„Work-Life-Flow“

Mails vom Spielplatz und Skype-Meetings am Küchentisch – mobiles Arbeiten und Homeoffice sind ein sich ausbreitender Arbeitsalltag. Doch kann diese Selbstbestimmung ohne Selbstausbeutung funktionieren? Von LEA SUSEMICHEL

 

Vor wenigen Jahren entwarf Dave Eggers mit seinem Bestseller-Roman „The Circle“ eine verstörende Dystopie. Er zeigt darin das hypermoderne Arbeitsuniversum eines übermächtigen Internetkonzerns, in dem mit Pool und Partys scheinbar für alle Bedürfnisse der Angestellten gesorgt wird. Sieht man sich die neuen Microsoft- und Google-Hauptquartiere an, scheinen solche Szenarien schon Realität zu sein, zumindest für eine hochqualifizierte Elite. In den futuristischen Megabauten, die mit tonnenweise Glas völlige Transparenz symbolisieren wollen, gibt es viel Erholungsraum, aber keine festen Arbeitsplätze mehr. Es gilt stattdessen das „Clean Desk“-Prinzip: Jede_r kann überall arbeiten, am Ende des Tages aber werden alle persönlichen Sachen wieder mitgenommen und der Arbeitsplatz freigeräumt.
Der Ort wird je nach Aufgabenart gewählt: Für konzentrierte Alleinarbeit gibt es bei Microsoft München etwa den „Think Space“, für Besprechungen trifft man sich in den „Share and Discuss Spaces“, und zum Essen geht man danach in die „Digital Eatery“, in der man beim Smoothie gleich auch neue Softwareprodukte testen kann.

Kapitalistisches Kalkül. Man muss aber auch überhaupt nicht mehr ins Büro kommen, wenn man nicht will. Alle entscheiden selbst, ob und wann sie dort oder lieber von anderswo oder zu Hause arbeiten wollen (für die Putzkolonne freilich, die die fußballfeldgroßen Glasflächen und den „Clean-Desk“ nachts sauber poliert, gilt das wohl nicht). Als ausgewogener „Work-Life-Flow“ wird dieses Konzept mit fließenden Übergängen zwischen Job und Freizeit beworben, das für alle nur Vorteile bringen soll.
Es fällt leicht, das perfide kapitalistische Kalkül hinter diesem Bemühen um Produktivitätssteigerung zu kritisieren. Zahlreiche Studien belegen, dass örtliche und zeitliche Flexibilität die Arbeitsmoral und die Produktivität der Angestellten steigert. Die Unternehmen sichern sich durch ihre vermeintliche Großzügigkeit die Loyalität ihrer Mitarbeiter_innen, die sich dann besonders begeistert verausgaben – und sparen sich dabei auch noch die Kosten für Büroflächen und die Arbeitsplatzinfrastruktur. Bei Microsoft München etwa wird es von vorneherein mehr als ein Drittel weniger Arbeitsplätze als feste Mitarbeiter_innen geben.

Café-Meetings. Bereits 1999 machten die französischen Sozialwissenschaftler_innen Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ ausgerechnet die 68er-Generation für den Aufstieg dieses neoliberalen Selbstmanagements verantwortlich. Die Forderung nach Autonomie und individueller Freiheit auch im Arbeitsleben habe die klassische Sozialkritik in den Hintergrund gedrängt, der es um Arbeitsrechte und soziale Absicherung geht. So sei der kapitalistischen Vereinnahmung eines Arbeitsmodells, wie es exemplarisch die neue Kreativwirtschaft mit ihren Café-Meetings mit Laptop vorlebt, Tür und Tor geöffnet worden. Die scheinbar gewonnene Freiheit sei nur eine der Selbstausbeutung und Selbstkontrolle.
Doch es stellt sich die Frage, ob die neue Flexibilisierung tatsächlich allein im Interesse der Unternehmen liegt. Und ob sich ihr Autonomieversprechen für die Arbeitenden zwangsläufig in ihr Gegenteil verkehren muss. Und vor allem: Ob es die richtige Antwort auf die Gefahr eines völlig entgrenzten Arbeitsalltags ist, stur an den 9-to-5-Normalarbeitsverhältnissen der Industrieländer festzuhalten – zumal diese traditionell stark durch das Alleinverdienermodell und eine männliche Präsenzkultur geprägt sind.
So berechtigt und wichtig die Kritik an den dauergestressten Digitalarbeiter_innen auch ist: Dass der Stresspegel eines prekarisierten Grafikdesigners, der mit seinem Airbook im Co-Work-Space seine Freelance-Aufträge abarbeitet, tatsächlich den einer Krankenschwester im Schichtdienst oder einer alleinerziehenden Mutter an der Supermarktkasse übersteigt, darf bezweifelt werden.

 

© Chris Crisman: „Women’s Work“ In seiner Fotoserie „Women’s Work“ porträtierte der kalifornische Fotograf Chris Crisman Frauen in für sie eher untypischen Berufen. Inspiriert wurde er von Heather Marold Thomason, die ihren Job als Webdesignerin kündigte, um als Metzgerin zu arbeiten. „Gender sollte nicht über den Berufsweg bestimmen“, sagte Crisman in einem Interview.

© Chris Crisman: „Women’s Work“
In seiner Fotoserie „Women’s Work“ porträtierte der kalifornische Fotograf Chris Crisman Frauen in für sie eher untypischen Berufen. Inspiriert wurde er von Heather Marold Thomason, die ihren Job als Webdesignerin kündigte, um als Metzgerin zu arbeiten. „Gender sollte nicht über den Berufsweg bestimmen“, sagte Crisman in einem Interview.

