an.sehen: Web in Serie

Von der Flimmerkiste ins Internet und umgekehrt: TV-Serien ergänzen ihr Programm im Netz und Webserien avancieren ins Hauptprogramm. ARTEMIS LINHART präsentiert einige Highlights.

 

Beim Genre der Webserie regiert das Do-It-Yourself-Prinzip: Die Erfinder_innen der Serie schreiben und produzieren diese meist selbst und stehen vor und hinter der Kamera. Oft werden auch Ton und Schnitt selbst erledigt. Meistens ist DIY im Ergebnis auch sichtbar – ist die Serie überzeugend, tut ihr das allerdings keinen Abbruch. Dass die Episoden kurz und frei verfügbar im Netz zugänglich sind, sorgt für rasche Verbreitung.
Ein Paradebeispiel für den Schritt vom Internet ins US-amerikanische TV ist „Broad City“. Ilana Glazer, eine der beiden Schöpferinnen der Serie, machte 2012 auch mit „Chronic Gamer Girl“ von sich reden. In dem gleichnamigen Youtube-Kanal kann man ihr und gelegentlich Gäst_innen dabei zusehen, wie sie bekifft Videospiele spielen. Glazers Vorliebe für berauschtes Abhängen kommt auch in „Broad City“ zur Geltung. Die mit Abbi Jacobson kreierte Webserie erzählt von den Abenteuern zweier Slacker-Freundinnen in New York. Sogar Comedy-Göttin Amy Poehler wurde auf die Produktion der beiden jüdischen Feministinnen aufmerksam, wirkte in der finalen Folge mit und sorgte dafür, dass der Serie der Sprung ins Kabelfernsehen gelang.

Abbi in „Broad City“ nach ihrer Weisheitszahn-Operation. © Matt Peyton

Abbi in „Broad City“ nach ihrer Weisheitszahn-Operation. © Matt Peyton

Frankenstein reloaded. Eine interessante Entwicklung in der Webserienwelt sind Literatur-Adaptionen. Klassische Vorlagen werden auf queer-feministische Weise neu interpretiert. Ein wunderbares Beispiel ist „Carmilla“. Basierend auf der Novelle über eine – damals sehr subtil angedeutet lesbische – Vampirin von 1872 geht es in der kanadischen Webserie um den Video-Blog der Studienanfängerin Laura und deren neue, düstere Zimmergenossin, die ihr nicht ganz geheuer erscheint. Die Serie funktioniert großartig als hinreißend queere Neuschöpfung des Klassikers und hat eine dementsprechend enthusiastische Fangemeinde.
Von ähnlichem Schlag ist „The Lizzie Bennet Diaries“, eine kreative Interpretation von „Stolz und Vorurteil“. Ebenfalls im Vlog-Stil rollt die Protagonistin die turbulenten romantischen Verhältnisse ihrer Schwester Jane und deren Verehrer Bing Lee (bei Austen Mr. Bingley) auf. Die Serie ist köstlich ausgelassen und detailreich umgesetzt, inklusive aufwändiger Reenactments und zusätzlicher Goodies wie etwa einer parallel laufenden Spin-off-Serie von Lizzies kleiner Schwester.
Die dritte Klassiker-Adaption ist „Frankenstein, MD“. Die angehende Ärztin Victoria Frankenstein kann ganz nach Shelley-Manier ihre Experimentierwut nicht im Zaum halten und erschafft aus gesammelten Körperteilen ein eigenes „Monster“. Das Ganze wird im Stil einer edukativen Wissenschafts-Serie präsentiert, entwickelt sich jedoch sehr schnell zum Reißer für Sensationslüsterne.

Homoneurotik. Ingrid Jungermann ist eine Koryphäe unter den Brooklyner Homoneurotiker_innen. In der Tat schreibt sie sich diese Bezeichnung selbst auf die Fahnen. Mit ihrer neuen Webserie „F to 7th“ beschreitet Jungermann nun nach der lesbischen Beziehungs-Comedy „The Slope“ in etwas geschliffenerer Ästhetik neue Wege der Verwirrung zwischen Queerfeminismus und der eigenen Homophobie und konnte dafür eine ganze Reihe an TV-Lieblingen wie Janeane Garofalo und Gaby Hoffmann als Gaststars gewinnen. Frauen mittleren Alters haben ansonsten wenig Platz in Film und Fernsehen – mit ihren Webserien räumt Jungermann sich diesen Platz selbst ein.
Issa Rae ist ein Nachwuchsstar der Serienlandschaft und eine starke Stimme für Diversität in den US-Medien. In der extrem erfolgreichen Webserie „The Mis-Adventures of Awkward Black Girl“ erzählt  die Protagonistin J (gespielt von Rae) irrsinnig witzig aus dem ganz normalen Wahnsinn ihres Alltags. Rae veröffentlichte nicht nur ein Buch zur Serie, sondern produziert auch andere Web- und TV-Serien mit, in denen Women of Color die Bildschirme erobern.

 

Artemis Linhart ist begeisterte  Serien-Schauerin, sowohl on- als auch offline.

 

Broad City, www.broadcitytheshow.com
Carmilla, Youtube: VervegirlMagazine
The Lizzie Bennet Diaries, Youtube: LizzieBennet
Frankenstein, MD, Youtube: pbsdigitalstudios
F to 7th, www.fto7th.com
The Mis-Adventures of Awkward Black Girl, http://awkwardblackgirl.com

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1 Kommentar

  1. Eins macht mich traurig: Aus dem deutschsprachigen Raum ist da leider nicht viel zu erwarten.

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