#FeesMustFall

In Südafrika wird für die Dekolonialisierung der Universitäten und des gesamten Landes gekämpft. Die Aktivistin ZIMASA MPEMNYAMA sprach mit SOPHIE SCHASIEPEN.

 

an.schläge: Im April 2015 erreichte die Bewegung #RhodesMustFall (RMF), dass eine Cecil-Rhodes-Statue vom Campus der Universität von Cape Town entfernt wurde. Was stand bei den Protesten auf dem Spiel?

RMF hat es das erste Mal in der post-Apartheid möglich gemacht, Gespräche über race, Gender und Dekolonialisierung im Rahmen radikaler Politiken öffentlich zu führen. Die Euphorie nach 1994, die Dominanz liberaler Diskurse über die Regenbogen-Nation hatten ermöglicht, dass viele nicht realisierten, was im sogenannten Transformationsprozess wegverhandelt worden war. Es wurde Integration erwartet, ohne darüber zu sprechen, was es für uns heißt, kolonialisiert worden zu sein. Rassismus zu thematisieren wurde als Fehlverhalten gewertet. RMF bezog sich auf Autor_innen wie Frantz Fanon, Steve Biko und Assata Shakur und forderte eine dekolonialisierte Gesellschaft. Sie formten eine pan-afrikanistische, radikale, queere, Black feminist Bewegung, in der diskutiert werden konnte, wie eine dekolonialisierte Gesellschaft aussehen würde und warum wir von Südafrika als Kolonie sprechen, obwohl es offiziell ein postkoloniales Land ist.

Letzten Oktober bildete sich #FeesMustFall (FMF). Studierende, Angestellte und Eltern kämpfen für freie Bildung, Curricula-Veränderungen, neue Sprachpolitiken und das Insourcing von Angestellten an Universitäten, um die Unterbezahlung von Unternehmen wie G4S zu beenden. Wie hängen die beiden Initiativen zusammen?

Von März bis Oktober wurden die Diskussionen weitergeführt. Vielerorts gründeten sich weitere Initiativen. FMF protestierte gegen die geplante Anhebung der Studiengebühren um 10 Prozent. Die Erhöhung hätte viele vom Studium ausgeschlossen, von den Ärmsten bis zur sogenannten Mittelklasse. Und wer arm ist in Südafrika, ist Schwarz. Also haben Protestierende begonnen, die Universitäten zu blockieren, sind zum Parlament marschiert, haben die öffentliche Ordnung gestört. Wir können nicht so weitermachen, als ob alles normal wäre, wenn wir in einer abnormalen Gesellschaft leben. Und eine rassistische Gesellschaft ist abnormal. Dieser Rassismus lebt von unseren Körpern als Schwarze Menschen. Es ist wichtig zu betonen, dass die Forderungen so spannend sind, weil sie unmöglich sind. Eine dekolonialisierte Gesellschaft zu fordern ist eine radikale Bewegung, die weltweit passieren muss. Aber bis dahin ist eines der Ziele hier in Südafrika, freie Bildung für alle zu erreichen.

Das Versprechen des Präsidenten Jacob Zuma, die Gebühren 2016 nicht anzuheben, beendete die Proteste nicht. Wie hat die Regierung insgesamt reagiert?

Sie haben RMF nicht ernst genommen und die Forderungen als Verantwortung der Universitäten abgetan. Da FMF jedoch eine breitere Unterstützung in der Bevölkerung hatte, mussten sie handeln. Aber die Reaktionen waren sehr repressiv: Es wurden Tränengas und Gummigeschosse gegen Protestierende eingesetzt, Genoss_innen sind verschwunden und wollten nach ihrer Rückkehr nichts mehr mit der Bewegung zu tun haben. Als regierende Partei mit 62 Prozent im Parlament könnte der ANC Gesetze ändern, Menschen ihr Land zurückgeben, freie Bildung ermöglichen. Stattdessen entscheiden sie sich für eine neoliberale Politik, die die Mehrheit der Bevölkerung benachteiligt. Einige der leitenden Figuren von FMF sind mit dem ANC verbunden und wurden deswegen von der Bewegung abgelehnt. Parteipolitiken wie die vom ANC, der DA und den EFF bringen uns nicht weit. Der Wunsch ist, people centered movements zu bilden und jenseits von Parteipolitiken zu arbeiten.

