lebenslauf: End of story, end of glory!

auch feministinnen altern

 

„Jeanne Moreau wird 50!“ steht auf dem „Emma“-Cover, unter ihrem schönen Gesicht.
End of story, end of glory! Fünfzig, Kap der Hoffnungslosigkeit, wir reden von Frauen, natürlich. Die einzige Abwechslung, die sie erwartet, heißt Wechseljahre.
Extra dramatisch für die, die im Licht der Öffentlichkeit stehen. Für sie gibt es kleine Hunde und schwule Walker. Statt Catwalk Katzenjammerwalk, etwas schwankend, mit Dauerkater Richtung Urne. Ein strahlender neuer Himmelskörper ist nämlich gerade neu geboren, in einer perfekt sitzenden irdischen Hülle. Neben ihm versinkt der Star, der die vierzig überlebt hat, ich rede natürlich vom weiblichen Star, im gnädigen Dunkel. Nur ein tragisches Ende hievt ihn noch mal auf die Titelseite.
Erica Jongs trotziger Aufruf gegen die kollektive Panikattacke „Keine Angst vor 50!“ ist noch nicht erschienen. Und all die anderen Trösterinnen der Betrübten, die bald den Markt überschwemmen werden, sind auch noch nicht da. Wie toll es doch ist, Falten zu haben, und wie frau sich mit ihren Jahresringen schmücken soll.
Von all dem sind wir noch weit entfernt, wie Jeanne Moreau zu ihrem Fünfziger im „Emma“-Interview erzählt. Seit einigen Jahren würden ihr nur noch Rollen angeboten, in denen sie Alkoholikerinnen und Selbstmörderinnen spielen soll. Dauernd soll sie leidende Frauen spielen. Verschmähte, schmachtende Frauen, Frauen mit durchbohrten Herzen, Frauen, die mit stieren Blicken vor leeren Weinflaschen lallen. Märtyrerinnen. Opfer. Und dann sagt Jeanne Moreau den schönen Satz, den allerschönsten, den unvergesslichen Sister-Soli-Satz, für den ihr ewige Seligkeit gebührt im Heilige-Schwestern-Himmel: „Das wollte ich den Frauen nicht antun.“ Diesen kranken Tragische-Tote-Frauen-Kult zu nähren. Romy, Piaf, Monroe, gebrochene Herzen, angebliche Verfallserscheinungen eines von einer voyeuristischen Öffentlichkeit belauerten Frauenfleischs. Der zerrupfte Spatz von Paris, am schönsten singt er, wenn er leidet.
Da spielte sie nicht mit.

 

Michèle Thoma geht auf die Hundert zu.

 

Kolumne Lebenslauf

Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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