an.sehen: „Je t’aime, Inshallah“

„The Amina Profile“ feiert beim identities Queer Film Festival seine Österreich-Premiere. Die Dokumentation erzählt die Enthüllung der wahren Identität der Bloggerin von „A Gay Girl in Damascus“ nach. Von FIONA SARA SCHMIDT

 

Unter den rund neunzig Filmen beim diesjährigen identities-Festival finden sich – neben einem Fokus auf Produktionen aus Lateinamerika sowie auf das Thema Sport – zahlreiche Dokumentationen über Kunst: Literatur (Susan Sontag, Alice Walker und Violette Leduc), Musik (Fifth Column, Frauenblasorchester Berlin, Kumbia Queers), Fotografie (Annemarie Schwarzenbach) und Tanz (Yvonne Rainer) sind prominent vertreten. 

Stimme aus Syrien. Die kanadische Dokumentation „The Amina Profile“ verbindet Privates und Politisches und verhandelt die Frage nach Identität und Wahrheit im digitalen Zeitalter. Es beginnt 2011 mit einem Flirt: Sandra aus Kanada und Amina aus Syrien, eine Englischlehrerin Mitte zwanzig, lernen sich über eine Online-Datingplattform kennen. Sie schicken sich Fotos, chatten stundenlang und verlieben sich nach und nach ineinander. Sandra unterstützt Amina dabei, einen Blog über die politische und soziale Situation in Syrien zu starten – und Amina gibt mit „A Gay Girl in Damascus“ der (muslimischen) LGBT-Community des Nahen Ostens eine Stimme. Doch als der Aufstand gegen das Assad-Regime beginnt, steht die Polizei vor der Wohnung von Amina Arrafs Familie. Amina taucht unter, nach Tagen des Bangens erhält ihre Freundin Sandra in Kanada eine E-Mail von Aminas Cousine: Amina wurde verhaftet. Nachdem Blogger_innen den Fall publik machen, berichten internationale Medien. Die US-Behörden werden eingeschaltet, da Aminas Mutter Amerikanerin ist und sie selbst in den Staaten geboren wurde.

In träumerischen Spielsequenzen wird die Online-Beziehung zwischen der Syrerin Amina und der Kanadierin Sandra dargestellt. Filmstill: identities 2015 / © 2015 Esperamos Films et l’Office national du film du Canada

In träumerischen Spielsequenzen wird die Online-Beziehung zwischen der Syrerin Amina und der Kanadierin Sandra dargestellt. Filmstill: identities 2015 / © 2015 Esperamos Films et l’Office national du film du Canada

 

Geträumte Nähe. Allerdings: Eine Geburtsurkunde existiert gar nicht. Auf Twitter fragen die Aktivist_innen, ob jemand Amina persönlich kennt – ohne Antwort. Als schließlich eine an den Geschehnissen vollkommen unbeteiligte Frau im Fernsehen auftritt, die zuvor auf „Aminas“ Fotos zu sehen war, wird der Schwindel aufgedeckt. Regisseurin Sophie Deraspe nähert sich dem Hoax, der sich 2011 zum weltweiten Medienskandal entwickelte, über Sandras Liebesgeschichte. Rückblickend ist die Protagonistin selbst über ihre Naivität erstaunt – das Kennenlernen vollzog sich lediglich schriftlich und mit dem Austausch von Fotos, geschah aber über Monate hinweg und erreichte eine große Intensität. Zudem rollt Deraspe die internationale Dimension der Jagd nach Aminas wahrer Identität auf: Die detektivische Suche nach IP-Adressen und Fotos in sozialen Netzwerken sowie investigative Recherchen führen bald zum Ziel. Neben Sandra kommen auch Aktivist_innen, Blogger_innen und Journalist_innen zu Wort, der Film hält eine Vielfalt an Sprachen fest, Englisch, Französisch und Arabisch wechseln sich ab, Deraspe reist mit der Kamera von Montreal nach Damaskus, Istanbul und Tel Aviv. 

Westliche Sehnsüchte. Amina gab den Protesten des „Arabischen Frühlings“ ein Gesicht, sie wurde als inspirierende Heldin der Revolution gefeiert. Die britische Tageszeitung „The Guardian“, die auch ein Mailinterview mit der angeblichen „Amina“ publiziert hatte, schrieb später, es wäre eine „überhebliche Fantasie“, im Westen ein Bewusstsein dafür schaffen zu wollen, was es bedeutet, im Nahen Osten homosexuell zu sein, und nannte es arrogant und beleidigend, eine marginalisierte Stimme zu stehlen. Dieses Märchen bot alles, wonach sich westliche Medien sehnen: Gewalt, Schönheit, Interkulturalität und Exotik sowie willkommene politische Ansichten, zum Beispiel das Bestehen auf gewaltfreien Widerstand und dass Homosexualität und Islam durchaus vereinbar sind. Mit diesen (imaginierten) Bildern operieren auch die erotisch aufgeladenen Spielszenen mit einschmeichelnder Musik, die die Tragweite der Beziehung für Sandras Leben noch deutlicher machen als die reinen Fakten. Eine sehenswerte Collage über Intimität und Ethik. 

 

identities Queer Film Festival
11.–21.6. in Wien: Gartenbaukino/Filmcasino/Top Kino
www.identities.at

The Amina Profile (Kanada 2014, 84 Min) am 13. Juni um 22 Uhr im Top Kino

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