Es war nicht Cabral

Die brasilianische Sängerin MC CAROL identifiziert sich als Schwarz, fett, Favelada und Feministin – Attribute, die im Mainstream-Musikbusiness eher nicht zu einer erfolgreichen Karriere führen. Doch die 21-Jährige beweist das Gegenteil. Ein Porträt von CAREN MIESENBERGER

 

Wer Inspiration sucht, um Street Harassment in etwas Kreatives umzuwandeln, findet diese in Preventório, einer Favela im brasilianischen Niterói, der Nachbarstadt Rio de Janeiros. Hier lebt die Sängerin MC Carol, deren Musik heute in Brasilien Körper und Hirne gleichermaßen bewegt.
Begonnen hat ihre Karriere mit einem verbalen Übergriff . Ein Taxifahrer rief der damals 17-Jährigen im Jahr 2011 auf ihrem Heimweg „Vou largar de barriga“ (deutsch: Ich werde dich schwängern und mich dann verpissen) hinterher. Carol war so aufgebracht, dass sie sich zu Hause eine Antwort überlegte. Als ihr der Mann bei der nächsten Begegnung am Taxistand wieder den gleichen Spruch hinterherrief, entgegnete sie: „Ich schicke dich hinter Gitter und zerstöre dein Leben, wenn du mich schwängerst und dich verpisst.“ Der Vers saß, alle lachten und Carols Demütigung verwandelte sich in einen Triumph. Ihre Freund*innen animierten sie daraufhin, diese Antwort zu einem Baile-Funk-Lied zu machen. Eine Woche nach ihrem Sieg über den Taxifahrer stieg Carol bei einer Party in einer Nachbarfavela auf die Bühne und sang ihren neuen Song. Das Publikum feierte sie so frenetisch, dass sie wöchentlich wiederkam. Ihre Fangemeinde begann, Geld zu sammeln, um ihr die Fahrtkosten zu bezahlen. MC Carol war geboren. Sie schrieb neue Songs, kam auf eine Funk-DVD und 2011 auch ins Lokalfernsehen.

Favela Funk. Baile Funk ist ein Musikgenre, das in den 1970ern in Rio de Janeiro entstand und dessen heutiger Sound auf Miami Bass (Hip-Hop mit schnellen Elektro-Beats) aus den USA basiert. Seine Geschichte ist grob vergleichbar mit der von Rap: Urbane Musik, gemacht von Schwarzen, die in den USA wie in Brasilien marginalisiert sind. Brasilien hat nach Nigeria die zweitgrößte Schwarze Community der Welt. Die strukturelle Diskriminierung von Schwarzen Brasilianer*innen ist allgegenwärtig.
Baile Funk verhandelt die kulturelle Realität derjenigen, die in Favelas leben, er wurde aber im Laufe der Zeit auch von Nichtfaveladas gefeiert und mitunter angeeignet. International ist das Genre durch M.I.A. und Diplo berühmt geworden. Frauen sind als MCs im Funk sehr präsent – allerdings vereint keine die Verstrickung verschiedener Diskriminierungsformen so drastisch wie MC Carol.

© Marcella Zamith

© Marcella Zamith

Schmutzige Wäsche. 2012 gewann sie mit der Single „Meu namorado é o maior otário“ (zu Deutsch: Mein Freund ist der größte Trottel) die Herzen brasilianischer Feministinnen. In dem durch soziale Netzwerke auch über das klassische Funk-Publikum hinaus populär gewordenen Song verarbeitet sie eine von Gewalt begleitete Liebesbeziehung und singt: „Mein Freund ist der größte Trottel, er wäscht meine Unterhosen. Wenn er sich arrogant benimmt, schicke ich ihn in die Küche.“ Die Lyrics sind die humorvolle Umkehr einer bitteren Realität: Drei von fünf jungen Brasilianerinnen geben an, bereits Opfer von Gewalt in Beziehungen geworden zu sein.
Ihr in dem Song zur Schau gestelltes Selbstbewusstsein ist ein Schlag ins Gesicht einer Gesellschaft, die ihr als Schwarzer Frau aus der Favela jeden Respekt verweigert. Dass Carol einmal als Sängerin groß herauskommt, hätte sie selbst nicht gedacht. „Für eine Person aus der Favela ist es sehr ungewöhnlich, in den Medien anzukommen. Meine Karriere ist ganz und gar nicht typisch für eine Favelada“, sagt sie im an.schläge-Gespräch. Sie positioniert sich klar als Feministin und plädiert dafür, dass „Frauen unabhängig sein und sich Männern gegenüber nicht kleiner machen sollen“.

