an.sage: Humor & Feminismus

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Dass etwas „erfrischend politisch unkorrekt“ sei, ist häufig zu hören und zu lesen. Gerade im Humorbusiness ist dieses Prädikat zum Gütesiegel für gute Unterhaltung geworden, denn darüber, dass Political Correctness nicht lustig ist, ist man sich weitgehend einig. Ganz besonders unlustig wird es, wenn es um Feminismus geht, der bekanntlich nicht nur ganz und gar nicht komisch, sondern auch lustfeindlich und leidenschaftslos ist. Selbst bei als links geltenden Kabarettisten wie Stermann und Grissemann sorgt deshalb zwar ein Holocaust-Witz noch für Empörung, sexistische Herrenwitze hingegen gehen in der Regel völlig ungestraft durch. Und es gibt sie zuhauf. Denn was sich das in die Jahre gekommene Wiener Komiker-Paar bei der Afroperücke oder dem Judenwitz meist gerade noch verkneift, entlädt sich ungehemmt über den weiblichen Talkgästen ihrer Sendung „Willkommen Österreich“. Man wünscht sich sehr, einem „geilen“ Gast möge endlich mal der Kragen platzen, doch leider lächeln die geladenen Frauen den sabbrigen Sexismus meist eisern durch und auch die weibliche Fangemeinde scheint den schwitzig-spätpubertären Spaß zu goutieren. Entweder hält auch sie in der Hoffnung still, irgendwann würde man dafür doch wieder mit dem schönen Humor belohnt, für den man Stermann und Grissemann einst so mochte – oder es ist die tiefsitzende feministische Angst vorm Vorwurf der Humorlosigkeit. Denn letztlich ist diese Keule viel wirkmächtiger als der vermeintliche „Political-Correctness-Terror“ der Gutmenschen, vor dem so gerne gewarnt wird und gegen den Autoren wie Thomas Edlinger und Matthias Dusini mit großem, erleichterten Echo in den Feuilletons anschreiben. Vor einer „hyperkritischen“ Sprachpolizei, die längst Diskursmacht habe und zu einem regelrechten „Opferwettbewerb“ geführt hätte, warnen die beiden.
Diese perfide Verdrehung realer gesellschaftlicher Machtverhältnisse hat so großen Erfolg, dass der alte sexistische oder rassistische Schenkelklopfer tatsächlich wieder als mutiger „Tabubruch“ gilt, auch wenn er selbstverständlich zu allen Zeiten die Lacher auf seiner Seite hatte. Wirkliche Tabubrüche durch eine klare politische Haltung, die sich nicht hinter indifferenter Ironie versteckt, wären Zynikern wie Grissemann vermutlich regelrecht peinlich.

Auch der Wiener Philosoph Robert Pfaller wählt seit diesem Frühjahr die Kabarettbühne, um seinen Feldzug für das Lustprinzip und gegen moralinsaure Überkorrektheit zu führen. Pfallers Ausführungen, die sich gleichermaßen gegen Rauchverbote wie „Grapsch-Paragrafen“ in Stellung bringen lassen, bedauern den Verlust von Zügellosigkeit und Hedonismus und fordern Sinnlichkeit, Schweinsbraten und Stöckelschuhe zurück. Allen Ernstes macht Pfaller sogar Gleichheitsforderungen für sexuelle Übergriffe mitverantwortlich. „Ist es egalitär, Frauen zu behandeln, als ob sie kein Geschlecht hätten? Oder ist es egalitär, Frauen mit dem ganzen Respekt und der Courtoisie zu behandeln, die einer Dame im öffentlichen Raum zustehen?“, fragt er in einem „FAZ“-Interview.
Wenn Pfaller das Verschwinden von High-Heels und Zigarettenspitzen beklagt und deshalb ein verbissenes Hoch auf tradierte Geschlechterrollen singt, mag man einen privaten Fetisch dahinter vermuten. Wie auch Grissemann, dem etwa die Queerness von Conchita Wurst schon zu heiß ist und vor erotischer Aufregung die Röte ins Gesicht treibt, wäre ihm dieser von Herzen gegönnt, würde Pfaller dabei nicht auch noch vorschieben, bei seiner Feminismusfeindlichkeit ginge es ihm eigentlich um Klassenkampf. Denn ähnlich wie Edlinger und Dusini beklagt auch Pfaller in guter alter Nebenwiderspruchsmanier symbolpolitische Kämpfe wie Sprachregelungen und fordert stattdessen solidarische Verteilungskämpfe. Die meisten feministischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte dürften an ihm vorbeigegangen sein, haben sie doch gezeigt, dass Forderungen nach gerechter Sprache durchaus mit denen nach einer gerechten Gesellschaft vereinbar sind.
Doch wenn den Herren queere Sternchendebatten zu abgedreht sind, dürfen sie sich gerne auf Oldschool-Feminismus besinnen. Wie zum Beispiel auf die Forderung nach Quoten. Etwa für Stermann und Grissemann. Oder Edlinger und Dusini.
Kleiner Feministinnen-Scherz.

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1 Kommentar

  1. Danke, auch für die hervorragende Auswahl an Beispielen (Pfaller!)
    – „die tiefsitzende feministische Angst vorm Vorwurf der Humorlosigkeit“ ist mir jedoch nicht so bekannt, oder: ist das nicht ein Widerspruch in sich? (Ich kann Feministin sein, und doch – noch – Ängste haben, die allenfalls eine Einschränkung meines emanzipatorischen Denkens und Handelns sind, oder?)

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