befreiend empfunden: Eine betont linke Gruppe, die den Finger in die Wunde legte und die Faszination linker Befreiungsbewegungen etwa in Lateinamerika oder auch in Europa wie z. B. dem Baskenland infrage stellte, bei der völlig unkritisch nationalistische und extrem militaristische Positionen in Kauf genommen wurden. Dazu gab es damals in der Wochenzeitung „Jungle World“ spannende Debatten. Mittlerweile aber wird vor allem die Diskussion um den Nahost-Konflikt mit einer selbstgerechten Attitüde geführt, die keinen Raum für Zweifel oder Nachfrage lässt, sondern nur noch mit Feinderkennung nach dem Prinzip der Kontaktschuld arbeitet. Es gibt kein Gespräch mehr, sondern Shitstorms und gegenseitige Mobilisierung. Ich finde, dies ist sowohl für die Linke als auch für die Auseinandersetzung mit Israel und mit jüdischer Geschichte wie auch für die demokratische Kultur ganz allgemein eine Katastrophe. Wenn es nicht mehr um eine argumentative Auseinandersetzung geht, finde ich das wirklich bedrohlich. Wenn Links für etwas steht, dann doch u. a. für den berühmten herrschaftsfreien Diskurs. Das hat sich in Zeiten des Internet im Grunde erledigt.

Welche Geschlechterbilder finden sich in antisemitischen Stereotypen?

Es geht bei antisemitischen Geschlechterbildern meist nur um Männer, das ist in einer patriarchalen Gesellschaft aber auch nicht besonders verwunderlich. Frauen waren als Personen nicht wichtig, deswegen spielten sie weder im christlichen Antijudaismus noch im 19. Jahrhundert eine Rolle. Wohl aber die Idee des Weiblichen als das Unterlegene, Schwächere und zugleich Bedrohliche: Der jüdische Mann wurde als verweichlicht, effeminiert und schwächlich dargestellt, als intrigant und hysterisch, alles Eigenschaften, die historisch auch Frauen zugeschrieben wurden.
Wenn Frauenbilder im Antisemitismus eine Rolle spielen, dann ist es entweder die vermännlichte Frau, eine dicke Matrone mit Schnurrbart, die den verweichlichten Mann beherrscht, oder die ambivalentere schöne Jüdin, von der gleichsam Gefahr und Erotik ausgehen. Dieses Bild ist im 19. Jahrhundert durchaus auch noch positiv besetzt, wird dann aber nach dem Ersten Weltkrieg immer einseitiger und kulminiert in der Fantasie vom jüdisch-bolschewistischen „Flintenweib“, gegen das sich der Hass der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg dann auch besonders aggressiv entlud.

Welche Bedeutung kommt feministischer Theorie in Ihrer Forschung zu?

Ich bin Feministin und Geschlechterhistorikerin, das ist für mich untrennbar miteinander verbunden. Deshalb habe ich Jüdische Geschichte immer unter geschlechterkritischer Perspektive geschrieben, und auch in meinem zweiten Forschungsbereich, dem Spanischen Bürgerkrieg, habe ich mich mit dem Thema Männlichkeit auseinandergesetzt. Jetzt versuche ist das für die Antisemitismusforschung fruchtbar zu machen, denn es gibt nur sehr wenige Arbeiten, die sich Antisemitismus aus geschlechterkritischer Perspektive ansehen.
Feministinnen wie Judith Butler oder Angela Davis oder zuletzt die Musikerin Kate Tempest unterstützen die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment und Sanctions), die zum Boykott israelischer Produkte aufruft und u. a. den Abzug israelischer Truppen aus dem Westjordanland fordert. Wie kann man Kritik an israelischer Politik formulieren, die nicht einen erneuten Boykott der Kritiker_innen selbst nach sich zieht?
Indem man sich die jeweiligen, individuellen Positionen genau ansieht und sich eine eigene Meinung bildet, ohne im Vorfeld Sprechverbote zu erteilen. Boykottaufrufe sind ein politisches Mittel, man kann durchaus darüber streiten, ob sie legitim sind oder nicht. So wie die Debatten allerdings im Moment geführt werden, hat dies nichts mehr mit einer politischen Auseinandersetzung zu tun, sondern es geht nur noch um gegenseitige Drohungen, Shitstorms und Ähnliches. Ich stehe BDS durchaus kritisch gegenüber, aber das heißt noch lange nicht, dass Gegenboykott und Verbote adäquate Mittel sind, wenn man so zentrale demokratische Werte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit ernst nimmt. Wir stehen jetzt in Deutschland vor der Situation, dass eine mit Antisemit_innen und Rassist_innen durchsetzte Partei die drittstärkste Fraktion im Bundestag geworden ist. Hierin sehe ich im Moment die größte Bedrohung – für Jüd_innen und Nichtjüd_innen.

 

Stefanie Schüler-Springorum ist Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin.

 

 

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