Kulturkritik

Nicht nur Kunst und Kultur, auch der Kulturbegriff selbst hat eine sexistische Tradition. Von LEA SUSEMICHEL

 

Kultur ist nicht nur Schwanensee und Shakespeare. Denn Kultur bringt nicht nur künstlerische Werke und Praktiken hervor, in diesem Feld werden auch Gemeinschaften gestiftet und Werte und Bedeutungen (neu) verhandelt. Es wird „kulturelle Hegemonie“ hergestellt, wie es Antonio Gramsci nannte. Aus diesem Grund dienten Kunst und Kultur auch den Avantgarden stets dazu, überkommene Traditionen herauszufordern und Revolutionen zu proben, die sich nicht immer nur gegen das Kunstestablishment, sondern mitunter auch gegen die politische Ordnung richteten. Auch feministische Kunst hat diese emanzipatorische Funktion weidlich genutzt und mit künstlerischen Mitteln Geschlechterdiskriminierung zum Thema gemacht und für Gerechtigkeit gekämpft – und tut das noch immer.

Natur vs. Kultur. Doch gleichzeitig ist der Begriff der Kultur nicht alleine aus feministischer Perspektive ein zutiefst ambivalenter. Kultur galt in der abendländischen Denktradition als dichotomes Gegenstück zum Bereich der Natur, beide Pole waren klar geschlechtlich zugeordnet: Weiblichkeit der Natur, Männlichkeit der Kultur. Analog zur neuzeitlichen technokratischen Ideologie der Naturbeherrschung verhielt sich männliche Dominanz demnach wie zivilisatorischer Fortschritt gegenüber roher Naturgewalt: Kultur diente als gewaltvolles Mittel der Unterdrückung. Patriarchale und rassistische Gewalt galt damit quasi als Kulturleistung. Denn in Analogie zum Geschlechterverhältnis wurden über diesen Kulturbegriff jahrhundertelang auch andere Ungleichheitsverhältnisse legitimiert: Während des Kolonialismus „zivilisierte“ der vermeintlich kultivierte Westen die kulturlosen „Barbaren“. Die feinsinnige Bourgeoisie rümpfte über die Massenkultur des proletarischen Pöbels die Nase (und bekanntlich bildete da auch der Marxist Adorno keine Ausnahme). Erst die Cultural Studies machten sich daran, den Klassismus ästhetischer Urteile aufzuzeigen und die stark mit Pop- und Subkultur verbundene ArbeiterInnenkultur zu würdigen. Später rückten auch Rassismus, Eurozentrismus und Sexismus des klassischen Kulturbegriffs in den Fokus der WissenschaftlerInnen. Feministinnen befragten fortan nicht nur die Popkultur auf ihr subversives Potenzial, sondern zeigten auch, wie ausschließend die traditionelle Kunstund Kulturdefinition auf allen Ebenen gewirkt hatte, die beispielsweise viele traditionell weibliche Techniken, wie etwa das Weben, dem Kunsthandwerk zuordnete oder außereuropäische Kunst als „primitiv“ abwertete.

Nackte Frauen. Über die vergangenen Jahrzehnte ist postkoloniale und feministische Kritik selbst im kulturellen Mainstream angekommen – erledigt hat sie sich aber deshalb keineswegs. Statistiken zum Kunstmarkt und zu Museumssammlungen zeigen: Frauen*, insbesondere Künstler_innen of Color sind weiterhin extrem marginalisiert – fast immer und überall sind also weiterhin deutlich mehr (weiße) Männer zu sehen. Die feministische Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls veranschaulicht das eingängig mit ihrer immer wieder aktualisierten und adaptierten Arbeit „Do Women have to be naked to get into the Met. Museum“: Nur vier Prozent der KünstlerInnen sind weiblich, aber 76 Prozent der Nackten sind es, ergab ihre letzte Erhebung. (1985 waren es noch fünf Prozent Künstlerinnen gewesen!) Ähnliche Schieflagen gibt es in sämtlichen Bereichen der sogenannten „Hochkultur“, in klassischer Musik und Oper ebenso wie im Theater oder bei der Bildhauerei.

Kulturarbeit. Emanzipatorische Kulturarbeit muss also nicht nur Repräsentationsverhältnisse ändern (wessen Name steht unter einem Bild, wer ist nackt darauf zu sehen?), sondern auch die Regeln des Kunst- und Kulturbetriebes selbst. Sie muss die Frage stellen, wer überhaupt Zugang zu diesem elitären Zirkel hat, schaut man sich etwa die oft weiterhin sehr privilegierte Herkunft der Studierenden von Kunstuniversitäten und Akademien an. Und: Was gilt als Kunst und Kultur, wie politisch darf sie sein, welchen Fragen und Themen widmet sie sich? Was wird gefördert und was verkauft sich? Warum ist das so und wer entscheidet darüber?
Nicht zuletzt sollte kritische Kulturarbeit zudem bedeuten, sich dem Aspekt der Arbeit selbst zu widmen, denn die Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb sind hochprekär. Und damit ist nicht nur die Arbeit im Atelier, sondern auch jene in der Theaterschneiderei oder an der Museumskasse gemeint. Denn hier endlich gibt es Frauen zuhauf.

 

 

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