„Gender is just a lie“

planningtorock plädiert dafür, mit Gender zu spielen. Und macht es gleich vor, indem sie* mit tief gepitchter Stimme über tanzbaren Beats singt. Interview: EVA DEUTSCH und IRMI WUTSCHER

 

Die Musiker_in planningtorock weist jede Zuweisung in die Zweigeschlechter-Ordnung zurück. Mit ihrer Musik, in der sie* mit künstlicher, tiefer Stimme singt, dass Gender nur eine Lüge und jede Liebe erlaubt sei. Auch in ihren Foto- oder bei ihrer Bühnenperformances präsentiert sie* keinen „natürlichen“ Körper, sondern verändert diesen mit Prothesen oder entzieht ihn dem Blick. Hinter planningtorock steht die Künstler_in Jam Rostron. Auch sie versucht, jenseits von binären Geschlechterzuschreibungen zu leben.

an.schläge: Ich habe dich schon ein paar Mal live gesehen, du warst immer ganz alleine auf der Bühne. Warum hast du dich entschieden, alleine zu arbeiten?

planningtorock: Als ich begann Musik zu machen, habe ich mit anderen Musiker_innen zusammengearbeitet, aber nicht besonders gute Erfahrungen gemacht – auch aus Gendergründen. Ich wurde diskriminiert. Deswegen habe ich beschlossen, einfach alles selbst zu machen und total unabhängig zu werden. Damals war das sehr heilsam. Aber ich habe mich immer danach gesehnt, Menschen zu treffen, mit denen ich zusammenarbeiten kann, denn alleine zu touren und zu performen ist sehr einsam. Und die Erfahrungen zu teilen ist sehr erfüllend. Nach einiger Zeit begann ich, Freundschaften zu schließen und Leute zu treffen, mit denen ich zusammenarbeiten kann – ohne dass große Egos im Weg stehen. Derzeit toure ich gemeinsam mit Hermione aka ROXYMORE und es macht sehr viel Freude!

Auf deinem Album „W“ gibt es einen Song namens „Jam“. Du nennst dich seit einiger Zeit auch so. Warum hast du dich entschlossen, Jam zu sein?

Meinen Namen habe ich geändert, weil die meisten meiner Freund_innen sowieso Jam zu mir sagen. Und ich wollte auch einen Namen, der genderneutral ist. Um mehr zu dem zu werden, was ich glaube zu sein.
Jetzt, mit Abstand zu meinem zweiten Album, kann ich sagen, dass ich bei den Songs „Jam“ und „Janine“ die Musik verwendet habe, um zu spielen, zu erforschen, zu verstehen. Es ist so lustig, mich darüber singen zu hören, was für ein großer, starker Mann ich bin! Ich habe das „er“ und das „sie“ erforscht, was es jeweils für mich bedeutet. Derzeit würde ich sagen, fühle ich mich als Weder-noch, ich bin immer in der Mitte, ein bisschen von beidem.

Als Sänger_in veränderst du auch deinen Körper mit Prothesen und verzerrst deine Stimme elektronisch. Warum?

Also erstens macht es mir wirklich Spaß, ich finde es klingt cool. Und zweitens passiert etwas mit dem Sound. Der Aufnahmeprozess läuft folgendermaßen: Ich singe alles höher, als ich eigentlich kann, und dann pitche ich es hinunter. Wenn ich den Sound tiefer mache, bekommt er eine andere Beschaffenheit, es entstehen zusätzliche Emotionen. Das mag ich sehr. Dieser vermeintliche „Fehler“ drückt viel mehr aus, als würde ich „richtig“ singen. Ich glaube außerdem nicht an eine natürliche Stimme. Die Stimme verändert sich ja das ganze Leben lang und das hängt ganz stark damit zusammen, wie es dir geht. Seit ich begonnen habe Musik zu machen, ist meine Stimme viel tiefer geworden.

© Bang On PR

© Bang On PR

Warum müssen wir über Gender reden, wie es einer der Songtitel deines letzten Albums fordert?

Weil ich das Gefühl habe, wir sind alle so stark gegendert. Das wäre ja okay, wäre Gender ein flexibles und selbstbestimmtes Konzept. Aber das ist es nicht, wir werden davon stark beeinflusst und unterdrückt. Ich bin daran interessiert, Gender auszudehnen, damit zu spielen. Und die Menschen mit Gender machen zu lassen, was sie wollen. Im Gegensatz dazu, was die Gesellschaft uns sagt.

Du sagst auch, dass Gender nur eine Lüge sei. Glaubst du, wir können Gender überwinden?