 

Nazlee Arbee bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe

Nazlee Arbee bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe

 

Inwiefern sind die Proteste mit der Forderung nach Restitution von Land in Südafrika verbunden?

Als wir 1994 angeblich frei wurden, bekamen wir unser Land nicht zurück, das uns gestohlen wurde als Jan van Riebeek hier 1652 ankam. Typen wie Rhodes haben Leute enteignet, getötet, entmenschlicht und Land geraubt. Schwarze Menschen sind in die Amerikas verschleppt worden, ihre Körper sind zu Objekten gemacht worden. Die Körper derjenigen, die hiergeblieben sind, wurden kommodifiziert, als uns unser Land genommen wurde. 1913 ist das mit dem Land Act in Gesetz gegossen worden. Die Schwarze Mehrheit wurde in 13 Prozent des Landes gezwungen, den Rest besaßen Weiße. Somit mussten Schwarze (in der Black-consciousness-Definition African, coloured und Indian) in die Städte ziehen, um Arbeit zu finden. Doch während der Apartheid wurden diese Menschen in Gebiete außerhalb der Städte zwangsumgesiedelt und weiter entrechtet. 1994 wurde von uns erwartet, so weiterzumachen, als ob nichts geschehen wäre. Unser Land zurückzufordern heißt unsere Menschlichkeit zurückzufordern. Wir müssen mit dem Land noch nicht einmal irgendetwas machen. Es gehört uns.

Worum ging es bei #ZumaMustFall (ZMF) letzten Dezember?

Die Proteste gegen Zuma wurden vor allem von Weißen getragen und es gab keinerlei Polizeirepression. Die Leute haben auf den Demos Selfies gemacht, sie wollten einen neuen Präsidenten, um die Wirtschaft zu stabilisieren und alles beim Alten zu lassen. #FeesMustFall ist eine radikale Bewegung – in diesem Fall wurde sie gekapert.
Jacob Zuma hatte Nhlanhla Nene ab- und einen seiner Schoßhunde als Finanzminister eingesetzt. Als die Währung fiel und Weiße sich beschwerten, setzte er Pravin Gordhan ein und alles war wieder ruhig. Daran zeigt sich, welche Macht Weiße in diesem Land haben. Studierende mussten drastische Maßnahmen ergreifen, Minenarbeiter in Marikana wurden erschossen, als sie für bessere Löhne kämpften, und erfahren noch immer keine Gerechtigkeit. Andries Tatane wurde vor laufenden Kameras von der Polizei erschossen, als er für Wasser auf die Straße ging.

Vor Kurzem haben Protestierende beschlossen, heterosexuelle Cis-Männer aus einem der Hauptgebäude der Bewegung auszuschließen, das während RMF besetzt wurde. Diesem Schritt folgten Diskussionen um Solidaritätsprioritäten. Wie positionierst du dich bei dieser Frage?

