Liddy, die Tochter der Bettelgräfin

Ein Streifzug durch fünfhundert Jahre Kitsch, Trash und triviale Unterhaltung von FIONA SARA SCHMIDT

 

Einst fürchteten Moralwächter negative Auswirkungen auf die Jugend durch zu viel Lesen von Abenteuer- oder Liebesromanen unter der Decke, heute sind es kleine Monster im Smartphone oder B-Promis im überwachten Container, die als Zeichen für den Untergang der Zivilisation gedeutet werden. Schund, Schrott oder brain candy sind zugleich verpönt und heiß geliebt.

Schlechte Hefte. Bereits im 15. Jahrhundert machten Einblattdrucke mit religiösen Belehrungen in einfacher Sprache die Runde. Die Inhalte wurden ab dem späten Mittelalter zunehmend boulevardesker und weltlicher – Sensationen mit sex and crime waren die bestimmenden Themen. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Wandkalender mit kurzen Geschichten, Alltagstipps und Rätseln beliebter. Mit der zunehmenden Alphabetisierung und dem technischen Fortschritt wurde das Lesen von Liebes- und Schauerromanen und historischen Werken, oft auch von Autorinnen unter Pseudonym geschrieben, zum beliebten Hobby. Unter dem Verdacht, der „Lesesucht“ anheimzufallen, standen freilich immer jene, die eigentlich arbeiten sollten: Bedienstete und Hausfrauen, die durch den Sog einer spannenden Geschichte ihre eigentlichen Aufgaben zu vernachlässigen drohten.
Auf einer Liste mit verbotenen Schriften in Österreich-Ungarn, die 1916 in der „Wiener Zeitung“ erschien, finden sich zahlreiche interessante weibliche Heldinnen, die Groschenhefte tragen Titel wie: „Ethel King – Ein weiblicher Sherlock Holmes“, „Else, das schöne Fabriksmädchen – Aus der Fabrik ins Fürstenschloß“, „Erika, die Heideprinzeß – Dunkle Lebenswege einer Dulderin“ und „Liddy, die Tochter der Bettelgräfin“. Zwischen den Weltkriegen erlebten die auf dünnem Papier ohne Bindung gedruckten Romane ihre Blütezeit. Das 1926 in der Weimarer Republik erlassene „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ verbot sogar den Verkauf indizierter Schriften an Jugendliche. Es waren meist Groschenromane und pornografische Literatur, die fortan unter der Ladentheke gehandelt wurden. Nach den Bücherverbrennungen und der Zensur des Nationalsozialismus wurde 1953 „angesichts der die deutsche Jugend und die öffentliche Sicherheit bedrohenden Entwicklung gewisser Auswüchse des Zeitschriftenmarktes“ ein Gesetz gegen die Verbreitung jugendgefährdender Schriften verabschiedet. Auch fürchtete man wegen der Popularität des Rundfunks eine drohende „Bücher-Krise“. Schmöker und Comics konnten bei Umtauschaktionen sogar gegen „gute Jugendhefte“ ersetzt werden. Aber auch das war keine Waffe gegen Superhelden: Es war die Zeit, in der sich amerikanische Comics im deutschsprachigen Raum etablierten.

 

Illustration: Lina Walde

Illustration: Lina Walde

 

Romantausch. Nicht nur konservative Parteien hatten Probleme mit der Trivialliteratur: In der DDR war sentimentaler Schrott ebenso verrufen wie die bunten Bilder des Klassenfeinds. Und in Österreich, wo Läden zum „Romantausch“ bis heute im Stadtbild zu entdecken sind, erschien zum Beispiel das beliebte „Zorro“-Plagiat „El Coyote“. Der „Kampf gegen Schmutz und Schund“ wurde aufgrund des unpolitischen Charakters der Heftchen (statt linientreuer Parteiorgane) und gegen Jugendkulturen insgesamt geführt. „Die Schund- oder Revolverhefte haben schon viel Unheil und Unglück gebracht. Die Zeitungen berichten, dass junge Menschen sogar zu Verbrechen verleitet wurden. Aber auch, wer das Schlechte nicht nachahmt, wird durch diese minderwertige Lektüre Schaden nehmen. Er wird erleben, dass er keine Geduld mehr für ein schönes Buch hat. Er kann nicht mehr Umgang mit seinem Freund, dem wertvollen Buch, pflegen“, schreibt der „Buchklub der Jugend“ 1958. (1) Der KPÖ-Politiker und Schriftsteller Ernst Fischer argumentierte in einer Parlamentssitzung den schädlichen Einfluss auf die Jugend am Beispiel des Groschenheftes „Kapuzenmänner von Stammersdorf “.
Fortsetzungsromane bedienen den Erwartungshorizont ihrer LeserInnenschaft nach Schema F, appellieren an sentimentale Gefühle und sind wie Fast Food nebenbei konsumierbar. So einfach ist es allerdings nicht immer: In Israel waren Anfang der 1960er die sogenannten Stalag-Hefte mit Titeln wie „Ich war Oberst Schultzes Hündin“ ein Kassenschlager voller Sado-Maso und nationalsozialistischer Ästhetik. Vollbusige weibliche SS-Offiziere foltern darin britische oder amerikanische Soldaten in Gefangenenlagern, dann werden die Rollen getauscht. Die meist junge männliche Leserschaft bestand aus Kindern und Enkeln von Holocaustüberlebenden, die nicht über das Erlittene sprachen.

