Der postfaktische Präsident

Postrukturalistische Theorie und die Rede von „Alternative Facts“ haben leider einiges gemeinsam. Das sollten wir nicht länger ignorieren, meint BEATRICE FRASL.

 

Conway: „You‘re saying it‘s a falsehood and Sean Spicer, our press secretary, gave alternative facts to that.“ Todd: „Alternative facts are not facts. They are falsehoods.“
Dies ist kein Zitat aus einem Huxley-Roman, sondern ein inzwischen berühmt gewordener Ausschnitt aus einem Interview mit Kellyanne Conway, Trumps Chef-Wahlkampfstrategin und Beraterin. Es ist das wohl pointierteste Beispiel für ein Phänomen, das in den letzten Monaten gerne als „Postfaktizismus“ bezeichnet wird – für ein Zeitalter, in dem wahr ist, was man glaubt. In dem Unwahrheiten plötzlich nicht mehr Lügen oder Propaganda sind, sondern Alternativfakten. Und in dem Fakten, wissenschaftliche Erkenntnisse und Statistiken nur dann Validität zugesprochen wird, wenn sie dem eigenen subjektiven und situativen Wahrheitsempfinden entsprechen. US Late-Show-Host Stephen Colbert hat dieses „Empfinden“, dieses Bauchgefühl, das über belegbare Fakten gestellt wird, treffend als „truthiness“ bezeichnet.

Relativismus. Ich möchte mich hier einem bisher vernachlässigten Aspekt von Rechtspopulismus und Trumpismus widmen und zwar seinen Überschneidungen mit poststrukturalistischen Glaubenssätzen. Denn: Trump ist nicht nur der unqualifizierteste, rechtspopulistischste, rassistischste und misogynste Präsident, den die USA je gesehen haben, sondern auch der poststrukturalistischste.
Die philosophische Strömung des Poststrukturalismus ist geprägt von epistemischem Relativismus. Der Idee also, es gebe keine allgemeingültige Wahrheit sowie keine allgemein und universal gültigen ethischen Grundlagen oder Werte. Was in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext als wahr gilt, ist eingebunden in und hervorgebracht durch Machtverhältnisse. Eine Wahrheit ist immer nur eine von vielen möglichen. Dies ist in Zeiten, in denen Wissenschaft und Forschung im Allgemeinen und die Geisteswissenschaften im Besonderen händeringend um Forschungsförderung und Finanzierung kämpfen, aber leider ein Eigentor, da mit der Untergrabung der Autorität wissenschaftlicher Erkenntnis über persönliches objektives Wahrheitsempfinden auch die Legitimität dieser Forschung infrage gestellt wird. Und dies wiederum hat nicht nur sehr reale ökonomische Folgen für jene, die sich selbst innerhalb der Wissenschaften um Wahrheitsfindung bemühen, und in Folge für die Wahrheitsfindung selbst, es hat angesichts der aktuellen Entwicklungen potenziell auch hochgefährliche politische Auswirkungen. Trumpistische „alternative facts“ sind die letzte Konsequenz dieser Haltung.

 

Joe Flood/flickr

Beim March for Science demonstrierten Ende April Zehntausende in Washington, D.C. für den Wert von Wissenschaft und Forschung und gegen „alternative Fakten“. (Joe Flood/flickr)

 

Klimawandel. Auch der Umgang des Trump-Kabinetts mit dem Thema Klimawandel kann als ein Beispiel für den poststrukturalistischen Umgang mit wissenschaftlich generierter Wahrheit gelten. Der Klimawandel ist ein wissenschaftlich anerkanntes und mittlerweile recht gut erforschtes Faktum. Dennoch glauben weite Teile der amerikanischen Republikaner_innen einfach nicht daran, dass er existiert. Dieser Glaube hat keine faktische, wissenschaftliche Grundlage – er besteht dennoch. Für manche Klimawandelleugner, wie Rex Tillerson, der vor seiner Position als Außenminister im Trump‘schen Kabinett Präsident der Ölfirma Exxon Neftegas Limited war, sind hier wohl manifeste wirtschaftliche Interessen verantwortlich. Andere scheinen allerdings schlicht ihren Glauben, dass nicht sein kann, was nicht sein soll, vor wissenschaftliche Erkenntnis zu stellen. „Truthiness“ wiegt schwerer als truth, vielleicht auch aufgrund intellektueller Überforderung bei der Verarbeitung komplexer (natur-)wissenschaftlicher Informationen. So wie Trump selbst, der den Klimawandel als einen von China erfundenen Hoax bezeichnete und einmal sagte, wenn sein Apartment gut verschlossen wäre, würde das von ihm verwendete Haarspray auch nicht zur Zerstörung der Ozonschicht beitragen.
Postrukturalistischer epistemischer Relativismus ist also tatsächlich zu einer reellen Bedrohung geworden, nicht nur für die Wissenschaften, sondern für die Menschheit und ihr Fortbestehen. Und: Er nimmt uns die Möglichkeit, politische Verantwortungsträger_innen zur Verantwortung zu ziehen, da die Referenz auf eine Alternativwahrheit, auf „alternative facts“ immer eine Möglichkeit darstellt, sich aus dieser Verantwortung zu stehlen.