Lucky Ladies. Der Durchbruch in den Mainstream gelang MC Carol dieses Jahr durch ihre Teilnahme an der Realityshow „Lucky Ladies“. In der Sendung lebte sie gemeinsam mit vier anderen, allesamt mehr dem Schönheitsideal entsprechenden Funk-Sängerinnen für zwei Monate in einer Luxuswohnung am berühmten Strand von Copacabana. Ziel von „Lucky Ladies“ war es offiziell, aus den Teilnehmerinnen erfolgreiche Funkeiras zu machen. Als einzige verweigerte Carol in der Show das Tanztraining und lehnte Ernährungseinschränkungen strikt ab.
Dafür erntete sie nicht nur Applaus, sondern war auch der gesamten Breitseite gesellschaftlicher Objektifizierung und Diskriminierung ausgesetzt. So finden sich am laufenden Band Hasskommentare unter den Fotos, die sie in soziale Netzwerke postet, insbesondere, wenn sie darauf in knapper Bekleidung zu sehen ist.
Keine Spur jedoch davon, dass sie das Bodyshaming trifft: „Ehrlich gesagt interessiert mich das überhaupt nicht. Mir ist gar nichts von dem, was die Leute sagen, wichtig. Alle haben Schwachstellen und ich liebe und akzeptiere meine eigenen. Ich bin fett und halte mich für die heißeste Frau der Welt“, sagt sie im Interview.
Ihr nonkonformes Verhalten in „Lucky Ladies“ füllte monatelang die Klatschspalten brasilianischer Medien und verlieh ihrer Karriere einen ordentlichen Auftrieb.
„Ich dachte immer, dass ich irgendwann in meiner Favela sterbe und nur dort Funk gemacht hätte. Aber heute ist Funk sehr viel größer geworden und mein größtes Publikum sind Schwule“, sagt Carol in einem Fernsehinterview im August diesen Jahres. Gegenüber an.schläge präzisiert sie: „Früher habe ich vor allem Bailes in den Favelas gemacht, mittlerweile performe ich eher in Schwulenclubs. Das liegt daran, dass das schwule Publikum gut bezahlt. Sie sind organisiert, es gibt eine vertragliche Vereinbarung. So kann ich mein Geld sicher verdienen. Das sind dann keine Schwulen aus den Favelas, sondern welche aus der Mittelklasse.“

Wahre Geschichte. Mit wachsender Popularität wagt sich MC Carol auch an neue Themen in ihrer Musik. Während sie bisher hauptsächlich Genderverhältnisse und ihre eigene Sexualität thematisierte, schlägt sie mit ihrer aktuellen Single eine inhaltlich ganz andere Richtung ein. „Não foi o Cabral“ (Es war nicht Cabral) kritisiert die im schulischen Geschichtsunterricht vermittelte Idee, dass Brasilien vom Portugiesen Pedro Álvares Cabral „entdeckt“ wurde, obgleich vor dessen Ankunft bereits mindestens vier Millionen Menschen dort lebten.
Über die Entstehungsgeschichte des Songs erzählt MC Carol im Gespräch: „In einem Interview wurde ich zu meiner Schulzeit befragt. Ich sagte, dass ich sehr rebellisch war und vor allem viel mit meiner Geschichtslehrerin über die vermeintliche „Entdeckung“ Brasiliens diskutiert habe. Die Interviewerinnen fragten dann, warum ich nicht ein Lied darüber schreibe. Ich dachte erst, dass das nichts mit dem zu tun hat, was ich vorher gemacht hatte. Kaum zu Hause angekommen, hatte ich aber erste Ideen dazu im Kopf, habe sie niedergeschrieben, in die sozialen Netzwerke
gestellt und innerhalb eines Monats wurde ich dann quasi in ganz Brasilien gebucht.“

Caren Miesenberger lebt, studiert und arbeitet in Hamburg, tat dies aber bis vor Kurzem für ein Jahr in Rio de Janeiro. Sie hat viel journalistisch, an der Uni und im Filmbereich gearbeitet.

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