„… manchmal auch ein großes Glück.“

Sprache ist Handlung – so lässt sich ein feministisches Verständnis von Sprache auf den Punkt bringen. Was sprachhandeln ist und wie sich Gewalt in Sprache abbildet, hat LANN HORNSCHEIDT im Gespräch mit ULLI KOCH erläutert.

 

an.schläge: Was fasziniert dich an Sprache?

Lann Hornscheidt: Sprache hat für mich ein großes Begehren nach Anwesenheit, danach mich ausdrücken zu können, mich wiederzufinden – aber gleichzeitig wird das nicht erfüllt. Ich hadere damit, wie unglaublich tiefgreifend Gewalt in Sprache, Sprachformen und Sprachregeln eingeschrieben ist. Seit meiner Jugend begleitet mich ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, das damit endet: „Wie soll ich mich nur nennen | ohne in andrer Sprache zu sein.“ (Wie soll ich mich nennen? 1952, Anm.) Ich suche nach etwas und ich glaube, es müsste Sprache sein, und gleichzeitig ist es Sprache nicht. Das hat dazu geführt, dass ich angefangen habe, meine eigenen Sprachformen zu finden, viel mit Unterstrichen zu arbeiten und mir so Wörter neu zugänglich zu machen.

Hast du dafür ein Beispiel?

EntTäuschung ist ein Beispiel. Eigentlich ist es doch gut, wenn wir nicht mehr getäuscht werden. In Liebesbeziehungen wollen wir zum Beispiel nicht enttäuscht werden, aber ist es nicht besser ent-täuscht zu werden, also keine Täuschung zu erfahren und genau zu wissen, wie etwas ist? Mich interessiert, wie viele Schichten von Bedeutungen in der Sprache vorhanden sind und wie viel ich damit transportiere. Sprache ist für mich eine große Faszination, ein großes Begehren, ein großes Suchen und manchmal auch ein großes Glück, vor allem in Gedichten.

Welche Macht hat Sprache?

Sprache hat sehr große Macht darüber, unsere Wahrnehmungen zu beeinflussen, wenn nicht sogar zu prägen oder vorzugeben. Wenn es zum Beispiel Wortformen wie Frau* und Mann* nicht gäbe, dann könnten wir uns Geschlecht nicht vorstellen. Sprachformen gehen mit unseren sozialen Wahrnehmungen und Konzeptionalisierungen der Welt einher. Besonders Bewertungen passieren in einer Form, die wir nicht mehr als Bewertung wahrnehmen. Es kommt uns so „natürlich“ vor, dass eine Person „natürlich“ eine behinderte Person ist oder „natürlich“ eine Of-Color-Person ist – ich nenne zwei diskriminierte Positionen, weil das, was privilegiert ist, wird in der Regel nicht benannt, z. B. wenn es sich um weiße Personen handelt. Sprache hat die Macht, unsere Aufmerksamkeit zu lenken und Passivkonstruktionen herzustellen. Damit wird nicht benannt, was eine Person aktiv getan hat, das heißt ihre Handlungen oder Nicht-Handlungen bleiben unsichtbar.

Hast du auch dafür ein Beispiel?

Warum heißt es: „Sie musste aus Deutschland fliehen, weil sie Jüdin war.“? Warum heißt es nicht: „Sie musste aus Deutschland fliehen, weil Deutschland antisemitisch war.“? Ein weiteres Beispiel: „Charlotte Salomon (deutsche Malerin, Anm.) wurde denunziert und anschließend in Auschwitz ermordet.“ Wie würde sich dieser Satz verändern, wenn wir sagen: „Charlotte Salomon wurde von der Nachbarin Ida Scher denunziert. Auch ihr Mann, Hubert Scher, wusste Bescheid, was seine Frau vorhatte, und hat dazu geschwiegen. Die Nachbarin Elisabeth Müller hat weggesehen, als zwei SS-Männer, Herbert Stramm und Gerhard Horsam, in das Haus stürmten. Salomon wurde mit dem Transport, der von Robert Helfer gefahren wurde, nach Auschwitz gebracht usw.“ Eine solche – hier fiktiv geschaffene – Konkretisierung von Tät_erinnenschaft würde unsere historische Wahrnehmung verändern, und damit auch den Blick auf uns selber. Das zeigt, wie sprachliche Handlungen funktionieren – also wie ich über Sprache Welt herstelle.

