Siri & die Jungs von Silicon-Valley

Nicht die Smartphones sind schuld an Stress und Überlastung. LEA SUSEMICHEL sprach mit der feministischen Techniksoziologin JUDY WAJCMAN darüber, wie Technofeminismus und Roboterrevolution unser (Arbeits-)Leben sogar schöner machen könnten.

 

an.schläge: Sie behaupten, unsere Beziehung zu neuer Technologie sei voller Widersprüche: Einerseits fetischisieren wir unsere Smartphones und Computer und möchten sie nicht mehr missen, gleichzeitig beschuldigen wir sie, uns unsere Zeit zu stehlen. Einer Ihrer jüngsten Vorträge trägt den Titel: „Siri, why am I so busy?“ Was ist Ihre Antwort? Dass die kapitalistische Gesellschaft schuld ist – nicht der Apple-Assistent Siri und unsere Smartphones?

Judy Wajcman: Ich will nicht sagen, dass Technologie nicht wichtig ist, sie ist sehr wichtig, deshalb arbeite ich ja auch dazu. Aber sie ist eben auch nicht alles. Alle reden über Technologie und ständige Erreichbarkeit, aber niemand redet über die Tatsache, dass die größte arbeitsmarktpolitische Veränderung der letzten fünfzig Jahre der Eintritt von Frauen und insbesondere von Müttern in den Arbeitsmarkt war. Und dass die Menschen mit der höchsten Arbeitsbelastung berufstätige Mütter sind. Aber es ist natürlich längst nicht so sexy über gestresste Mütter wie über Siri zu sprechen. Doch wir müssen über diese strukturellen Dinge reden, über Mehrfachbelastungen und geänderte prekarisierte Arbeitsbedingungen, die besonders auch durch die neuen Technologien geprägt sind. Aber die Belastung und der Stress sind ein Resultat unterschiedlicher Faktoren.

Hat die Digitalisierung auch einen positiven Einfluss auf unsere sozialen Beziehungen und unser Leben?

Mich stört an dieser Debatte, dass es nur Entweder-Oder gibt, entweder ist alles toll oder es ist grauenhaft, utopisch oder dystopisch.
Wenn man mit berufstätigen Eltern spricht, dann sagen viele, dass das Handy für sie eine unverzichtbare Erleichterung ist: Sie können die Kinder nach der Schule anrufen, von unterwegs Erledigungen organisieren und Einkäufe absprechen. Das Smartphone ermöglicht eine Verbundenheit, die wir alle nutzen und lieben. Auf der anderen Seite ermöglicht es Arbeitgeber_innen, uns Tag und Nacht anzurufen, und verlangt uns Erreichbarkeit am Abend und am Wochenende ab. Alle neuen Technologien sind also ambivalent und haben widersprüchliche Effekte, wir können sie für uns selbst nutzen, um unsere Aufgaben und unsere Zeit besser zu organisieren, sie machen uns aber auch verwundbar.

Eine Ihrer zentralen Thesen ist, dass Technologie nicht frei von Ideologie und Politik ist. Was heißt das?

Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Diese Fitnesstracker, die Leute ums Handgelenk tragen, scheinen auf den ersten Blick etwas Gutes zu sein, wir messen damit einfach, wie viel wir uns bewegen. Aber in ihnen ist letztlich die Ideologie verborgen, dass die Verantwortung für unsere Gesundheit bei uns selbst liegt. Dass wir selbst schuld sind, wenn wir uns nicht genug bewegen und zu viel wiegen und krank werden. Inzwischen gibt es in den USA sogar Unternehmen, die diese Dinger an ihre Mitarbeiter_innen verteilen. Aber wir sollten wissen, dass sich nicht alle Menschen gesundes Essen und einen gesunden Lebensstil leisten können. Außerdem ist auch beim Thema Gesundheit nicht alles so eindeutig. Es gibt eine Forschungsarbeit übers Rauchen, in der gezeigt wird, wie wichtig die Zigarettenpause fürs Wohlbefinden von Müttern sein kann, diese fünf Minuten Ruhe, in denen sie sich Zeit und Raum für sich selber nehmen dürfen. Das fand ich sehr aufschlussreich.

In Sachen technologischer Entwicklung sind IT-Unternehmen im US-amerikanischen Silicon Valley heute tonangebend. Die Unternehmer dort, meist junge Absolventen einer Elite-Universität, kritisieren Sie häufig. Welches Problem haben Sie mit diesen Silicon-Valley-Jungs?

Unsere „Workaholic“-Kultur, in der rund um die Uhr gearbeitet wird, ist eine männliche Kultur. Um das zu zeigen, muss man nicht einmal auf die weitverbreitete sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verweisen, die momentan ständig Thema ist, ob bei Uber und sonst wo. Es genügt, sich das neue Google-Gebäude anzuschauen, in dem sich tatsächlich alles findet, Schwimmbad und Fitnessstudio – allerdings keine Kinderkrippe. Es sind vor allem junge Männer, auf die diese Form von Arbeitsleben zugeschnitten ist. Und so lange sich das nicht ändert, werden die Männer diese Arbeitsfelder auch weiter dominieren. Auch die alten Stereotype über Technologie als Männersache sind längst nicht überwunden. In der Cybersecurity-Industrie, einem wichtigen und wachsenden Arbeitsbereich, arbeiten nur sechs bis acht Prozent Frauen. Doch Frauen aus diesem Bereich sagen, dass das nichts damit zu tun hat, dass es nicht genug grundsätzlich interessierte und fähige Frauen gäbe, sondern mit der Art, wie die Leute angeworben werden. Es werden gezielt Gamer adressiert, genauso gut könnte man aber sagen, dass man für diesen Job gut im Umgang mit Computern und Social Media sein muss – dann würden sich auch jede Menge Mädchen bewerben.

