an.sage: Antirassismus, der diskriminiert

Ein Kommentar von BRIGITTE THEIßL

 

„Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe.“ Dieses Bild zeichnete Christa Zöchling von den TeilnehmerInnen einer FPÖ-Wahlveranstaltung in einer „Profil“-Reportage. Die Flüchtenden aus dem Nahen Osten, vor denen sich diese Rechten so fürchten würden, seien hingegen „ein schönerer Menschenschlag“, „und jünger“.
Die dicken Frauen in Glitzer-Shirts – meist sind es Frauen, die medial die „Unterschicht“ verkörpern – kennen wir schon aus deutschen Reality-Formaten und Talkshows, in denen verantwortungslose Hartz-IV-Mütter vorgeführt werden. Abwertend und mit Verachtung wird auf jene geschaut, die als gesellschaftliche VerliererInnen respektive VersagerInnen gelten. Klassismus ist auch unter kritischen JournalistInnen nach wie vor salonfähig. Im Zuge der Berichterstattung über die Wien-Wahl und die sogenannte Flüchtlingskrise hat er gegenwärtig Hochkonjunktur. Jede FPÖ-Veranstaltung wird medial umfassend begleitet, auf den Fotos finden sich mit Vorliebe besonders skurril gekleidete Menschen und alte Frauen mit aufgemascherlten Schoßhunden.

Der Hass mache hässlich, die Hässlichkeit werde damit zur moralischen Kategorie, antwortete Zöchling ihren KritikerInnen. FPÖ-WählerInnen aus Döbling oder Hietzing im gut geschnittenen Anzug betrifft das freilich nicht. Kein_e Journalist_in fährt für eine Milieustudie in die Villenbezirke, wo rund 25 Prozent für die FPÖ stimmten. Natürlich lassen rechte und rassistische Hetzparolen auch JournalistInnen nicht unberührt, dagegen anschreiben zu wollen, ist verständlich. Doch wer den Fokus auf vermeintliche Schönheitsmakel oder Bildungsdefizite rechter BürgerInnen legt, um diese zu diskreditieren, hetzt selbst. So werden Haltungen reproduziert, die sich tief in das Bewusstsein eingegraben haben. „Elitären Antirassismus“ nennt das die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl, der sich exklusiv auf bestimmte (rechte) Bevölkerungsgruppen konzentriere. Im Sommer wurde in Salzburg ein Lehrling entlassen, dessen menschenverachtendes Posting seinem Arbeitgeber gemeldet worden war. Der Beifall war groß, immerhin verkörperte der junge Mann das Idealbild des dumpfen Rechtsextremen, von dem es sich abzugrenzen gilt. Doch solche Sanktionen betreffen Menschen mit unterschiedlichen ökonomischen Hintergründen nicht im selben Maße. „Thilo Sarrazin ist ein größeres Problem, als es ein kleiner Lehrling auf Facebook je sein könnte. Trotzdem wird Ersterer zu Alpbach eingeladen und Letzterer entlassen“, schreibt Strobl. Eine klare Haltung gegen Rassismus und Hetze erfordert hingegen das Ernstnehmen des Gegenübers – nicht im Sinne des vielzitierten Ernstnehmens der „Sorgen der Bürger“, das zu einem Euphemismus für die Akzeptanz rassistischer Ressentiments geworden ist. Sondern die Anerkennung der Tatsache, dass es sich auch bei FPÖ-WählerInnen um Individuen handelt, die Verantwortung für ihre politischen Haltungen und Handlungen tragen. Allzu oft verschmelzen sie in der medialen Darstellung zu einer anonymen Masse, die aufgrund bedrohter Arbeitsplätze und Zukunftsängste sowie mangelnder Bildung in die Fänge des Rechtspopulismus getrieben wird. Doch die AnhängerInnenschaft stellt sich weitaus differenzierter dar – ebenso wie flüchtende Menschen aus Syrien oder Afghanistan. Dass häufig die Berufsausbildung Schutzsuchender in den Vordergrund gestellt wird, wirft die Frage auf, ob Menschen ohne Schulabschluss denn kein Recht auf Asyl haben. Menschenrechte richten sich nicht nach dem Bildungsgrad oder politischen Haltungen, alle Personen haben – zumindest theoretisch – Anspruch auf diese ganz elementaren Rechte. Vor Krieg und Terror flüchtende SyrierInnen müssen deshalb auch nicht schöner und jünger oder gar bessere Menschen sein. Antifeministische Frauen sexistisch abzuwerten, war noch nie eine feministische Strategie. Ebenso wenig kann Rassismus mit Klassismus bekämpft werden.

 

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1 Kommentar

  1. gratuliere, to the point! ein kluger arktikel mit rarer weitsicht

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