 

Selbstbestimmung & Sicherheit. Nicht nur Boltanski und Chiapello lässt sich also erwidern, dass sich beides – also größtmögliche Selbstbestimmung beim Arbeiten und soziale Sicherheit – nicht zwangsläufig ausschließen muss und man beides deshalb auch nicht gegeneinander ausspielen sollte. Dieses Argument lässt sich ganz allgemein bei der Debatte um Homeoffice und mobiles Arbeiten starkmachen, denn beides sind Arbeitsformen, die unter den richtigen Voraussetzungen insbesondere für Frauen*, die nach wie vor den Großteil der Erziehungs- und Sorgearbeit stemmen, durchaus Erleichterungen bringen können. Allerdings muss für diese Voraussetzungen erst gekämpft werden.
Das wichtigste Argument für die Vorteile von Heimarbeit ist die viel zitierte „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Sie wird gerne mit Bildern von Frauen illustriert, die mit einem seligen Säugling auf dem Schoß am heimischen Schreibtisch sitzen, die eine Hand an der Wiege, die andere an der Maus. Die Realität aufmerksamkeitsfordernder Kleinkinder sieht bekanntlich anders aus. Nichtsdestotrotz überwiegen durch die Möglichkeit zur Selbstorganisation, zur freien Arbeitszeiteinteilung und durch fehlende Arbeitswege unterm Strich die Vorteile und Verbesserungen für viele berufstätige Eltern mit Betreuungspflichten (vorwiegend eben weiterhin Mütter). Studien zeigen, dass dies in gleichem Maße auch für Menschen gilt, die Angehörige pflegen müssen (vorwiegend ebenfalls Frauen).
Doch wenn sich zu Hause zu Telefonläuten und Termindruck noch Wäscheberge und brüllende Kinder gesellen, sind alle Benefits schnell wieder beim Teufel. Deshalb muss es bei der Diskussion um die Flexibilisierung von Arbeit unbedingt auch um die Neuverteilung von Haus- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern gehen – und eben nicht darum, wie Frauen* ihr ungleich größeres Arbeitspensum durch Leistung rund um die Uhr und in allen Lebenslagen weiter optimieren können.

Telearbeit. Auch Gewerkschaften und Betriebsräte stehen dem Homeoffice – oder der Telearbeit, wie diese Arbeitsform außerhalb Europas immer noch heißt, wo sie auch viel verbreiteter ist – oft skeptisch gegenüber und warnen vor explodierenden Arbeitszeiten, unbezahlten Überstunden sowie der Ausgrenzung von abwesenden Angestellten aus dem Team. In guter sozialistischer Tradition gilt ihnen die Arbeit in Gemeinschaft zudem als zentraler identitätsstiftender Lebensbereich, der die Integration in die Gesellschaft garantiert. Viele Arbeitgeber_innen hingegen fürchten im Gegenteil den Kontrollverlust und haben Angst, dass ohne Aufsicht zu wenig gearbeitet werden könnte – obwohl Studien eine Produktivitätssteigerung im Homeoffice von bis zu zehn Prozent belegen. Ob es den Arbeitenden dabei durchwegs besser als im Büro geht, ist allerdings nicht unumstritten. 2010 zeigte eine Studie der Hochschule Luzern, dass Heimarbeit gesundheitsfördernd wirkt. Je mehr Menschen gemeinsam in einem Büro arbeiten, desto größer seien Stress, Belastung und Krankheitsanfälligkeit. Der Lärm, die ständige Ansprechbarkeit durch Kolleg_innen und die soziale Kontrolle dort würden zu psychischen und physischen Beeinträchtigungen führen, die sich auch in mehr Krankheitsausfällen niederschlagen und zu mehr Unzufriedenheit im Berufsalltag führen würden. Zu Hause ließe sich hingegen konzentrierter und damit eben auch produktiver arbeiten.
Größere Konzentrationsfähigkeit und Produktivität im Homeoffice bestätigt nun auch eine neue Untersuchung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Allerdings würden die längeren Phasen hochkonzentrierter Arbeit bei einer Regelarbeitszeit von acht Stunden auch zu größerer Erschöpfung und damit auch zu mehr Krankheiten führen.
Zusätzlich sollte angeführt werden, dass die ersehnte Ruhe zu Hause je nach persönlichen Bedürfnissen auch in das Gefühl von Einsamkeit umschlagen kann. Der Kontakt und die Kommunikation mit Kolleg_innen muss deshalb genau wie ausreichend Regenerationszeiten und echte Freizeit gut organisiert werden.

Stechuhr und Smartphone. Es ist also zwar durchaus zu begrüßen, dass in den Niederlanden 2015 ein Recht auf Homeoffice gesetzlich verankert wurde, auch der Umweltschutz durch weniger Emissionen durch Pendler_innen ist ein schlagendes Argument dafür. Doch wer mehr Selbstbestimmung und Selbstorganisation fordert, darf deren Schattenseiten nicht ignorieren – vom grassierenden Problem ausbeuterischer Scheinselbstständigkeit gar nicht zu reden. Angesichts der Arbeitsrealität vieler Menschen dürfen diese Forderungen jedoch nicht aufgegeben werden. Denn viele haben derzeit die Nachteile beider Welten, also Selbstverantwortung ohne soziale Sicherheit. Oder eben Stechuhr und Smartphone, um auch außerhalb des Büros Mails und Anrufe erledigen zu können – je nach Studie und Berufsfeld sollen bis zu zwei Drittel aller Berufstätigen auch außerhalb ihrer Arbeitszeit abends und am Wochenende für ihre Vorgesetzten erreichbar sein. Ihr schmutziges Geschirr konkurriert zwar nicht untertags mit ihrer Schreibtischarbeit, wartet dafür aber eben nach einem langen Bürotag noch in der Spüle auf sie.

 

 

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