positionswechsel: Der Feind in meinem Bett

eine lady genießt und schreibt

Ich falle gleich mit einem Geständnis ins Haus: Ich war im Bett mit einem ÖVPler. Zugegeben, es ist schon eine ganze Weile her – ich war jung und brauchte Sex (und davon nicht zu knapp). Kennengelernt hatten wir uns in einem Chat. David war respektvoll, hatte Schmäh und war, wie sich schon bald herausstellen sollte, ein verdammt guter Küsser, der mein Hirn in meine Muschi rutschen ließ. Dauergeil, wie ich war, hätte ich ihm bei unserem ersten Treffen am liebsten die Kleider vom Leib gerissen. Obendrein war ich, die sich bis dahin vor allem lesbischen Vergnügungen hingegeben hatte, neugierig und wollte mich in Sachen Hetero-Sex weiterbilden. Wie macht man Sex mit einem Mann? Diese Frage war mir vollkommen ernst und Antrieb, praktische Feldforschung zu betreiben. Warum auch nicht? Schließlich ist auch ein heterosexueller Fick ebenso wenig „natürlich“ wie jeder andere Sex.
David war in vielerlei Hinsicht ein typisch Konservativer: Er glaubte an die Ehe und die traditionelle Familie, ging in die Kirche und fantasierte ausgiebig davon, anal penetriert zu werden. Und trotzdem: Er war nicht das reaktionäre Arschloch, das man sich als politischen Gegner vorstellt, sondern gab sich durchwegs liberal und weltoffen.
„Spinnst du?“, schimpfte mich eine Freundin, als ich ihr meine Affäre beichtete. „Das ist doch der Klassiker: Machen einen auf humanistisch und legen dich dann erst recht aufs Kreuz.“ Ich begann zu grübeln: Sollte man wissen, wen die andere Person wählt, bevor man mit ihr ins Bett steigt? (Ein Sexleben nach Parteibuch, das klingt nach der Hölle auf Erden.) Zeugt es von mangelndem revolutionären Bewusstsein, wenn man mit dem politischen Gegner Körperflüssigkeiten austauscht? (Liebe mit dem Klassenfeind – schuldig im Sinne der Anklage!) Dürfte ich dann in diesem Fall nur mit linken Männern schlafen? (Haha.)
Indes erledigte sich die Sache mit David ohnehin bald von selbst: So wie seine politische Zugehörigkeit hatte er mir einfach nicht schmecken wollen. Und ich keinen Grund mehr, mir länger auf die Zunge zu beißen.

Suzy Fountain verteilt ungern Fragebögen, bevor sie mit jemandem auf Tuchfühlung geht.

positionswechsel_anschlaege_feminismus_kolumne

Illustration: Nadine Kappacher

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