Teach me! Love me! Pity me!

Rassistische Scheiße, die weiße Feministinnen des Öfteren von sich geben. Acht Episoden, nacherzählt von JAQUELINE EJIJI und VINA YUN.

 

Sei doch nicht so empfindlich!

Was stellt die sich so an? Ich habe doch nur ihre Haare angefasst. Ich bin ein bisschen angetrunken, und jetzt ist es halt passiert. Hihi. Die Haare fühlen sich aber auch interessant an. Wie … wie Wolle! Ups. Hihi, das kam jetzt einfach so. Ich meine, das ist doch auch so! Das ist keine Beleidigung! Ich will auch solche Haare haben. Mmh. Das ist aber bestimmt nicht so einfach, die zu pflegen … Ach, bla, bla, bla. Sie tut ja gerade so, als hätte ich ihr an den Hintern gegriffen. Es sind doch nur Haare. Sie soll hier mal nicht so ein Gewese machen. Tut ja so, als wäre ich die Oberrassistin. Bin ich natürlich nicht. Die anderen gucken schon ganz doof … Mensch, die lässt nicht mit sich reden. Mmh, so, ich glaube, es wird Zeit für ein neues Bier.

Du bist ja nicht auf den Mund gefallen.

Wow, ich packe das hier gerade echt gar nicht. Aber sie wird sich schon wehren, wenn ihr das rassistische Gelaber am Arsch geht. Soll ich dazu was sagen? Ich weiß ja nicht. Nachher will sie gar nicht, dass ich dazwischengehe, und fühlt sich bevormundet. Ich meine, ich muss mich da doch nicht einmischen. Oder? Der Spruch war aber schon unterste Schublade … Ich weiß nicht … Ich sage ihr einfach, dass sie sich nicht aufregen soll. Sie soll’s nicht so persönlich nehmen. Das ist es echt nicht wert. Trottel gibt es überall.

Hör. Mir. Zu.

Waaaas? Das ist sooo furchtbar, was dir passiert ist. Ich kann das voll nachvollziehen. Ich verstehe total, wie du dich fühlst. Kack-Rassisten! Das ist wie die Sache mit meinem aufgeblasenen Chef. Der alte Sexist ist sowas von elitär. Denkt, dass er was Besseres ist, nur weil er es schon immer stecken hatte. Ich finde den sooo nervig. Mir geht das echt an die Nieren, weißt du? Neulich hat er wieder vor versammelter Mannschaft seine doofen sexistischen Witzchen gemacht. Frauen dies, Frauen das. Kotz. Ich kann den nicht mehr hören. Ich wollte mich mal beim Betriebsrat beschweren, aber meine Kolleg_innen sind da nicht so … naja, nicht so sensibel, weißt du. Ist doch echt ätzend, dass so einer ausgerechnet auf so einem Posten landet. Aber das ist echt typisch. Männerbünde allerorten. Ich weiß manchmal echt nicht, was ich machen soll. Was denkst du, was sollte ich tun?

Du Opfer! (Just kidding)

Jetzt sei doch nicht beleidigt, das war doch nur ein Scherz. So habe ich es ja gar nicht gemeint – ich bin doch keine Rassistin! Da könntest du mir ruhig mehr vertrauen. Du müsstest mich doch besser kennen, als deine Freundin/ Partnerin. Ich finde es wirklich nicht fair, dass Du mir gegenüber so aggressiv bist. Du kannst doch mit mir über alles reden, auch, wenn es um deine Rassismus-Erfahrungen geht. Aber wenn wir schon beim Thema sind: Ich finde halt, dass du dich schon etwas sehr in deinen „Opferstatus“ reinkniest – dabei bist du doch selbst recht privilegiert, nicht? Hast einen österreichischen Pass und studierst an der Uni. Du bist ja nicht einmal eine „wirkliche“ Migrantin, wo du doch hier geboren bist … da machst du es dir jetzt schon bisschen einfach. Sprichst du jetzt etwa für alle Migrantinnen?

Jetzt verallgemeinerst du aber …

Ob ich je rassistisch gehandelt oder geredet habe? Das fiele mir nicht ein. Mit weißer Kultur kann und will ich mich nicht identifizieren. Ich meine, ist doch kein Zufall, dass ich mich total unwohl fühle in dieser Stadt. Wien ist echt weiß, es sind einfach zu viele Whities hier. Gut, ich bin vielleicht weiß – aber auch ich werde diskriminiert. Da muss man schon differenzieren. Ich komme aus einer Arbeiter_innen-Familie, definiere mich als queer und entspreche außerdem nicht dem gängigen Schönheitsbild. Gerade in Bezug auf Körpernormen und Rassismus funktionieren Diskriminierungen doch ganz ähnlich. Mit dem bürgerlichen Hetero-Cis-Mann von der Straße habe ich jedenfalls nichts gemeinsam. Aber echt!

