heimspiel: Realer als ein Trickfilm

leben mit kindern

 

In einem ruhigen Moment während der letzten Ferien erzählt meine Tochter T. (damals acht), Mitschüler*innen hätten zu ihr gesagt, sie sei eine Lügnerin, weil sie behaupte, dass sie vier Mütter habe. „Das gibt es nicht! Und dein Papa ist tot!“ Doch eigentlich wissen alle Kinder aus der Klasse Bescheid. T. erzählt allen, die es wissen wollen (oder auch nicht), wie sich ihre vielmüttrige Familie zusammensetzt, samt Spende aus der Samenbank.
Eine dieser Mütter machte auch einen Schulbesuch und hat der Klasse das Buch „Alles Familie“ mit unterschiedlichsten Familienmodellen vorgestellt und dabei auch von unserer Familie erzählt. T.s Freund*innen kennen uns. Doch trotz dieses Vorwissens bleibt meine Tochter in den Augen mancher Mitschüler*innen eine Lügnerin. Es braucht also stichhaltige Beweise. Was kann T. solchen Verleumdungen sprachlich und bildlich entgegensetzen?
Einen Trickfilm über unsere Familie! Was ist realer als eine gut gemachte Animation? Griffbereit auf ihrem Tablet! Filmemachen ist schließlich mein Beruf. T. ist sofort begeistert. Wir beginnen die Arbeit an den Figuren, den Requisiten, feilen am Drehbuch. Doch je leidenschaftlicher ich in unser Filmprojekt „Das ist unsere Familie“ reinkippe, desto mehr lässt T.s Interesse nach. Bis sie schließlich viel lieber einen Astronautinnen-Film machen will. T. entwickelt das Drehbuch spontan vor der Kamera, während die Wickeldraht-Klebeband-Astronautinnen an Nylonschnüren ihre Abenteuer erleben: drohender Sauerstoffmangel, Abdriften des Raumschiffs, Rettung in letzter Minute.
Während der Bastel-Dreh-Schnitttage mit neuer Rollenverteilung (Buch, Regie, Schnitt: T., Produktionsassistenz: ich) haben wir beide viel Zeit, uns über die abertausend möglichen Familienkonstellationen und die ahnungslosen Erdenbewohner*innen auszutauschen.

 

Theo Hoffnungsthal hofft heimlich weiter, das Familien-Filmprojekt mit ihrer Tochter fertigzustellen. Dafür muss sie aber noch lernen, ihre eigenen Visionen nicht zu sehr in den Vordergrund zu stellen und stärker auf die Ideen ihrer Filmpartnerin einzugehen.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern

Illustration: Nadine Kappacher

 

 

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