Kurzkommentare aus der Arbeitswelt

Stimmen aus den Branchen Industrie, Pflege, Bankenwesen, Consulting, Reinigung.

 

Als meine Stelle als Putzkraft in Gefahr war, wollten sich die Mitarbeiterinnen der Uni, an der ich putze, für mich einsetzen. Sie wussten aber nicht, dass ich gar nicht bei der Uni angestellt bin. Ich arbeite stattdessen bei einer großen Reinigungsfirma, in der übrigens viele MigrantInnen arbeiten, in der es aber gar keine Interessensvertretung für die ArbeiterInnen gibt. Die Uni hat das Putzen outgesourct – und damit auch die Verantwortung für die Menschen, die diesen Job erledigen. Manchmal müssen wir unsere Arbeit unvollendet lassen, weil die Firma unsere Zeit pro Stockwerk eines Gebäudes genau festlegt. Übrigens habe ich eigentlich Pharmazie studiert, in meiner Heimat, in der Ukraine. Das Studium wird in Österreich nicht anerkannt. Mit dem geringen Gehalt bei der Reinigungsfirma kann ich mit meinen zwei Kindern nicht überleben. Ich brauche dazu immer einen Mann an meiner Seite. Oxana Bohoslavets*

 

Abwechslungsreich ist mein mittlerweile zwanzigjähriger Berufsalltag als Krankenschwester auf jeden Fall: Durch die unterschiedlichen Dienste (Tag-, Nacht- und Kurzdienst) ist keine Woche wie die andere. Aber an den Arbeitsbedingungen ließe sich einiges verbessern, doch stattdessen wird sich der Betreuungsschlüssel wohl eher verschlechtern. Bei immer mehr Patient_innen und immer weniger Pflegepersonal leiden alle Seiten.
Die Hierarchien im Krankenhaus sind klar. Das Pflegepersonal hat, anders als die Ärzt_innen beispielsweise, überhaupt keine Lobby. Manchmal frage ich mich, ob die oft unterwürfige Haltung der Schwestern noch vom katholischen Erbe des Schwesternberufs stammt. Doch die „helfende“ Pflege muss dringend aufgewertet werden und zwischen Ärzt_innen und Pflegepersonal müsste eine Art Paartherapie stattfinden, um besser Hand in Hand arbeiten zu können, und damit auch effizienter.
Die fortschreitende Technisierung im medizinischen Bereich sehe ich in erster Linie positiv, denn sie hilft, Leben zu retten – ob es das von beispielsweise Komapatient_innen oder das von Frühchen ist. Natürlich stellen sich manchmal ethische Fragen in Bezug auf den Fortschritt, aber vieles hat sich hier auch zum Positiven gewendet. Cornelia

 

Da ich meine vierjährige Tochter pünktlich aus dem Kindergarten abholen muss und einen langen Arbeitsweg habe, ist das Arbeiten im Homeoffice für mich ein großer Vorteil. Ich spare mir dabei bis zu eineinhalb Stunden. Diese Zeit kann ich nutzen, um in stressigen Phasen etwas mehr zu arbeiten, oder auch, um einige private Dinge zu erledigen. Manchmal ist es auch einfach schön, in Ruhe zu frühstücken, nachdem ich meine Tochter in die Kita gebracht habe. Durch meine Teilzeit-Tätigkeit im Tender Management einer Beratungsgesellschaft reicht ein Laptop und eine Internetverbindung aus, um voll arbeitsfähig zu sein. Ich bin mir allerdings unsicher, ob das Arbeiten zu Hause wirklich effizienter ist. Im Büro wird man vom ständig klingelnden Telefon oder den KollegInnen abgelenkt, zu Hause ist es die unaufgeräumte Wohnung, der fast leere Kühlschrank oder manchmal auch die Zeitung oder der Fernseher.
Ich arbeite ein- bis zweimal pro Woche zu Hause, möchte dies aber auch nicht öfter tun, da das Arbeiten zu Hause ziemlich einsam ist und man irgendwann nicht mehr richtig „dazugehört“, wenn man sich im Büro selten blicken lässt. Der Austausch mit den KollegInnen hat doch einen nicht zu unterschätzenden Stellenwert, denke ich. Viele meiner KollegInnen nutzen Homeoffice, obwohl wir eigentlich nur 25 Prozent unserer Arbeitszeit von zu Hause aus arbeiten dürfen. Ausnahmen bestätigen die Regel. Martina Höller*

 

© Chris Crisman: „Women’s Work“ In seiner Fotoserie „Women’s Work“ porträtierte der kalifornische Fotograf Chris Crisman Frauen in für sie eher untypischen Berufen. Inspiriert wurde er von Heather Marold Thomason, die ihren Job als Webdesignerin kündigte, um als Metzgerin zu arbeiten. „Gender sollte nicht über den Berufsweg bestimmen“, sagte Crisman in einem Interview.

© Chris Crisman: „Women’s Work“
In seiner Fotoserie „Women’s Work“ porträtierte der kalifornische Fotograf Chris Crisman Frauen in für sie eher untypischen Berufen. Inspiriert wurde er von Heather Marold Thomason, die ihren Job als Webdesignerin kündigte, um als Metzgerin zu arbeiten. „Gender sollte nicht über den Berufsweg bestimmen“, sagte Crisman in einem Interview.

