an.lesen: Gute Geschichten

CARLA HEHER über einen neuen Stern am feministischen Kinderbuchhimmel.

 

„Good Night Stories for Rebel Girls – 100 außergewöhnliche Frauen“ heißt der neue Stern am feministischen Kinderbuchhimmel, der ab Ende September auch auf Deutsch erhältlich ist. Finanziert wurde das Buch durch eine Kickstarterkampagne, die mit dem Video „The Ugly Truth of Children’s Books” beworben wurde. Der Plot: Eine Mutter und eine Tochter stehen vor einem Bücherregal und sortieren Bücher aus: zuerst Bücher, in denen keine weiblichen Figuren vorkommen, dann solche, in denen Frauen nicht sprechen, und am Ende auch noch alle Prinzessinnengeschichten. Übrig bleiben wenige.
Das entlarvende Video verbreitete sich auf Facebook viral. 20.000 Spender_innen aus aller Welt unterstützten die Idee eines Buches über Frauen, die ihren eigenen Weg gingen. Weibliche Role Models sollten in die Kinderzimmer einziehen.

Role Models. Gute-Nacht-Geschichten von rebellischen Mädchen wäre allerdings eine glücklichere Titelwahl gewesen. Schließlich sollten sich Geschichten von starken Frauen nicht nur an Mädchen richten, auch dem Frauenbild von Buben tun coole, nicht-passive Protagonistinnen in Büchern gut. Das Buch ist deshalb eine Bereicherung für jedes Kinderzimmer, selbst wenn es sich dabei nicht um klassische Gute-Nacht-Geschichten oder „Märchen ohne Prinzen“ handelt, sondern vielmehr um Kurzbiografien von interessanten historischen Frauenfiguren, gespickt mit witzigen oder bemerkenswerten Anekdoten. Diese eignen sich nicht unbedingt zum locker-flockigen (Vor-)Lesen vorm Zubettgehen, es ist einiges an Vorwissen nötig, oder es muss viel nachbesprochen werden, gerade bei Themen wie Sklaverei (am Beispiel der Asante „Nanny of the Maroons“, die in Jamaica sich selbst und viele andere Sklav_innen befreite), Holocaust (am Beispiel der Polin Irina Sendlerowa, die 2500 jüdische Kinder vor den Nazis rettete) und dem Genozid an den Ersteinwohner_innen Amerikas (am Beispiel von Lozen, einer Apachenkriegerin, die von den Kolonialisierer_innen verbannt wurde). Die Autorinnen empfehlen die amerikanische Originalausgabe zum Vorlesen ab vier und zum Selberlesen ab acht Jahren, doch dazu werden zu viele komplexe Themen sehr verkürzt angerissen und auch nicht kindgerecht aufbereitet. Die deutsche Übersetzung wird vom Verlag hingegen erst ab zwölf Jahren empfohlen. Für diese Altersstufe könnten die Biografien allerdings ausführlicher und inhaltlich anspruchsvoller sein.
Die Auswahl der Frauen aus sämtlichen Epochen und aus allen Kontinenten ist im Hinblick auf Diversität indes hervorragend geglückt. Einen gemeinsamen progressiven Background gibt es allerdings nicht. So muss zum Beispiel Margaret Thatcher als Role Model herhalten – immerhin ein guter Anlass, um mal mit der Sechsjährigen casually über den Thatcherismus und seine Folgen (für Frauen) zu diskutieren.
Wirklich gelungen sind die Illustrationen. Jede porträtierte Frau wurde von einer anderen Künstlerin illustriert, manche klar und reduziert, manche verspielt und detailreich.

 

© Karsten Lemm

© Karsten Lemm

 

Coole Berufe. Als Mutter halte ich das Buch definitiv für einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen Generation Kinderbuchprotagonistinnen. Das noch wichtigere Urteil ist aber wohl das meiner Tochter. Hier ist es:
„In dem Buch geht es um verschiedene Frauen, die coole Berufe hatten oder Sachen machten. Auf einer Seite sieht man immer eine gezeichnete Frau und auf der anderen Seite ist Schrift, Schrift, Schrift. Manche Zeichnungen sind voll schön, manche aber sehr hässlich gezeichnet. Ich will die Geschichte dann aber trotzdem hören, auch wenn mir die Zeichnung nicht gefällt. In dem Buch sind nur Frauen drinnen, weil die meisten Bücher über Männer sind. Deswegen muss es ein spezielles Buch über Frauen geben. Besonders toll finde ich die Geschichte über die Computerforscherin Ada Lovelace, weil ich Computer interessant finde. Außerdem ist sie sehr schön gezeichnet. Am liebsten lese ich die Geschichten über die Königinnen und Pharaoninnen. Eine Kaiserin hat ihren Mann weggeschickt, weil nur sie Kaiserin sein wollte.“

 

Rosa Heher kommt im September in die Schule und will später Weltraumforscherin, Tierärztin, Model und Verkäuferin werden.

 

Francesca Cavallo, Elena Favilli: Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen
Hanser 2017, 24,70 Euro
Erscheint am 25.9.2017

 

 

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