„Das ist die Chefin!“

JO BUCHER betreibt mit ihrer Wahlfamilie einen Biohof. „Geht denn das ohne Mann?“, wird sie auf dem Land immer noch manchmal gefragt. Antworten hat sie der Teilzeitlandwirtin LISA BOLYOS gegeben.

 

an.schläge: Du hast in Basel Gender Studies studiert, bevor du Landwirt_in wurdest. Keine ganz klassische Laufbahn.

Jo Bucher: Ich hab diesen „Umweg“ gebraucht und bin heute auch sehr froh über meinen universitären Hintergrund. Die Landwirtschaft ist ein Bereich, wo es aus queer-feministischer Sicht noch einiges zu tun gibt. Früher war ich gar nicht so sehr in den Hof involviert. Ich habe mich vor allem um die Pferde gekümmert, aber Melken, Traktorfahren, das haben meine Geschwister gemacht. Als ich zum Studieren in Basel war, habe ich dort auf einem Gemüsehof gearbeitet und gleichzeitig damit begonnen, auch auf dem Hof meiner Eltern mitzuarbeiten, sie an Wochenenden zu vertreten etwa. So bin ich allmählich in die Landwirtschaft „reingerutscht“ und habe gemerkt, dass das total mein Ding ist: die Arbeit mit den Tieren und auch die Möglichkeit, im täglichen Tun meine politischen und ethischen Grundsätze relativ konsequent umsetzen zu können. Sei dies eine ökologische Nahrungsproduktion oder eben auch die Möglichkeit zu haben, patriarchale Strukturen aufzubrechen. Also habe ich die Ausbildung zur Biolandwirt_in gemacht und den Hof übernommen.

Die Hofübergabe ist oft eine heikle Zeit zwischen den Generationen.

Ich habe fünf Geschwister, ein Bruder wurde sozusagen als Hofnachfolger erzogen. Aber der wusste relativ früh, dass er den Betrieb nicht übernehmen will. Als ich mich entschieden habe, waren alle eher froh. Für meine Eltern wäre es nicht einfach gewesen, den Hof an „Fremde“ zu übergeben. Für mich war das umgekehrt der einzige Grund, der gegen die Übernahme gesprochen hat: nämlich dass es der elterliche Hof war. Ich habe Schwierigkeiten mit der Tradition, dass die Hofweitergabe innerhalb der biologischen Verwandtschaft stattzufinden hat – obwohl ich als Tochter dieser Tradition ja eh nicht ganz entspreche.

Fehlt dir die Stadt mit ihren Angeboten?

Ich vermisse es manchmal schon ein bisschen – das Städtische eigentlich nicht so sehr, mehr meine dortigen Freundschaften. Aber mich nimmt der Hof momentan so sehr ein, dass ich gar keine freien Kapazitäten habe. Kurz nach dem Studium, als klar wurde, dass ich den Hof übernehme, habe ich immer gedacht: „Im Winter schreibe ich dann …“, aber das ist mit all der Arbeit illusorisch.

Wie sieht eure Arbeitsorganisation aus?

Die ist gerade total im Umbruch. Seit kurzer Zeit leben noch zwei Frauen* und ein Kind hier. Ich habe sie über eine Annonce kennengelernt, in der sie nach einem Hof suchten. Clau kannte ich bereits aus dem Gender- Studies-Studium und Claudia ist Ziegenbäuerin und wird u. a. die Ziegenmilchverarbeitung übernehmen und ausbauen. Beide arbeiten aber auch außerhalb, weil wir mit der Produktion nicht plötzlich drei Erwachsene finanzieren könnten. Außerdem bilde ich angehende Biolandwirt_innen aus, es lebt also auch noch eine Lernende hier. Meine Eltern wohnen auch auf dem Hof und vor allem mein Vater hilft noch regelmäßig mit, auch wenn er sich langsam zurückzieht. Von ihm habe ich in der Zeit der Übergabe sehr viel gelernt.

Die geschlechtsbezogene Arbeitsteilung in der Landwirtschaft ist gemeinhin immer noch recht traditionell. Wie erlebst du das?

Ich erlebe die Landwirtschaft bezüglich geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung als ein System, das nur in eine Richtung durchlässig ist: Sprich, Frauen machen mittlerweile eigentlich alles, Männer nicht. Die Frauen sind auch im Stall und auf dem Feld draußen, arbeiten mit Maschinen usw., aber die Männer übernehmen nicht im gleichen Maß die „Bäuerinnenarbeit“. Ich merke schon, dass wir eine Doppelbelastung haben: Wenn wir im Stall fertig sind, gehen wir noch kochen, dann müssen wir noch putzen. Das machen halt unsere männlichen Kollegen in den allermeisten Fällen nicht, weil (ihre) Frauen diesen Part übernehmen.

Michaele Blakely von der Growing Things Farm im Snoqualmie Valley, Washington © Audra Mulkern

Michaele Blakely von der Growing Things Farm im Snoqualmie Valley, Washington © Audra Mulkern, audramulkern.com

Wie geht es deinen Eltern mit eurer neuen Betriebsgemeinschaft?

Mit Clau und Claudia versuche ich jetzt was Neues aufzubauen, eine Wahlfamilie. Mal sehen, wie das klappt. Für meine Eltern ist es ein bisschen schwierig, nachzuvollziehen, dass ich mit den „Neuen“ so viel teilen will. Wenn ich Mann und Kind hätte, wäre das wohl selbstverständlicher.

Wie stellst du dir die Besitzverhältnisse in dieser Konstellation vor?

