zeitausgleich: Ich bin schwanger

arbeitsfragen in allen lebenslagen

 

Meine Beine zittern, als ich die Werkstatt aufschließe. Mein Chef ist noch nicht da. Vor zwei Tagen hielt ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand, und heute muss ich es meinem Chef sagen. In einer Tischlerei kann man leider nicht drei Monate warten, bis man damit rausrückt. Zu viele Gefahrenquellen.
Dann ist es so weit. Mein Chef steht in der Tür und sieht ziemlich übermüdet aus: „Ich konnte das ganze Wochenende nicht richtig schlafen, weil ich mich entscheiden musste, ob wir den großen Auftrag annehmen oder nicht. Gerade habe ich die Zusage abgeschickt. Ich habe schon etwas Angst davor.“
Oh nein! Auch das noch!
Und jetzt ich: „Ich habe auch Angst. Ich bin schwanger.“
Mein Chef starrt mich an: „Das ist zu viel für mich!“ Seine Hände zittern und er geht in sein Büro. So hatte ich mir das jetzt nicht vorgestellt. Verdammt.
Der Arbeitstag endet mit einer Auseinandersetzung, bei der wir uns gegenseitig Dinge an den Kopf werfen, die jemals zu äußern uns zuvor nicht im Traum eingefallen wäre.
„Du hättest mal Rücksicht auf mich nehmen können! Das ist ganz schön egoistisch von dir! Wer soll denn jetzt die Aufträge bearbeiten? Das mit dem Sexverbot für die nächsten drei Monate, was ich letztens im Auto gesagt habe, war kein Witz! Soll jede Firma ihre Interessen hinter die der Frauen stellen, die Kinder wollen? Da muss man sich auch nicht mehr wundern, wenn ich keine Frau mehr einstelle!“
„Ja, so sieht es wohl aus“, sage ich nur.
Bis zu diesem Tag hatte ich ein sehr enges und vertrautes Verhältnis zu meinem Chef. Ich hätte ihm diese Art von Reaktion auf meine Schwangerschaft nie im Leben zugetraut. Gerade ihm, der gerne mit Frauen zusammenarbeitet. Heute reden wir zwar noch gut miteinander, aber für mich ist nun alles anders als vorher. Die gute Beziehung zwischen uns, die mal da war, hat einen ganz gewaltigen Knacks bekommen.

 

Anna-Katharina hat im Dezember ihr erstes Kind bekommen und erwartet, dass Frauen für ihre Entscheidung, Mutter zu werden, nicht diskriminiert werden. Sie glaubt daran, dass Job und Familie vereinbar sind.

 

Zeitausgleich

Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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