an.sehen: Motor der Veränderung

Der Dokumentarfilm „Private Revolutions“ erzählt von feministischen Aufbrüchen in Ägypten und dem langen Atem, den eine Revolution erfordert. Von BRIGITTE THEIßL

 

Jänner 2011, Kairo. Zehntausende Menschen strömen auf den Tahrir­-Platz, um gegen das Regime des amtieren­den Präsidenten Mubarak zu protestieren, Medien schicken die Bilder des „Arabischen Frühlings“ rund um den Globus. Ein revolutionäres Feuer scheint arabische Staaten ergriffen zu haben, die Ereignisse werden interna­tional mit großer Euphorie kommentiert. Nachdem Präsident Mohammed Mursi, der im Juni 2012 nach dem Sturz Mubaraks als Sieger aus einer Stichwahl hervorgegangen war, ein Jahr später schließlich durch einen Militärputsch abgesetzt wird und sich gewalttätige Proteste mehren, wandelt sich die anfängliche Euphorie im Westen schnell zu Skepsis. „Ist die arabische Revolu­tion gescheitert?“, wird in Leitartikeln großer Medienhäuser gefragt – als ob sich jahrzehntelang gewachsene Macht­strukturen über Nacht in Luft auflösen könnten.

A step back. „Private Revolutions“ stellt sich dieser Deutung entgegen und bringt die aus den Nachrichten größ­tenteils verschwundenen langwierigen Kämpfe mit der nötigen Entschleuni­gung auf die Leinwand. Der Dokumen­tarfilm porträtiert vier Ägypterinnen, die für eine bessere und demokrati­schere Gesellschaft kämpfen, und er­zählt anhand ihrer persönlichen Erfah­rungen die Geschichte der ägyptischen Revolution und ihrer feministischen Aufbrüche. Die in der Schweiz geborene und in Wien ausgebildete Regisseurin Alexandra Schneider begleitete die Protagonistinnen fast zwei Jahre lang. Aus dieser engen Zusammenarbeit ist ein Film entstanden, den Intimität und die Nähe zu den Protagonistinnen beson­ders auszeichnet. Es ist fast unmöglich, sich nicht in die mutigen Frauen und ihren patriarchalen Strukturen trotzen­den Kampfgeist zu verlieben.

Sharbat Abdullah © 2015 Daniela Praher Filmproduktion

Sharbat Abdullah © 2015 Daniela Praher Filmproduktion

Steter Tropfen. Da ist etwa Amani Eltunsi, die einen Verlag und das Frauen­-Internetradio „Banat wa Bas“ gründete. Ihre offenen Berichte über häusliche Gewalt, Diskriminierung und Genitalbeschneidung handeln ihr wiederholt Probleme mit der staatlichen Zensurbehörde und religiösen Führern ein, doch auch bei einer Buchpräsen­tation zum Thema Scheidung begegnet sie den Fragen entrüsteter Zuhörer mit stoischer Gelassenheit. Aber auch ihr Frust und die Enttäuschung über ausgebliebene gesellschaftliche Verän­derungen werden dokumentiert. „Jetzt diskutieren sie darüber, wie sich Frauen kleiden sollen. Das sind unsere Proble­me? Nicht, was wir arbeiten oder essen sollen?“, sagt Eltunsi, während sie sich hinter dem Steuer durch verstopfte und löchrige Straßen kämpft. Als unverhei­ratete Frau erntet sie häufig verstörte Blicke.

Ein hoher Preis. Ähnlich ergeht es der Nubierin May Gah Allah und auch Sharbat Abdullah, die sich gegen den Widerstand ihres Mannes und der Nachbarschaft den Protesten am Tahr­ir­-Platz anschließt.
Ihre Söhne nimmt Abdullah trotz des zunehmenden Risikos mit zu den Demonstrationen, von ihrem Ehe­mann wird sie deshalb mehrfach auf die Straße gesetzt. In ihrer Tasche hat sie immer ihre Schutzausrüstung gegen das Tränengas und eine Sche­re zur Selbstverteidigung – sie weiß von den Übergriffen auf Frauen auf dem Tahrir­-Platz. Abdullah gehört zu jenen Ägypter_innen, für die finanzielle Nöte im Vordergrund stehen. So wie bei den anderen Bewohner_innen ihrer Siedlung fehlt das Geld für eine gute Schulausbildung der Kinder, rund vierzig von insgesamt achtzig Millionen Menschen leben in Ägypten unter der Armutsgrenze.
Völlig konträr dazu ist die Lebens­welt der vierten Protagonistin, Fatema Abouzeid. Als Mitglied der Muslimbrü­der koordiniert sie den Wahlkampf für Mursi und kümmert sich zugleich um Erziehung und Haushalt. Im Laufe der Dreharbeiten bricht sie den Kontakt zur Regisseurin ab – die Präsenz der westlichen Kamerafrau scheint in ihrem Umfeld Verdacht erregt zu haben, auch in anderen Zusammenhängen war Schneider selten ein gern gesehener Gast.
Die Risikobereitschaft und die Be­harrlichkeit der Regisseurin haben sich bezahlt gemacht: „Private Revolutions“ ist ein kostbares Stück Zeitgeschichte und ein Pflichtfilm für alle feministi­schen Aktivistinnen, deren Motivation in den Mühlen der Strukturen verloren zu gehen droht. Der Kampfgeist von Eltunsi, Abdullah und Allah wirkt noch lange nach.

 

„Private Revolutions“ (Österreich 2014, 98 Minuten) startet am 13. Feb­ruar im Wiener Votivkino. Weitere Termine auf www.privaterevolutions­film.com

 

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