Illustration: Lenz

Illustration: Lenz

Hast du schon XYZ gelesen?

Es ist ja wohl klar, dass Sexualität und Sexualitäten, Geschlecht und Geschlechter und Begehren radikal dekonstruiert werden müssen. Nur so können die Konstruktion hierarchischer Differenz und ihre Verbindungen zu Begehrlichkeit aufgedeckt werden. Die … wo habe ich das neulich noch so schön scharf und pointiert gelesen? Bei der … wie hieß diese Autorin nochmal? Ach, ist ja auch egal. Wenn ich so überlege, hat ihr Text so stark zu mir gesprochen, weil ich es latent immer schon gewusst habe. Nur die richtigen Worte fehlten mir. Ja, meine eigenen Privilegien sehe ich schon sehr kritisch. Ich war schon immer sehr, sehr sensibel gegenüber diesen feinen Hierarchisierungen und der Verschränktheit von Kategorisierungen im Alltagsleben von Marginalisierten, Gering-Privilegierten, Unterdrückten und Ausgebeuteten. Da habe ich keine für gebraucht, die mir das erklären musste.

Warum seid ihr so misstrauisch?

Schwarze Frauen und Women of Color grenzen sich immer wieder stark von weißen Feministinnen ab. Ich verstehe ja, dass sie spezielle Anliegen haben – aber schwächt das nicht die feministische Bewegung, wenn Differenzen so stark betont werden? Identitätspolitik ist doch schon lange out. Es wird so viel darüber geredet, wie wichtig Bündnisse sind. Allerdings machen es sich Schwarze/of Color Aktivistinnen mit ihrem Separatismus selbst schwer. Die sehen in erster Linie nur sich. Und hey, es sind doch nicht alle weißen Feministinnen ignorante Kartoffeln. Letztlich unterstützt das nur eine patriarchale „Teile und herrsche“-Logik. Dabei geben wir uns so viel Mühe, alle Positionen mitzudenken. Gender Pay Gap, Gewalt gegen Mädchen und Frauen, das Recht auf Abtreibung – es gibt noch so viele Missstände. Sollten wir da nicht zusammenhalten und gemeinsam für die eine feministische Sache kämpfen?

Erklärt uns das doch bitte mal.

Ich bin interessiert an Bündnissen, weil ich schon immer irgendetwas mit Schwarzen Frauen und Frauen of Color machen wollte. Das ist oft nicht leicht. Die feministische Gruppe, in der ich aktiv bin, hat schon mehrmals versucht, Schwarze Aktivistinnen einzuladen und zu involvieren, zum Beispiel, indem sie sich zu besonderen Anlässen mit Vorträgen, Workshops, Textbeiträgen etc. einbringen. Schließlich wollen wir auch von ihnen lernen. Leider haben bisher nur wenige unser Angebot angenommen. Deshalb kennen wir leider auch nicht so viele Schwarze Aktivistinnen/ Aktivistinnen of Color persönlich. Dass so wenige mitmachen wollen, liegt vielleicht auch daran, dass wir fast keine Honorare anbieten können. Aber: In diesem Projekt arbeiten wir alle für kein bis wenig Geld, wir haben es alle schwer! Wir bemühen uns wirklich und greifen die Themen Migration, Rassismus usw. ständig auf. Ich frage mich: Wie sollen wir (bessere) Verbündete werden, wenn uns die anderen nicht sagen, was sie von uns brauchen?

Jaqueline Ejiji ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Vina Yun arbeitet als freie Journalistin. Beide sind bei der Gruppe Women* of Color* in Wien aktiv. 

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3 Kommentare

  1. Das meiste davon ist KEINE „rassistische Scheiße“! Wenn Ihr sowas schon so tituliert, wie benennt Ihr dann wirklichen Rassismus?

  2. @ Mandy:
    Was soll es denn sonst sein?
    Nur weil es hier um rassistische Kommentare und Handlungen innerhalb der Szene geht bedeutet das ja nicht, dass körperliche Gewalt oder Diskriminierung an anderer Stelle nicht mehr als Rassismus benannt und verurteilt werden (können).

  3. Vielen Dank, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, Alltagsrassimen in der Szene zu beschreiben.
    Ich empfinde es als Bereicherung, sensibler werden zu können und habe oft erlebt, dass sich Menschen, die gegen Diskriminierungen kämpfen sich nicht vorstellen können, selber in fällen zu tappen, wo sie als nicht-Diskriminierte bzw. Privilegierte sichtbar werden.

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