positionswechsel: Disruptive Fantasien

eine lady genießt und schreibt

 

Immer, wenn mir meine fünf bis sieben Jobs mal wieder derart über den Kopf wachsen, dass ich verschwitzt das Wort „Burnout“ in die Suchmaschine tippe, denke ich in freien Minuten angestrengt über eine Karriere als Aussteigerin nach. Damit meine ich Jobs, die mir ein Überleben in einem kleinen Häuschen in der Provinz ermöglichen würden – vorzugsweise ohne allzu viel menschlichen Kontakt.
Da man in dieser kapitalistischen Schweißwelt ohne Erbe ja immer noch seine Arbeitskraft verkaufen muss, um wohnen und essen zu dürfen, und Katzenanimateurin kein anerkanntes Berufsbild ist und ich auch kein Händchen für die Speisepilz-Zucht habe, erscheint mir eine Karriere als Erotik-Autorin am logischsten. Ich träume keineswegs davon, eine E. L. James („50 Shades“) zu werden, nein, es würde mir völlig reichen, wenn meine Romane zwischen den anderen 2,99-Angeboten auf dem Libro-Grabbeltisch zu finden wären. So einfach ist das aber natürlich nicht. An Hetero-Frauen (die wichtigste Zielgruppe schmutziger Literatur) lassen sich vor allem Unterwerfungsfantasien verkaufen, variiert werden dabei lediglich die Berufsfelder der reichen und mächtigen Männer (Unternehmer, Graf, Anwalt) und das Ausmaß der SM-Praktiken (Fesseln mit Seidentüchern, Lederpeitschen, nackt durch die Stadt führen). Klingt nach einem einfachen Rezept, aber mal ehrlich, kaum jemand wartet wohl auf „Befreie mich, versklave mich“ Teil 17.
Bleibt nur die Nische – oder noch besser: eine disruptive Innovation (Business, Baby!). Mein Konzept wird die literarische Sex-Reportage. Meine Protagonistin wagt es, sexuell zu begehren, und arbeitet sich an ihrer Liste von Zielpersonen und (selbstverständlich auf Konsens basierenden!) Fantasien ab. Für das erste Kapitel leihe ich ihr R., Verkäufer im Gourmet-Spar um die Ecke, dessen völlige Teilnahmslosigkeit und zugleich unglaublich schmutzige Ausstrahlung (dieser Blick, diese vollen Lippen!) mich beim Brotkauf regelmäßig aus der Fassung bringen. Würdet ihr 99 Cent bezahlen, um zu erfahren, wo und wie es R. nach Ladenschluss gerne treibt?

 

Lotta Luise hat gelesen, dass im Waldviertel Menschen ihren Lebensunterhalt mit Shiitake-Pilzen verdienen, die sie auf Baumstämmen züchten. Come on!

 

Illustration: Nadine Kappacher

Illustration: Nadine Kappacher

 

 

 

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