positionswechsel: Alles Alltag

eine lady genießt und schreibt

 

Unter all den Frauen, mit denen ich bereits über sexuelle Übergriffe gesprochen habe, war keine Einzige, die diese Erfahrung noch nicht gemacht hat. Meine ersten Erinnerungen an solche Grenzüberschreitungen sind die Klassenkollegen in der Hauptschule, die mich verbal belästigten und meine Schwester begrapschten. Mit 15 fing ich an, samstagabends auf Partys und in Discos zu gehen. Begrapscht zu werden gehörte bald so selbstverständlich zum Discobesuch wie der Eintrittsstempel auf dem Handgelenk. Ich lernte, mich zu wehren. Dass solche Vorfälle „ganz normal“ seien, dachte ich aber nach wie vor. Alle meine Freundinnen dachten dasselbe.
Die Wohnung meiner Studienzeit lag am Ende einer dunklen Gasse, unzählige Male ging ich nachts alleine nach Hause – einmal war da der Typ, der mir folgte, mich umklammerte und nach einigem Ringen von mir abließ. Und dann war da er. Es fing auf der Studienparty an, auf der ich den Liebeskummer mit Alkohol betäubte und mit einem Typen tanzte. Er war mir nicht wirklich sympathisch, ein Poser, ein Blender – aber ich wollte Frustsex. Ich fuhr mit ihm nach Hause und mir wurde schnell klar, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Als ich mehrmals „Nein“ sagte und
er das ignorierte, war ich zu betrunken, um mich zu wehren. Am nächsten Tag konnte ich mich nur mehr an wenig erinnern. Aber da waren die Schuld, die Scham und über allem die Wut. Ich fuhr zu seiner Wohnung, läutete vergeblich und traf ihn schließlich in der Straßenbahn. Er stritt alles ab. Er hätte nicht gewusst, was plötzlich mit mir los gewesen sei. „Frauen“.
Angst vor einer Anzeige hatte er wohl keine: Nicht von einer Frau, die stockbetrunken auf einer Party mit einem Typen flirtet und zu ihm fährt, weil sie mit ihm schlafen will. Natürlich ging ich auch wirklich nicht zur Polizei. Die Reaktion der Polizisten malte ich mir schlimmer aus als das, was mir passiert war.
Doch ich begriff, dass ich mich nicht schämen musste. Ich trage kein bisschen Schuld an dem Ereignis. Egal, wie betrunken ich war, egal, wie sehr mich mein Bauchgefühl gewarnt hatte. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Nur Vergewaltiger verursachen Vergewaltigungen.

 

Lotta Luise hatte schon viele One-Night-Stands und könnte kotzen, wenn sie liest, dass sie für Hetero-Frauen gefährlich wären.

Illustration: Nadine Kappacher

Illustration: Nadine Kappacher

 

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