an.sprüche: Zeichen von Respekt

Die Frage, die nicht nur Feministinnen spaltet: Braucht es eine linke Islamkritik? MAHSA ABDOLZADEH fordert sie, HANNAH SCHULTES warnt vor Rassismus.

 

Wenn manche westliche Feministinnen sich gegen jegliche Kritik am Islam aussprechen und Islamkritik mit Islamfeindschaft gleichsetzen, sind sie dann noch solidarisch mit Frauen in Afghanistan, Iran, Pakistan und Somalia? Nein, denn Feminismus ist universell.
Es sind die Überreste eines kolonialistischen Geistes, der diese FeministInnen zu KulturrelativistInnen macht. Denn in ihrer Welt sind westlich orientierte Frauen aufgeklärte Frauen und somit „wertvoller“. Der Status der aufgeklärten Frau schließt ihre Unterwerfung unter eine religiöse Gewalt – sei sie gesellschaftlich oder institutionell – aus. Sie soll vollkommen gleichgestellt sein und selbstbestimmt leben. Bei Musliminnen verkehrt sich dieser Grundsatz: Plötzlich ist die männliche Verweigerung des Handschlags ein Zeichen von Respekt gegenüber Frauen statt Ausdruck der Diskriminierung. Religiös motivierte Gewalt gegen Musliminnen wird als deren „selbstbestimmte“ Tradition oder Kultur angesehen. Musliminnen sind aber keine Opfer, sondern auch Kämpferinnen, die mit allen Mitteln für ihre Rechte streiten. Gerade sie brauchen unsere Solidarität! Wenn wir aufhören, patriarchal strukturierte Religionen zu kritisieren, verraten wir die Frauen, die seit jeher für ihre Befreiung aus diesen Strukturen kämpfen.
In Europa wird die „Islamkritik“ vornehmlich den RechtspopulistInnen überlassen. Viele FeministInnen solidarisieren sich aus Protest gegen die rechte rassistische Hetze gegenüber MuslimInnen mit „dem Islam“, statt sich mit der Realität von Musliminnen auseinanderzusetzen. Wir müssen uns aber sowohl mit rassistischer Hetze als auch mit dem Gedankengut, das jede Islamkritik als Rassismus abstempelt, befassen. Wer sich wirklich für Musliminnen einsetzt, nimmt nicht nur die Freiheitsbewegungen in islamischen Ländern wahr, sondern auch rebellierende, junge Musliminnen in Europa, die sich jenseits patriarchaler Strukturen emanzipieren.

 

Mahsa Abdolzadeh ist Politologin, Autorin und Aktivistin für Frauen-, LGBTIQ- und Minderheitenrechte.

 

Illustration: Sabrina Wegerer

Illustration: Sabrina Wegerer

 

„Es gibt keine rechte Islamkritik. Islamkritik ist in ihrem Wesen emanzipatorisch und herrschaftskritisch.“ Solche Sätze gelten für ihre linken VerfasserInnen anscheinend unabhängig vom gesellschaftlichen Kontext, der am Wahrheitswert dieser Aussage doch stark zweifeln lässt. Dieser Kontext sind ein antimuslimischer Rassismus und rechte Bewegungen in Europa, die sich in den letzten Jahren vor allem über die „Kritik am Islam“ formiert haben. Vollkommen unabhängig davon, was sich die linke Islamkritikerin wünscht, taugt die Kritik „am Islam“ den meisten christlichen EuropäerInnen weniger zur Herrschaftskritik als zur Herrschaftsausübung. Wie lässt sich den ehemals als „Gastarbeiter“ und „Ausländer“ klassifizierten Personen der Zugang zu vernünftigen Jobs, Wohnungen, Bankkrediten und Bildung sowie Glaubwürdigkeit und Anerkennung weiterhin erschweren oder verwehren? Der Verweis auf „den Islam“ oder auf scheinbar religiös oder kulturell begründete reaktionäre Tendenzen in migrantischen Communitys macht’s möglich. Um da nicht von Rassismus zu sprechen, blendet die „linke Islamkritik“ diese Ausschlüsse meistens aus oder greift auf Ausweichbegriffe wie „antimuslimisches Ressentiment“ zurück.
Eine Kritik an den Organisationen des politischen Islams, ein Verständnis von Verhältnissen zwischen Minderheiten und Mehrheiten unter MuslimInnen und Solidarität mit jenen, die unter religiösem Chauvinismus am meisten leiden, sollte für Linke selbstverständlich sein. Das geht auch ganz gut ohne die „universellen Werte der Aufklärung“, die linke IslamkritikerInnen gerne bemühen.
Wenn die Religion Marx zufolge das Opium des Volkes ist, dann muss der Religionskritiker es verbrennen. So oder so ähnlich denken viele linke IslamkritikerInnen und liberale AtheistInnen. Marx schrieb aber auch: „Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“ Statt sich mit der „Irrationalität“ religiöser Denksysteme auseinanderzusetzen, sollten Feministinnen und Linke vor allem die Zustände bekämpfen, die die Illusionen über diese erst hervorbringen und plausibel erscheinen lassen.

 

Hannah Schultes ist Sozialwissenschaftlerin und Redakteurin bei „ak – analyse & kritik“.

 

 

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