Schwarzer Montag

In Polen verhinderten Feministinnen ein Totalverbot des Schwangerschaftsabbruchs. LEONIE KAPFER hat mit der Aktivistin und Mitorganisatorin des #czarnyprotest AGATA CZARNACKA über feministische Erfolgsrezepte gesprochen.

 

Polnischen Aktivist_innen gelang es im Oktober des vergangenen Jahres eine weitere Verschärfung des Abtreibungsgesetzes zu verhindern, das Abtreibungen selbst in Fällen von Vergewaltigung und Inzest verbieten sollte. Unter dem Slogan #czarnyprotest („schwarzer Protest“) versammelten sich Zehntausende Demonstrant_innen. Der sogenannte Black Monday Protest brachte den Gesetzentwurf, der ein Totalverbot des Schwangerschaftsabbruchs vorsah, erfolgreich zum Kippen. Dennoch hat Polen nach wie vor eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas: Abtreibungen sind weiterhin nur im Fall einer Vergewaltigung, einer Fehlbildung des Fötus oder einer Gefährdung des Lebens der Frau erlaubt.

an.schläge: #CzarnyProtest war ein voller Erfolg. Wie fühlt ihr euch jetzt?

Agata Czarnacka: Einerseits großartig. Das Bewusstsein über Frauenrechte und Feminismus in Polen ist größer als je zuvor. Als Bewegung fühlen wir uns stärker, besser vernetzt und respektierter. Andererseits ist es natürlich frustrierend, dass die polnische Regierung weiterhin gnadenlos gegenüber Frauen agiert. Erst kürzlich wurde im Justizministerium diskutiert, ob nicht die Europaratskonvention zur Bekämpfung häuslicher und geschlechterspezifischer Gewalt ausgesetzt werden soll. Der Versuch scheiterte glücklicherweise, allerdings hinterlässt so etwas natürlich einen bitteren Nachgeschmack. Und natürlich ist das derzeitige Abtreibungsgesetz eine Katastrophe und stellt eine große Gefahr für die Gesundheit von Frauen dar. Es bleibt also einiges zu tun!

In Warschau und anderen polnischen Städten gingen mehr als 10.000 Menschen auf die Straße. Es gab solidarische Demonstrationen in Berlin, Paris und Wien. Wie organisiert sich ein solcher feministischer Massenprotest?

Einige Dinge will ich lieber nicht ausplaudern, aber wir haben vor allem mit sozialen Netzwerken gearbeitet. Darüber sind relativ einfach viele Menschen zu erreichen. Unser Protest war sozusagen ein Hashtag-Protest (#czarnyprotest). Dahinter steckt aber natürlich trotzdem viel Organisationsarbeit, denn als der Protest zum Massenprotest wurde, sind reale Treffen immer wichtiger geworden. Über die sozialen Medien hat sich unser Netzwerk enorm erweitert, davon profitieren wir jetzt nachhaltig. Als Team haben wir viel erlebt, haben gelernt einander zu vertrauen und uns angefreundet. Ich würde also sagen, wir verfolgen die Strategie von weiblicher Solidarität und Freundschaft. Die hat eine unglaubliche Kraft!

 

Proteste gegen ein geplantes totales Abtreibungsverbot in Polen (Iga Lubczańska/flickr)

Proteste gegen ein geplantes totales Abtreibungsverbot in Polen (Iga Lubczańska/flickr)

 

Leider ist Polen ja nicht das einzige Land, in dem Frauenleben durch eine restriktive Abtreibungsgesetzgebung aufs Spiel gesetzt werden. Steht ihr mit anderen Ländern und Protestbewegungen in Kontakt?

Ja, wir stehen vor allem über die polnische Initiative „International Women‘s Strike“ mit vielen internationalen Frauenorganisationen in Verbindung. Gleich zu Beginn der Proteste haben wir vor allem zu Aktivist_innen in Südamerika, die mit denselben Restriktionen zu kämpfen haben, Kontakt gesucht. Im Laufe des Protests haben sich breite Allianzen ergeben, wir stehen jetzt mit vielen Frauen im Austausch, die wie wir Pol_innen gegen einen Rechtsruck im eigenen Land kämpfen. Viele haben uns gesagt, dass ihnen die erfolgreichen Proteste in Polen neuen Auftrieb für ihren eigenen feministischen Widerstand gegeben haben. Das freut uns natürlich sehr.

Laut Schätzungen von Frauenorganisationen werden jährlich circa 200.000 illegale Abtreibungen in Polen durchgeführt. Wie könnt ihr diesen Frauen helfen?

Zunächst muss betont werden, dass diese Zahlen nur Schätzungen sind, die tatsächlichen Zahlen könnten deutlich höher sein. Vor allem wenn man die Frauen hinzuzählt, die für eine sichere Abtreibung ins Ausland reisen müssen.
Derzeit versuchen wir Frauen vor allem dadurch zu helfen, dass wir das Problem in die Öffentlichkeit tragen und ein Bewusstsein dafür schaffen. Aber es gibt natürlich auch viele Webseiten, die Frauen helfen, an Unterstützung und Informationen zu kommen. Das größte Problem ist dabei allerdings, dass die restriktive Abtreibungsgesetzgebung vor allem sozial benachteiligte Frauen hart trifft. Für Frauen, die über das nötige Geld verfügen, ist es ohne weiteres möglich, in Polen einen sicheren Schwangerschaftsabbruch zu erhalten oder ins Ausland zu reisen. Für ärmere Frauen allerdings, vor allem für jene, die in ländlichen Regionen leben, ist die Situation erheblich schwieriger. Und natürlich sind diese Frauen auch schwerer zu erreichen. Das hat übrigens auch zu dem Paradox geführt, dass vor allem Menschen, die in kleinen Städten oder Dörfern leben, sehr viel mehr Interesse an einer Gesetzesänderung haben als Großstadtbewohner_innen. Für uns ist es daher wirklich am wichtigsten, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu sensibilisieren. Dabei haben wir in Polen einen starken Gegner: Die katholische Kirche verfügt über weitaus mehr finanzielle Ressourcen und sehr enge Verbindungen zur regierenden Partei.
Es geht uns aber nicht nur um den Kampf für Abtreibungsrechte, sondern um reproduktive Rechte im Allgemeinen. Polen hat eine sehr geringe Geburtenrate (1,3 Kinder pro Frau), viele Frauen haben einen unerfüllten Kinderwunsch. Zum einen glauben wir, dass dies auf die vielen Umweltgifte durch unseren desaströsen Umgang mit unserer Umwelt zurückzuführen ist. Zum anderen kämpfen wir auch dafür, dass Frauen der Zugang zu In-Vitro Fertilisation ermöglicht wird. Die rechtskonservative PiS-Regierung versucht diese unter dem Einfluss der katholischen Kirche zu kriminalisieren und den Zugang zu erschweren.

Was können Frauenbewegungen von #czarnyprotest lernen?

Kontakte knüpfen, Ideen austauschen – vor allem über Social Media – und diese dann praktisch umsetzen. Ich denke, unser Protest wird in den nächsten Jahren immer wichtiger. Gerade frustrierte Männer, die Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien haben, werden uns zu schaffen machen. Feminist_innen werden immer wieder neue Strategien entwickeln müssen, um diesen Männern etwas entgegenzusetzen.

 

Agata Czarnacka ist Philosophin und Journalistin und im Leitungsteam der #czarnyprotest-Bewegung.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Leonie Kapfer

 

 

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