Dieser Songtext ist eine bewusste Provokation. Und stellt auch eine Frage: Was würde wohl passieren, wenn wir alle sagen: „Ach Gender, das ist ja nur eine Lüge. Man hat uns angelogen!“ Oder: „Es ist nur ein Spiel.“ Denken wir mal darüber nach: Es ist einfach nur ein Konstrukt!

Glaubst du, dass Gender eine stärkere Kategorie ist als Ethnizität, Klasse oder Behinderung?

Ich würde nicht eins gegen das andere ausspielen. Im Konzept der Intersektionalität sind alle diese Merkmale sehr stark miteinander verwoben. Das Bewusstsein dafür zu haben, das ist entscheidend. Und auch: Wer spricht über diese Unterscheidungen, wer kontrolliert die Sprache darüber?

Wie hältst du es mit den Pronomen, verwendest du „es“ statt „er/sie“ – oder etwas anderes?

Ich persönlich mag „they“ ganz gerne (Plural „sie“, kann im Englischen auch als genderneutrales Pronomen verwendet werden, Anm.). Ich mag aber auch einfach „Jam“. In meinem Pass zum Beispiel würde ich als Geschlecht einfach J angeben und sagen: Mein Gender ist Jam. In Schweden gibt es ja mittlerweile auch „hen“ – hoffen wir also, dass bald alle diese Option haben.

Glaubst du, irgendwann könnten wir „es“ zurückerobern, als positive Kategorie? So wie „queer“?

Wenn man das möchte: Klar! Oder wir kreieren etwas ganz Neues!

Als Musiker_in singst du über Feminismus und gegen das Patriarchat. Das bringt ja nicht unbedingt Airtime im Radio oder lässt sich gut für Plattenverkäufe vermarkten. Ist es überhaupt eine „kluge“ Idee, im Musikbusiness so politisch zu sein?

Für mich als Künstler_in stand recht früh fest, was ich will und was nicht. Ich bin einfach an diesen Fragen interessiert. Ich möchte aber auch betonen, dass ich nichts dagegen habe, beliebt zu sein. Tatsächlich hätte ich gerne, dass viele Leute meine Musik hören! Aber natürlich, auf der Business-Ebene gilt meine Musik als Ladenhüter. Was ich mache, ist eigenfinanziert und erhält sich selbst. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich tatsächlich davon leben kann. Sehr vorsichtig zwar, aber es geht! Ich will aber kein total unzugängliches Werk machen, das niemand versteht. Eigentlich hoffe ich, dass man mich sehr gut versteht! Denn ich will so viele Menschen wie möglich erreichen – darüber denke ich sehr viel nach.

Im Dokumentarfilm „The Punk Singer“ über Kathleen Hanna berichtet sie, welcher Hass ihr als Musikerin, die Diskriminierung und Feminismus offen anspricht, entgegengeschlagen ist. Vor allem von männlichem Publikum. Spürst du diese Feindseligkeit auch?

Solche Erfahrungen wie Kathleen Hanna habe ich nicht gemacht. Ich habe ja verschiedene Bühnenpersönlichkeiten, meine Präsenz ist sehr eigenartig. Daher ist es in gewisser Weise auch nicht so einfach, mich anzugreifen. Aber immer wieder kommen Männer zu mir und sagen: „Du bist so einschüchternd.“ Was ich großartig finde. Es kommen auch Frauen, die sagen: „Wow, ich wusste nicht, dass Frauen auf der Bühne so stark sein können.“ Das ist sehr erschütternd, aber auch lehrreich. Aber ich kenne viele weibliche Performer_innen und Producer_innen, die von anderen Erfahrungen berichten. Paula Temple zum Beispiel, sie arbeitet im sehr männlich dominierten Bereich Techno, hat viele extremere Erfahrungen gemacht. Ich schwimme ja irgendwo zwischen Dance und Performance, da gibt es vielleicht auch mehr Frauen.

Ich finde auch, dass du auf der Bühne sehr mächtig wirkst. Beim Soundframe-Festival waren sechs Typen vor dir auf der Bühne, die Sofa Surfers. Danach kamst du alleine und hast sie einfach weggeblasen! Woher kommt diese Power?

Es ist vielleicht einfach mein Drive? Ich fühle mich so privilegiert, auf der Bühne zu stehen und mit den Leuten kommunizieren zu können. Es ist auch wichtig zu zeigen, dass Frauen viel Raum einnehmen können – auch alleine! Ich nehme mir den Raum.

 

planningtorock ist die Musiker_in Jam Roston. Ihr aktuelles Album „All Love is Legal“ ist bei DFA Records erschienen.

Eva Deutsch und Irmi Wutscher sind mindestens seit dem Album „W“ große Fans von planningtorock und trafen sie* beim Donaufestival 2015 in Krems. Übersetzung: Irmi Wutscher

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