 

Als Industriemechanikerin gibt es für mich eine berufliche Konstante: Ich bin die einzige Frau. Ich kenne zwar welche, die Ähnliches machen, aber ich habe keine Kolleginnen in meinem direkten Arbeitsumfeld. Davor habe ich in der Pflege gearbeitet, was sehr belastend war: so gut wie keine oder nur schlechte Hilfsmittel, extrem viel körperliche Anstrengung, schlechte Arbeitsbedingungen.
Industriemechanikerin kann auch ein sehr heftiger Job sein. Gegen die Pflegearbeit war er aber ein Spaziergang. Trotzdem immer wieder: Ja, aber du als Frau, da kommste doch körperlich an deine Grenzen. Von Typen, die beim Anziehen von ein paar Schrauben schon rummackern, wie hart das ist, aber keine Ahnung hätten, wie sie ’nen hundert Kilo schweren Patienten bewegen. Immer wieder, auch bei Bewerbungsgesprächen ist das ein Thema, ob ich das überhaupt schaffe. Und ich denke jedes Mal: Warum nicht? Selbst von den korrektesten Kollegen kommt dieses Vorurteil: Frauen sind schwächer. Also muss ich das irgendwie kompensieren. Ich muss so weit überzeugen können, dass jemandem das „körperliche Defizit“ egal ist.
Und da ist technischer Fortschritt schon was Nettes: mehr Automatisierung, mehr und mehr Arbeiten am Computer, immer mehr Arbeiten, bei denen technisches Verständnis gefragt und weniger körperliche Arbeit gefordert ist. Und das trauen sie mir schon zu. Franziska Naja*

 

Ich arbeite seit über 13 Jahren in der Bankbranche, aktuell im Rechnungswesen. Da ich in einer sehr kleinen Bank angestellt bin, bin ich neben der Buchhaltung und der Bilanzerstellung auch für die Gehaltsverrechnung und Sekretariatsagenden zuständig. Quasi „Mädchen für alles“ oder – wie man es heute nennt – meine „Hands on“-Mentalität ist sehr ausgeprägt.
Die Digitalisierung ist bei uns in der Bank ein großes Thema. Der Kundenkontakt besteht nicht mehr in der persönlichen Vorsprache, sondern aus einem Besuch auf der Homepage. Die Kommunikationswege digitalisieren sich immer mehr. E-Mail, Telefon, Homepage und vor allem das Internetbanking sind die wichtigsten Werkzeuge bei der „Servicierung“ der Kunden. Selbst die Infoweitergabe unter den KollegInnen erfolgt inzwischen vermehrt über ein Chatprogramm. Da das gesamte Leben immer schneller läuft und alles möglichst sofort zu erfolgen hat, müssen natürlich auch wir mithilfe von Digitalisierung 24 Stunden für unsere KundInnen verfügbar sein. Das setzt voraus, dass wir auch als Bankangestellte immer schneller und flexibler mit dieser neuen Art der Kundenbetreuung umgehen. Anytime, Anywhere! Ruth

 

Arbeitsscheu, faul, Querulantin, pubertär, asozial. Das sind die Vorurteile, mit denen ich mich herumschlagen muss. Dreißig Jahre alt, Pflichtschulabschluss, Heimhilfeausbildung, die ich nicht mehr nutzen darf (Rücken), ohne Lohnarbeit, ohne Lehrabschluss. Ziel: Hilfsarbeiterin. Falsch! Ich möchte eine Ausbildung machen, lernen, Neues erfahren, und das tue ich auch, und nur weil ich davon momentan nicht ohne staatliche Hilfe leben kann, soll ich mich selbst aufgeben, damit ich den armen Staat nicht mehr belaste? Aber das machen doch schließlich alle so, heißt es, alle arbeiten mindestens vierzig Stunden in einem Job, den sie nicht mögen, um sich ihre Ausbildung zu finanzieren, damit sie vielleicht irgendwann das machen können, was sie möchten, und stellen ihr Leben jahrelang hinten an. Hättest halt was gelernt, früher als noch Zeit war. Ja, wann denn? Ich bin ja seit ich 18 bin beim Sozialamt und beim AMS gemeldet. Und ist es denn wirklich so abartig, eine Ausbildung zu wollen, die vielleicht nicht in den Top Ten der meistgesuchten Berufe liegt? Sich ArbeitgeberInnen zu wünschen, die MitarbeiterInnen wertschätzen? Auf sich selbst zu schauen und seine Grenzen zu akzeptieren, Zeit für Familie und FreundInnen zu haben? Ja, das kannst du schon machen, wenn du reiche Eltern hast, aber nicht auf Staatskosten. Auf Staatskosten hast du zu parieren, deinen Mund zu halten, zu tun, was mensch dir sagt, keine Lebensfreude zu empfinden und am besten keine Fragen zu stellen. Vermutlich wäre das der einfachste Weg und alle wären zufrieden, außer mir. Aber wer kümmert sich denn sonst um mich, wenn nicht ich selbst? Desiree Bernstein

 

* Name von der Redaktion geändert

 

 

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