Es war wichtig, dass die Bewegung Diskussionen über Schwarzen Feminismus, das Patriarchat und Intersektionalität in den Mainstream gebracht hat. Schwarze Feminist_innen sind leitende Figuren in dieser Bewegung und haben klargestellt, dass Diskussionen über das Patriarchat Teil des Dekolonialisierungsprozesses sind. bell hooks, Assata Shakur und südafrikanische Feminist_innen wie Pumla Dineo Gqola sind wichtige Referenzen.
Was im Azania-Haus passiert ist, war, dass ein Genosse einer Genossin gegenüber sexuell gewalttätig war. Der Typ ist weggerannt, aber Leute aus der Bewegung haben ihn gefunden, der Polizei übergeben, seinen Namen und sein Gesicht veröffentlicht. Ich habe einen Text mit dem Titel „Wrestling with Intersectionality“ geschrieben und viel Kritik dafür bekommen. Aber meine grundlegenden Fragen waren: Wenn es ein weißer Typ gewesen wäre, hätten wir genauso gehandelt? Wie gehen wir mit internen Schwarzen Politiken um, ohne uns weiterhin zu entmenschlichen? Wie gehen wir mit Fragen von Gewalt um, nicht nur sexueller Gewalt? Es gibt tribalistische Gewalt, alle mögliche Gewalt, mit der white supremacy versucht, uns in verschiedene Kategorien einzuteilen und zu spalten. Ich würde sagen, dass ich in einer besseren Klassenposition bin, und ich bin eine heterosexuelle Cis-Frau. Eine bestimmte Form der Intersektionalität würde behaupten, ich hätte deswegen mehr Macht als eine Schwarze, queere Transgender-Person. Mir scheint das eine gefährliche Sichtweise. Denn tatsächlich sieht dich die Welt nicht zuerst als queer, sondern als Schwarz.
Deswegen bin ich dagegen, Männer auszuschließen. Wo sollen sie lernen, sich aus ihren patriarchalen Strukturen zu bewegen, wenn nicht in einer radikalen Bewegung wie RMF und FMF? Es ist auch eine Frage Schwarzer Geschlossenheit. Wir kommen nicht als pure radikale Wesen zur Revolution, wir haben alle unsere Widersprüche. Ich meine, es ist wichtig, innerhalb dieses radikalen Raumes mit ihnen umzugehen.

 

Pamstar Dhlamini-Msimango bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe

Pamstar Dhlamini-Msimango bei Protesten in Cape Town 2015. © Wandile Kasibe

 

Wie stehst du allgemein zu der Idee, safe spaces zu entwickeln?

Es gibt keinen safe space für Schwarze Menschen. Jeder Raum, unsere Leben sind prekär, bis wir es schaffen, white supremacy abzuschaffen. Selbst wenn wir als Schwarze Menschen zusammensitzen und über radikale Politiken diskutieren, kann jederzeit die Polizei hereinkommen und uns erschießen, ohne auch nur zur Rechenschaft gezogen zu werden. Genau weil unsere Leben nicht unsere sind, müssen wir uns organisieren. Aber du hast auch eine gewisse Verantwortung als politisch bewusste Schwarze Person. Diese sollte beinhalten, dass wir uns unsere Leben nicht gegenseitig unsicher machen. Der Fall dieser sexuellen Gewalttat ist vollständig zu verurteilen.
Ich glaube nicht, dass es überflüssig ist, Räume wie das Azania-Haus zu etablieren. Aber für mich ist es eine alltägliche Verantwortung, überall Räume zu schaffen, in denen alle Schwarzen Menschen willkommen sind. Ich werde mit ihnen arbeiten, bis wir dahin kommen, dass alle gleich sind. Das ist schwierig und ich weiß, dass ich idealistisch bin. Aber ich bin überzeugt, dass es nur so funktionieren kann.

Welche Rolle siehst du für Weiße in diesen Kämpfen?

Das ist eine schwierige Frage, Sister, und ich habe mich nicht sehr lange mit ihr befasst. Ich denke, dass die Schwarze Menschen auch in Zukunft Räume für sich alleine schaffen werden. Das müssen Weiße akzeptieren. Das Beste ist also, wenn weiße Menschen lesen, lernen, sich damit beschäftigen, was passiert. Finanziere die Bewegung, wenn du Geld hast. Versuch nicht, zu widersprechen und zu kontrollieren. Sei dir bewusst, dass diese Bewegung nicht nur dafür kämpft, dass Schwarze Menschen ihre Menschlichkeit zurückbekommen, sondern auch dafür, dass weiße Menschen eine Menge Macht verlieren. Das ist ein unangenehmer Prozess, ein blutiger sogar. Aber es ist auch nichts Neues. Schwarze Menschen haben seit Jahrhunderten gelitten und protestiert – das hier ist bloß eine Fortsetzung dieses Kampfes.

 

Zimasa Mpemnyama ist eine 24-jährige Journalistin, Autorin und Fotografin und lebt in Johannesburg. Sie hat an der Wits Universität Journalismus und Medienstudien studiert.

 

Sophie Schasiepen recherchiert in Cape Town für ihre Dissertation über die Repatriierung von human remains aus österreichischen anthropologischen Sammlungen nach Südafrika.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Sophie Schasiepen

 

Flattr this!

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.