an.sprüche: Inkludiert mich doch am Arsch!

Ich kann das Wort Inklusion nicht mehr hören. Von T. GRUNDSTEIN

 

Versteht mich nicht falsch – als politische Forderung zur Umsetzung von Menschenrechten ist Inklusion als Schlagwort durchaus brauchbar, weil der Mainstream was damit anfangen kann und das Wort leicht erklärbar ist. Aber auf der individuellen Ebene, in zwischenmenschlichen Kontakten, ist es ein Un-Wort geworden.
Zum einen heißt Inklusion auf Deutsch Einschluss. Ich will aber nicht eingeschlossen werden, ich will frei sein! Schafft Rahmenbedingungen, die es uns ermöglichen, uns frei zu bewegen. Und zwar auf allen Ebenen. Dann können wir uns auf Augenhöhe begegnen. Dann können wir uns auch aussuchen, wo wir dabei sein wollen und wo nicht. Dann können wir uns auch entscheiden, euch nicht dabeihaben zu wollen. Da reden wir dann aber nicht von Inklusion, sondern von Chancengleichheit!
Und wer soll denn überhaupt wo inkludiert werden? Wir waren immer schon da, wir behinderte Menschen waren nie weg! Ihr nicht-behinderte Menschen habt uns nur nicht sehen wollen.

Die Schnauze voll. Früher habt ihr Unmengen an Geldern dafür ausgegeben, uns wegzusperren, uns zu „besondern“. Später seid ihr dann dazu übergegangen, uns zu ermorden. Dann wart ihr wieder gnädiger und habt schönere Anstalten gebaut für diejenigen von uns, die eurer immer „treffsichereren“ Selektion (eugenische Indikation, PID, PND) entronnen sind. Egal von welcher Epoche wir reden, bis dato bestimmt ihr, wie unser Leben aussieht und ob es uns geben darf. Wir sind von euren Gnaden abhängig. Und davon hab ich einfach die Schnauze voll. Inkludiert mich doch am Arsch!
Liebe nicht-behinderte Menschen! Werdet euch eurer Privilegien bewusst, hinterfragt sie, teilt sie. Und dann fragt doch mal nach, ob wir euch inkludieren wollen.
Und: Natürlich müssen auch wir behinderte Menschen, zumindest die, die weiß, mittelschichtszugehörig, hetero … sind, uns mit unseren jeweiligen Privilegien im Vergleich zu anderen marginalisierten Gruppen auseinandersetzen!

 

Drei Schwestern im Theaterstück RambaZamba, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland, www.andiweiland.de

Drei Schwestern im Theaterstück RambaZamba, www.gesellschaftsbilder.de © Andi Weiland

 

Angst vor Augenhöhe. Eine so scharfe Sprache zu verwenden, ist ungewöhnlich bzw. untypisch für eine behinderte Person, ich bin mir dessen bewusst. Aber ich frage mich, warum es gerade in aufgeschlossenen, gesellschaftskritischen Kreisen so viele wunderbare Diskussionen in Sachen Privilegien gibt, außer es geht um das Topic Behinderung.
Meine Vermutung ist, dass die Angst, sich dann wirklich auf Augenhöhe zu begegnen, im Weg steht. Es scheint in unserer Gesellschaft sehr tief verankert zu sein, dass behinderte Menschen so völlig anders sind. Und irgendwie ist das für viele Menschen eine Ordnung, die sie nicht ändern wollen.
Behinderte Menschen sind immer mehr sichtbar, weil bauliche und strukturelle Barrieren immer weniger werden. Das ist eine begrüßenswerte Entwicklung.
Dadurch mehren sich Begegnungsmöglichkeiten zwischen behinderten und nicht-behinderten Personen, gemeinsame Räume entstehen, ein Miteinander-Tun entsteht, Freund*innenschaften entstehen. Je näher wir Menschen an uns ran lassen, umso mehr sind diese auf unserer Augenhöhe.
Und dann?! Dann ist oft der Rahmen an möglichen Annäherungen erschöpft.

Hand aufs Herz. Denn, liebe nicht-behinderte Leute, Hand aufs Herz, wer liegt neben euch im Bett? Wen findet ihr begehrenswert, sexy, schön? Ist es die Person mit der krummen Wirbelsäule? Oder die Person, deren Bewegungen mit Armen und Beinen immer für Überraschungen gut sind? Ist es die Person, deren Beine keinen Widerstand leisten, aber die dich mit ihren Attitüden voll im Griff hat? Ist es die Person, die beim Orgasmus kaum mehr Luft bekommt und deshalb das Asthmaspray dazu braucht? Ist es die Person, die du sprichwörtlich auf Händen tragen musst, wenn ihr Sex haben wollt?
Ich rede hier nicht von Fetischisierung bestimmter Behinderungen. Ich rede davon, einen behinderten Körper schön zu finden, wie er ist. Ihn begehren, sexy und attraktiv finden. Ganz bewusst rede ich hier vom Körper. Denn es geht mir um Körpernormen, nicht um Sympathien.
Solange es die Körpernormen in unserer Gesellschaft gibt, dass behinderte, dicke, trans*, inter* Personen als „anders“ angesehen werden, solange gibt es eine klare Hierarchie und keine echte Chance auf Gleichberechtigung. Und das zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten und Communities.

 

T. Grundstein ist langjährige*r Aktivist*in der emanzipatorischen Behindertenbewegung und Mitinitiator*in der „Queers on Wheels“ und „Behindert und Verrückt feiern – Wien“.

 

 

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