 

Foto: privat

Foto: privat

 

Dieses präzise Benennen und Sprechen ist demnach eine Form, um Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung für die Person, die ich beschreibe. Und auch, um die Verantwortung von Menschen sichtbar zu machen.

Es geht nicht nur darum, dass Individuen verantwortlich sind. Es ist eine Struktur, innerhalb derer Individuen gehandelt haben. Wir können die Strukturen re_produzieren, indem wir die Handlung wiederholen, so als könnten wir nichts ändern. Oder wir fangen an, selbst nachzudenken und Regeln nicht einfach zu folgen, auch Sprachregeln nicht. Und ja, das fühlt sich anstrengend und herausfordernd an, weil das immer auf Gegenwehr stößt. Diese Abwehr ist aber auch ein gutes Zeichen, denn das zeigt, dass du auf dem richtigen Weg bist, dass es sich hierbei um soziale Veränderungen handelt, ansonsten würde es Menschen nicht irritieren oder herausfordern, was du machst.

Diese Abwehr und Gegenwehr macht sichtbar, dass der Konstruktionsprozess, zum Beispiel von Zweigeschlechtlichkeit, in einer gewissen Form dann doch bewusst ist.

Etwas muss ja in mir resonieren, sonst würde ich nicht re_agieren. Diese Resonanz zeigt sich in einer Verunsicherung, als Bedrohung, die Weltvorstellungen komplett infrage stellt. Inzwischen haben sich Menschen daran gewöhnt, dass Weiblichkeit* und Männlichkeit* flexible Normen sind, mit einem Spektrum an Agierens- und Realisierungsmöglichkeiten. Trotzdem gibt es innerhalb der Gesellschaft Rahmen, wie Zweigenderung oder Nationalismus, die derzeit nicht hinterfragbar scheinen, da sie zu große Verunsicherungen auslösen.

Wie schreiben sich Gewalt und Unterdrückungsmechanismen in Sprache ein?

Bei sprachlichen Handlungen sind es die Formen, die wir benutzen, wenn wir zu oder über Personen reden. Welche Pronomen benutzen wir, welche Ansprache, Metaphern und Bilder. Wir benutzen oft Worte, die Menschen verrücken und damit ent_normalisieren – zum Beispiel „wahnsinnig“ als Steigerungsform. Das sind Worte, die wir benutzen, um zu sagen: Etwas ist außerhalb der Norm. Das sagt eigentlich nur aus, wie unrefl ektiert die deutschsprachige Gesellschaft gegenüber unterschiedlichen psychologischen Verfasstheiten ist. Es zeigt sich auch in dem, was wir nicht benennen – ich nenne dies „entnennen“, wenn es die privilegierte Position ist, und „ent_erwähnen“, wenn es sich um die diskriminierte Position handelt. Mein Sprachkonzept umfasst nicht nur das, was wir sagen, sondern auch, was wir nicht sagen. Das versuche ich mit der ent-Form sichtbar zu machen und aktiver zu sagen.
Ein weiterer Punkt ist, wie wir miteinander kommunizieren: Wie benenne ich mich und dich, welche Zuschreibungen mache ich, benenne ich Personen auf eine symmetrische Weise, welche Bewertungen sind implizit vorhanden, wie respektvoll gehe ich mit anderen um, welchen Raum gebe ich unterschiedlich positionierten Stimmen. In allem, was ich sprachlich mache oder nicht mache, habe ich die Möglichkeit, diskriminierungskritisch zu handeln. Ich kann die ganze Zeit handeln, indem ich nicht schweige, nicht wegsehe und demnach einschreite, artikuliere, dass ich etwas nicht okay finde. Sprache, Sprachhandlungen sind omnipräsent, das heißt ich habe die ganze Zeit die Möglichkeit zu handeln, politisch diskriminierungskritisch aktiv zu sein – wie wunderbar!

 

Lann Hornscheidt hatte bis 2016 eine Professur in Gender Studies und Sprachanalyse am ZtG, Humboldt-Universität zu Berlin inne, arbeitet bei „xart splitta e.V.“ und ist aktiv am Verlag „w_orten und meer“ beteiligt.

 

Ulli Koch denkt viel über Sprache und ihr Sprachhandeln nach, noch mehr nach diesem Gespräch.

 

 

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