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Elternblogs machen Privates öffentlich. Die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre ist deshalb auch eine feministische. Von CORNELIA GROBNER

 

Eine Elternhand streicht über die kränkelnde Kinderstirn, drei bunte Regenmäntelchen plantschen vorm Kindergarten, eine Bierflasche prostet am Gitterbett in die Kamera – fotografische Einblicke in ein Familienleben, das nicht das eigene ist. Instagram liefert die Bilder, WordPress die Geschichten und Facebook den Kaffeetratsch.

Unvorsichtige Frauen? Digitale Kommunikation birgt Gefahren des Datenmissbrauchs und wirft laufend neue Diskussionen um Privatsphäre auf. Wer die gesellschaftlichen Diskurse dazu verfolgt, erkennt, wie schnell daraus emotional aufgeladene Debatten um individuelle Verfehlungen werden. Oft steht dahinter nur ein konservativer Wertekatalog, aber argumentiert wird am liebsten mit dem Schutz der Betroffenen.
Nicht selten trifft der Vorwurf, zu viel Privates von sich preiszugeben, Frauen*: Die Teenagerin wird für ihre Selfies kritisiert, die Auszubildende für die Partyfotos und die Kollegin für die Bikinifotos. Sie alle sollen vorgeblich geschützt werden: vor Mobbing, vor Kündigung und vor sexuellen Übergriffen. Die Argumentationsweise entspricht einem vorgezogenen Victim Blaming. Unterm Strich führt das dazu, dass die Diskussionen um Online-Privacy individuelle Lebenswirklichkeiten unsichtbar machen. Das trifft eine Nutzer*innen-Gruppe ganz speziell – Eltern, die in sozialen Netzen ihre Erfahrungen teilen, insbesondere Elternblogger*innen. „Sind Kinderfotos schon ein Eingriff in die Privatsphäre?“ Und: „Ist ein detaillierter Geburtsbericht zu privat und hat nichts in der Öffentlichkeit verloren?“, hieß es etwa bei einem Panel dazu auf der letzten Republica-Konferenz.

Naive Eltern? Die Debatte um den Schutz der Privatsphäre ist komplex. Wenn Eltern ihre Kinderfotos auf Facebook entsprechend geschützt teilen, ist das de facto nicht mehr oder weniger schlimm, als das Familienalbum bei der Gartenparty herumzureichen – durchaus ein Thema der kindlichen Privatsphäre, aber kein netzspezifisches. Freilich, das analoge Foto kann nicht unbemerkt gespeichert und weiterverwendet werden. Aber genauso wenig können Eltern auf besagter Gartenparty verhindern, dass Gäste selbst Fotos von ihren Kindern machen und diese verbreiten.
Nutzer*innen von Online-Plattformen brauchen Aufklärung und Unterstützung statt Verurteilung und Unterstellungen von Naivität. Die Kritik muss die Firmen treffen, die eine wenig transparente Privatsphären-Politik betreiben und das Löschen von Bildern teils verunmöglichen.
Problematisch ist, wenn mit Verweis auf Privatheit Bloggen über Elternschaft aus der medialen Öffentlichkeit verwiesen wird – und das, obwohl Politik, Arbeitswelt und nicht zuletzt gesellschaftliche Normen wesentliche Aspekte des Elterndaseins regulieren. Gerade Blogs und soziale Netzwerke bieten viele Möglichkeiten, bisher privat konnotierte Themen stärker sichtbar zu machen.
Seit jeher kritisieren Feminist*innen die Grenzziehung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, die durch geschlechterspezifische Zuordnungen Ungleichheiten und Machtverhältnisse schafft. Gerade die vorrangig weiblich assoziierten Lebensaspekte Haushalt und Familie bleiben dadurch einer demokratischen Kontrolle verwehrt.

Raum für Kritik. Das Private kann politisiert werden, wenn die eigene Lebenswirklichkeit in Verbindung mit speziellen Ungleichheiten artikuliert wird. Umso bedeutender ist es, dass Blogs über den Alltag von Eltern – besonders von Frauen*– nicht unter dem Deckmantel des Privatsphärenschutzes zurückgedrängt werden. Es geht nicht darum, jede Polemik über den zu wenig am Haushalt beteiligten Partner und jeden rant der Alleinerzieherin zum politischen Akt hochzustilisieren. Doch Elternblogs und ihre Kommentarspalten sind öffentliche Orte, an denen bestehende Machtverhältnisse kritisiert werden können. So wird das Private öffentlich(er) – und nicht selten kann online mitverfolgt werden, wie Elternblogger*innen (und mit ihnen auch ein Teil ihrer Leser*innenschaft) durch das Teilen dieser Erfahrungen überhaupt erst politisiert werden.

 

Cornelia Grobner ist freie Journalistin und Mitbegründerin von „umstandslos“, einem Online-Magazin für feministische Mutterschaft.

 

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