Der Hof gehört noch meinem Vater und ich bin Pächter_in, aber die Idee ist schon, dass ich den Hof einmal übernehmen werde. Ich muss ihn nicht unbedingt besitzen, aber es ist rechtlich recht schwierig, dass er nicht einer einzelnen Person gehört. Im Moment leben wir uns erst einmal ein. Aber ich könnte mir sicher vorstellen, dass wir die Betriebsführung aufteilen. Ich habe auch das Bedürfnis, Verantwortung zu teilen bzw. abzugeben.

Was sagt das soziale Umfeld in der Region zu eurer Hofgemeinschaft? Wahrscheinlich ist es nicht so gängig, dass lesbisch lebende Frauen im Kollektiv einen Hof betreiben.

Die Leute schauen schon, aber ich bin auch sehr offen, und mit der Strategie fahre ich recht gut. Ich glaube, die Leute haben eher ein Problem damit, sich so eine Lebensweise in der Theorie vorzustellen, als sie in der Praxis zu akzeptieren. Wenn sie mich kennenlernen, merken sie, dass ich ja ganz nett bin und der Hof auch nicht schlecht läuft. Aber ich verspüre schon den Druck, dass es gut laufen muss, weil der Hof unkonventionell ist.

Ihr betreibt Milchproduktion. Tierhaltung ist gerade unter Leuten, die mit Landwirtschaft wenig zu tun haben, eine sehr umstrittene Angelegenheit.

Die Mensch-Tier-Beziehung beschäftigt mich sehr. Unser Hof ist tierbasiert, das hat aus topografischen Gründen – es ist teilweise sehr hügelig hier – auch ökologisch einen Sinn. Abgesehen davon ist die Zusammenarbeit mit den Tieren extrem schön. Ich habe mich theoretisch mit Tierrechten und Tierethik auseinandergesetzt, und es irritiert mich, dass eine Parallele zwischen der Unterdrückung von Tieren und von Frauen gezogen wird.
Mir ist total bewusst, dass es ein Machtverhältnis gibt, meine Tiere sind ja nicht freiwillig hier. Aber ich habe schon den Eindruck und den Anspruch, dass es ihnen gut geht. Aber klar, ich lasse die Tiere auch schlachten, entscheide, wann sie sterben müssen, auch aus wirtschaftlichen Gründen. Dabei frage ich mich immer wieder: Was machst du eigentlich hier? Aber für mich ist die Lösung nicht, ohne Nutztiere zu leben. Das ist so eine spannende Beziehung, eine Kultur, die ich im Gegensatz zu vielen anderen landwirtschaftlichen Traditionen extrem erhaltenswert finde.

Dein politisches Umfeld in Basel bezeichnest du als queer. Gibt es an der Landwirtschaft etwas Queer_feministisches?

Das ist eine gute Frage. Ob es die Leute sind, die sich als queer bezeichnen? Für mich war spannend, dass ich während des Studiums kritisch gegenüber klassisch feministischen Haltungen war, und als ich hier auf den Hof gekommen bin, habe ich gemerkt, dass ich selbst wieder feministischer werde. Und zwar aus folgendem Grund: Die Landwirtschaft ist noch ein total männerdominiertes Feld. Und nun nenne ich mich Jo, weil das geschlechtsneutral ist. Wenn die Leute aus dem landwirtschaftlichen Kontext den Namen sehen, denken sie aber, das ist ein Mann. Für Offizielles habe ich deshalb wieder meinen „weiblichen“ Namen angenommen – wegen der Sichtbarkeit. Und dann dieses Jünger-Aussehen! Ich werde oft geduzt, weil die Leute glauben, ich sei ein Jugendlicher – mein Vater korrigiert dann: „Das ist die Chefin!“

Du gehst es also vorsichtig an: erst der Feminismus, dann das Queersein.

Das Problem ist, dass die Leute hier alle von Frauen und Männern ausgehen. Wenn ich dann auch noch die Zweigeschlechtlichkeit infrage stelle, versteht mich niemand mehr! Früher waren mir viele feministische Positionen zu differenztheoretisch. Ich hätte mich auch viel weniger als Frau und Lesbe bezeichnet, aber hier ist es wieder wichtiger geworden. Janine, die hier gerade die Lehre macht, erzählt auch, dass sie dauernd gefragt wird: „Auf dem Hof ist kein Mann? Geht denn das?“ Ja, das geht.

Jo Bucher hat vor zwei Jahren den Hof ihrer Eltern übernommen: 13 Hektar Biobetrieb mit Milchkühen, Ziegen, Pferden und Eseln, Hochstammobstbau und wenig Ackerbau. Der Hof liegt in der Zentralschweiz in der Nähe von Luzern.

Lisa Bolyos ist Redakteurin bei der Wiener Straßenzeitung „Augustin“ und betreibt mit Freund_innen eine kleine Landwirtschaft an der burgenländisch-ungarischen Grenze.

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2 Kommentare

  1. Sehr interessantes Thema – gibts auch seit kurzem ein Buch drüber:

    https://www.facebook.com/hastdukeinenbruder?fref=ts

    Verschiedene Wege verschiedener Frauen zum eigenen Hof!

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  1. Mädchenmannschaft » Blog Archive » queer-feministisch auf dem Land, wohnungslos in Berlin und das Model, das keine eigene Schminke mehr mitbringt – kurz verlinkt - […] Das aktuelle an.schläge-Magazin ist da und widmet sich im Titelthema dem „Leben auf dem Land„. Dort spricht zum Beispiel…

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