Sie lehnen ein bedingungsloses Grundeinkommen ab, weil es Ihrer Meinung nach gut in ein neoliberales Modell passt, das Menschen möglichst billig abspeisen will. Doch gerade Feministinnen betonen, dass ihr Konzept eines Grundeinkommens grundverschieden ist von den Ideen neoliberaler Parteien und Unternehmen.

Viele sehr kluge Leute sprechen sich mit sehr guten Gründen für das Grundeinkommen aus – es kann also durchaus sein, dass ich falsch liege.
Aber ich habe die Befürchtung, dass die Forderung nach einem Grundeinkommen dazu beiträgt, dass wir dem Gang der Technologisierung von Erwerbsarbeit einfach seinen Lauf lassen, ohne uns einzumischen. Dass wir aus dem Blick verlieren, wie wichtig Erwerbsarbeit für unsere Identität ist und für unsere Möglichkeiten, uns zu organisieren.

 

© Chris Crisman: „Women’s Work“, crismanphoto.com

© Chris Crisman: „Women’s Work“
In seiner Fotoserie „Women’s Work“ porträtierte der kalifornische Fotograf Chris Crisman Frauen in für sie eher untypischen Berufen. Inspiriert wurde er von Heather Marold Thomason, die ihren Job als Webdesignerin kündigte, um als Metzgerin zu arbeiten. „Gender sollte nicht über den Berufsweg bestimmen“, sagte Crisman in einem Interview.

 

Wie kann es gelingen, dass die fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung nicht im Widerspruch, sondern im Einklang mit den Interessen der arbeitenden Menschen stattfinden?

Eine sehr naheliegende Herangehensweise wäre es – und das fordere ich seit Jahrzehnten –, die Arbeitnehmer_innen einfach in diesen Prozess einzubeziehen. Sie sollen selbst entscheiden, welche Technologien sie wollen und brauchen. Es muss dabei die Frage im Mittelpunkt stehen, welche Technologie Menschen unterstützt, entlastet und ihre Fähigkeiten fördert – statt sie einfach nur zu ersetzen.
Derzeit entwickelt Silicon Valley einfach, was es will, und wir müssen damit klarkommen. Statt technologische Veränderungen von oben nach unten zu verordnen, brauchen wir jedoch die Mitbestimmung der Zivilgesellschaft.

Sie kritisieren immer wieder, dass unser „utopischer Horizont“ so eng und begrenzt sei, und fordern mehr radikale Ideen im Hinblick auf Automatisierung und Robotisierung. Brauchen wir nicht auch mehr feministische Utopien davon, wie wir leben und arbeiten wollen? Bislang gibt es ja nur sehr wenige konkrete Entwürfe.

Statt zum Beispiel Roboter zu erfinden, die sich um die alten Leute kümmern sollen, könnten wir eine Gesellschaft entwickeln, in der Junge und Alte zusammenleben. Wir könnten das Wohnen und das Gemeinschaftsleben, unsere gesamten Städte ganz neu konzipieren, damit mehr Integration möglich wird. Ganz grundsätzlich müssen wir über diese Dinge immer als soziale und gesellschaftliche Phänomene nachdenken und nicht in der Art, wie es Silicon Valley tut: Es gibt zu viele Alte, also muss eine robotisierte Lösung für ihre Pflege her.

Es gibt eine lange Tradition feministischer Technologiekritik, insbesondere im Hinblick auf Reproduktionsmedizin. Wie würden Sie im Gegensatz dazu „Technofeminismus“ definieren?

Ich bin ein großer Fan von Donna Haraway und ihrer Herangehensweise, wonach wir die Möglichkeiten von Technologie begrüßen und nutzen, dabei zugleich aber immer kritisch bleiben sollten. Unsere Technologie spiegelt unsere Gesellschaft, sie ist nicht besser oder schlechter. Sie ist nicht neutral, in ihr schlagen sich die politischen Verhältnisse nieder. Wir tragen also alle die Verantwortung dafür, eine gute Technologie zu entwickeln. Eine, die unser Leben bereichert, die Menschen hilft, statt in ihr Privatleben einzudringen – und die nicht zur Verbreitung von Fake News benutzt wird und nur die Unternehmen reicher macht.

In einem Essay sprechen Sie auch über Science-Fiction und die Filme „Ex Machina“ und „Her“, in denen die Roboter immer weibliche, erotische Kreaturen sind, die von ihrem männlichen Schöpfer kontrolliert werden. Wie könnte und sollte eine feministische Version, eine feministische „Roboterrevolution“ aussehen?

Es gibt ja durchaus eine lange Tradition feministischer Science-Fiction, die man sich anschauen kann, in der die Geschlechterrollen viel fließender sind und in der die Reproduktion ganz anders geregelt ist. Das Problem ist, dass die klassische Science-Fiction die gängigen Geschlechterstereotype mit ihren Repräsentationen von schöner, sexy Weiblichkeit meist noch verstärkt, statt tatsächlich Alternativen aufzuzeigen, wie ein anderes Leben möglich wäre. Eine Veränderung dieser Repräsentationen ist also ein guter Anfang.

 

Judy Wajcman ist Professorin an der London School of Economics and Political Science (LSE) und Leiterin des Instituts für Soziologie. Sie wird im August die Eröffnungsrede beim Europäischen Forum Alpbach zum Thema „Konflikt & Kooperation“ halten.

 

 

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