heimspiel: Dieses Land ist es nicht

leben mit kindern

Im Eltern-Kind-Zentrum wird über das Pro und Contra verschiedener Einschlafhilfen debattiert. Vorsingen? Familienbett? Flascherl? Das Baby aus Syrien schläft ohne Schnuller, Schmusetier oder auch nur abgedunkelten Raum tief und fest, seit die Eltern für eine Nacht im Lehrlingsheim untergekommen sind. Es weiß nichts von der Diskussion über Grenzzäune Richtung Ungarn. Oder davon, dass Oberösterreich jetzt schwarz-blau ist. Es kennt keine Polizei-Sondereinheiten in Roboter-Outfits, die ich verabscheue, seit ich schon auf meinen allerersten Anti-Nazi-Demos lernen musste, dass die Polizei nicht „unser Freund und Helfer“ ist. Jetzt stehen diese Sondereinheiten regelmäßig in Massen vor meiner Haustüre. Das Fußballstadion ist schuld – die Hooligans ziehen hier direkt durch. Versehentlich öff net jemand aus Neugierde die Haustür, ich sehe das Aufgebot in den Polizeiwägen, hab mein Kind im Arm und bekomme plötzlich Panik. Auch das Kind bekommt sofort Panik, was sonst. Wir schreien. Tür zu. Wir leben in einem Reihenhäuschen mit Biokiste. Wir können den Flüchtlingen unten am Bahnhof Obstquetschies und Müsliriegel bringen, unsere Babytrage herschenken und überlegen, welchen Stoff wir für die Tragetücher verwenden, die wir in einer Nähsession für den Flüchtlingskonvoi herstellen. Die Durchreisenden tragen hier ihre Babys vor sich her, sonst ist ihnen ja nichts geblieben. Das Panikgefühl vor den Robo-Cops überkommt mich wieder, als ich in den Nachrichten sehe, wie Flüchtlinge an den Grenzen Europas behandelt werden. Tränengas. Schikanen. Brüllerei. Statt sicherer Transporte, warmer Kleidung, Nahrung, psychologischer Betreuung. Ich wünsche keinem Kind eines Robo-Cops solche Erfahrungen. Wir müssen uns. Verdammt noch mal. Jetzt sofort. Alle. Dafür einsetzen. Dass den Leuten geholfen wird.

Kristina Strauß-Botka ist Politikwissenschaftlerin und Elementarpädagogin. Ihre Tochter soll eigentlich in einer solidarischen, gleichberechtigten und vielfältigen Gesellschaft aufwachsen. Jetzt singt sie häufi ger „Der Traum ist aus“ von Ton Steine Scherben.

 

Heimspiel. Leben mit Kindern

Illustration: Nadine Kappacher

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