Queer Theory. Trump ist hier allerdings nur ein Aspekt einer breiteren gesellschaftlichen Entwicklung, in der sich politischer Diskurs von wissenschaftlicher Faktizität abwendet und in welcher vormals linker Poststrukturalismus und repressive konservative, rechte und rechtspopulistische Politik zusammenfallen. So wird auch die Queer Theory, die tief verwurzelt ist in poststrukturalistischem Denken, gegen jene verwendet, die sie propagieren – zu LGBTIQ*-feindlichen Zwecken.
Während weite Teile der Gay-Rights-Bewegung in den letzten Jahren ein „Born This Way“-Narrativ vertreten, also menschliche Sexualität als unveränderbaren, angeborenen Fakt propagieren, sehen Proponent_innen postrukturalistischer Queer Theory Sexualität als ein kontingentes, fluides, arbiträr definiertes, nicht-naturhaftes (Er-)Leben.
Von konservativer Seite lautete im Anschluss daran das Argument, wenn sexuelle Orientierung fluide und veränderbar sei, dann müsse der Staat Menschen nicht das Recht einräumen, Menschen zu heiraten, die dieser (veränderbaren) (homo-)sexuellen Orientierung entsprechen.
Aber auch Vertreter_innen der sogenannten Gay Conversion Therapy verweisen auf die postrukturalistische Idee der Veränderbarkeit – und meinen damit die Therapierbarkeit von Homosexualität.

Schnittmengen. Natürlich verzerren und verkürzen konservative Gegner_innen von LGBT-Rechten dabei die queertheoretischen Grundlagen und stellen sie vielerorts schlichtweg falsch dar. Dennoch scheint es dringend diskussionswürdig, dass es zwischen Queer Theorie und anti-queeren Politiken offenbar einige Schnittmengen gibt. Denn der Poststrukturalismus und die dem Poststrukturalismus entspringende Queer Theory haben sich gegen ihre eigenen Vertreter_innen gewendet.
Teresa de Lauretis, die „Schöpferin“ des Terminus Queer Theory, hat sich in der Zwischenzeit wieder davon abgewendet. Ihre Kritik ist, der Begriff sei heute intellektuell und politisch völlig entleert und führe letzten Endes zu Handlungsunfähigkeit. Wir müssen uns also die Frage stellen, welchen Zweck philosophische Theorien erfüllen, wenn sie gegen unsere eigenen politischen Ziele gewendet und gar für repressive und rechte Politiken verwendet werden können.
Es wird Zeit, dass wir uns von manchen poststrukturalistischen Ideen verabschieden. Und sei es nur um unserer selbst willen. Alternative Fakten sind nämlich keine Fakten. Sie sind Lügen und Propaganda.

 

Beatrice Frasl ist derzeit Junior Fellow am internationalen Forschungszentrum für Kulturwissenschaften in Wien und Doktorandin an den Universitäten Kingston upon Hull und Wien. Außerdem ist sie Gründerin und Co-Host des feministischen Podcasts „She Who Persisted“.

 

 

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1 Kommentar

  1. der ausgangspunkt dieses essays ist fragwürdig: was sind „poststrukturalistische glaubenssätze“? wer mag diese verfasst haben? die autorin geht von einem „epistemischen relativismus“ aus, skizziert diesen aber recht pauschal und freihändig, wimit die eigentliche analyse ausbleibt.

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