neuland: Hommage an die Berliner U-Bahn

alltägliche grenzerfahrungen

 

In der Berliner U-Bahn kann frau essen, lesen, flirten, sich streiten oder Make-up auftragen. Ich habe bei der Fahrt hier sogar schon mal eine Maniküre erlebt. „Knock!“, hat der Nagelknipser gemacht und die Nägel sind in alle
Richtungen geflogen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit ist etwas los: Jemand hat einen Vintage-Kassenapparat dabei und druckt damit laut Kassenbons aus. Manche zerknüllt er mit einer theatralischen Geste und wirft sie dann weg.
Ein Fahrgast telefoniert mit seinem Bruder, der angeblich sein geliehenes Auto kaputtgefahren hat. „Die Eltern haben dich adoptiert!“, flüstert er empört ins Telefon. „Jetzt ist der Vater krank und ich übernehme die Führung. Ich werfe dich aus der Familie!“
Ein anderes Mal zeichnet mich eine Künstlerin heimlich drei Stationen lang und ich tue so, als ob ich nichts merke.
Als einmal ein Betrunkener mit unglaublich schönen blonden Locken sich den italienischen Touristinnen vor die Füße wirft und sie auf Deutsch und Italienisch mit Gesang unterhält, ist das noch skurril. Als die Touristinnen aussteigen und er etwas auf Arabisch sagt und damit das Missfallen einer mitfahrenden Männergruppe erregt, wird es bedrohlich. Zuerst wird geschimpft, dann steht einer auf und stellt seinen Fuß auf die auf dem Boden liegenden Haare des Blonden. Jetzt weiß ich, wie man die Notbremse bedient.
Als ich kurz darauf eines Nachts nach Hause fahre, sitzt vor mir ein Pärchen, beide um die 18 Jahre alt. Sie liegt passiv auf der Bank, er scheint sie zu verschlingen, küsst sie mit wilden Geräuschen, streichelt unter der Jacke. Als ich gerade überlege, ob es sich um einen Gewaltakt handelt und ich mich einmischen sollte, regt sich das Mädchen, setzt sich ihrem Freund auf den Schoß und erwidert seine Küsse. Ich atme aus. Und auch wenn das fremde Schmatzen mich zugegebenermaßen etwas stört, macht Liebe sofort alles besser. Ich steige aus. Ich bin angekommen.

 

Jeanna Krömer (37) ist belarussische Journalistin, Feministin und Deutschtrainerin aus Berlin. Dies ist ihre letzte Kolumne an dieser Stelle. Bleibt mit ihr in Kontakt: jakroemer@gmail.com

 

 

 

 

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