Mitten im Leben. Bis heute findet man im deutschsprachigen Raum Serien wie „Jerry Cotton“, aber auch „Kinderlachen“ oder „Alpengold“ am Kiosk, im Supermarkt oder in Bahnhofsbuchhandlungen – laut Bastei-Verlag „Balsam für die Seele“. Die Reihe „Silvia-Schicksal“ wird präsentiert, als wolle sie Kritik vorwegnehmen: „Das sind neue, mitreißende Liebesgeschichten von heute – für Leserinnen von heute! Die Protagonisten sind Menschen, die mitten im Leben stehen, für die aber die große, einmalige Liebe von höchster Bedeutung ist.“ Die Verkaufszahlen sinken zwar, doch „wir sorgen Jahr für Jahr für mehr als 15 Millionen Happy Ends“, sagt der Verlag Cora. Daher gibt es auch junge AutorInnen, die solche Geschichten unter thematisch passendem Pseudonym in einer Woche runterrocken, für ein Publikum aus allen Schichten. Der Dünkel gegenüber Romanheften bleibt jedoch bis heute klassenspezifisch – seichte Unterhaltung ist der Eskapismus des Prekariats, so das Klischee. Auch die Genderrollen der KäuferInnen sind genau wie in den Geschichten selbst klar verteilt, möchte man meinen: Männer lesen Krimis, Kriegsabenteuer, Western und Science-Fiction, Frauen bevorzugen Adelige, Heimat oder medizinisches Fachpersonal. Weit gefehlt. „Der Großteil der Leser sind Frauen, die nicht nur Liebesromane, sondern auch Fantasy- und Horrorgeschichten lesen. Allein der Western ist eine Männerdomäne“, berichtet ein Verlagsmanager gegenüber der „Zeit“.
Bis heute versteht man wenig Spaß, was die Freude an der seichten Unterhaltung angeht, was sich auch in der Verachtung populärwissenschaftlicher Werke widerspiegelt. Nur im angloamerikanischen Raum ist eine gute Story einem weniger strengen Wertekanon unterworfen – hier werden die rosa Ecken mit „Frecher Frauenliteratur“ in Buchhandelsketten verspottet. Doch Frauen sind die wichtigste Zielgruppe, sie kaufen laut einer deutschen Studie im Jahr 1,7 Bücher mehr als Männer. Freilich, die Welt, die in den Werken mit Schuhen oder Fenstern auf dem Cover vermittelt wird, ist weichgespült und Geschlechterrollen schrecklich heteronormativ. Allerdings sorgt der Schnulz auch für Kreativität: Fan Fiction ist vor allem bei jungen Frauen beliebt, dabei werden vorhandene Werke im Internet umgeschrieben oder weitergesponnen und eigene Communitys über die entsprechenden Buchreihen gepflegt.

 

Illustration: Lina Walde

Illustration: Lina Walde

 

Geliebte Täuschung. Den Kulturwissenschaften ist es gelungen, populäre Literatur in den universitären Kanon zu befördern und der „Pulp Fiction“ mehr als Unterhaltungswert zuzuerkennen. Seit die Graphic Novel das Feuilleton erobert hat, ist es für die Bildungseliten nicht mehr die Trivialliteratur, die den Zerfall der Kultur vorantreibt, sondern jetzt sind es nur noch Computerspiele oder Chatprogramme.
Doch Märchen bleiben faszinierend, sei es der Klatsch um Brangelinas Scheidung oder Vampir-Sex. Marlene Streeruwitz hat Märchen in ihren Tübinger Poetikvorlesungen als System charakterisiert, das durch die ewige Wiederholung am Leben bleibt: „Das Märchen bereitete auf die Unerbittlichkeit patriarchal gelenkten Schicksals vor.“ In ihrem Romansammelband „Lisas’s Liebe“ (1997), in dem Streeruwitz ironisch mit den Strickmustern des Genres bricht, fordert sie zu Auseinandersetzung mit Erwartungen und Täuschungen auf. Lisas Happy End: Sie wird Autorin in Hollywood.
Platz eins der deutschen E-Books auf Amazon belegt derzeit für 99 Cent übrigens Mia B. Myers’ „Strange memories: Verhängnisvolle Entscheidung“, ein erotischer Liebesroman über einen Unternehmensberater und seine „temperamentvolle Sekretärin Amber, die ihr Herz auf der Zunge trägt und neben ihrem losen Mundwerk eine offensichtliche Schwäche hat: Essen.“ Wirkt doch eigentlich sehr sympathisch.

 

(1) www.zeitlupe.co.at/romanhefte.html

 

 

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