bonustrack: Mama Leonard

Meine Eltern hatten keine Plattensammlung. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, welche Musik meine Eltern in meiner Kindheit hörten. Meine Mutter teilte mir irgendwann mit, dass sie Simon & Garfunkel mochte, und an dieser Information klammerte ich mich fest wie an einer Rettungsboje in einem Meer von Radio und „Best Of Andrew Lloyd Webber“-CDs, die in meiner Kindheit irgendwann auftauchten, ohne dass ich so genau weiß, woher sie eigentlich kamen. Nachmittags saßen wir auf Omas Ledercouch und hofften inständig, das nächste Lied bei „Wurlitzer“ würde von David Hasselhoff sein. Oma, ihres Zeichens Fan von großen Männern mit Locken, und ich, meines Zeichens Fan des Dackels im Video zu „Crazy for You“.
Mein Vater stimmte bei guter Laune die Anfangstakte von Opernarien an, meine Mutter sang mit Gitarre Klassiker der Popmusik aus einem Peter-Bursch-Buch. Das Peter-Bursch-Buch hatte neben jedem Lied eine Illustration, und schnell war ich davon überzeugt, „Puff the Magic Dragon“ heiß und innig zu lieben, denn offensichtlich war es das einzige Lied im Buch, das für Kinder geschrieben wurde. Denn Erwachsene hatten mit Drachen nichts am Hut.
Ich war immer etwas neidisch auf Menschen, die bei Eltern mit beeindruckender Plattensammlung aufwuchsen, insgeheim den Verdacht hegend, meine Familie hätte mich um eine Art Geheimwissen beraubt, das mir zugestanden hätte.
Mit Mitte zwanzig hörte ich zum ersten Mal „Songs of Leonard Cohen“, überzeugt, ich würde damit zum ersten Mal Lieder von Leonard Cohen hören. Doch irgendwie kannte ich das schon. Ein bisschen war es so, wie wenn man einen sehr alten, sehr guten Freund nach sehr langer Zeit wiedertrifft. So long, Marianne. It’s time that we began … Mama? Mir wurde bewusst, dass ich mit den Leonhard-Cohen-Cover-Versionen meiner Mutter an der Gitarre aufgewachsen war, ohne es richtig mitbekommen zu haben. Ein Eck Geheimwissen, bloß ums Eck gesungen.

Illustration: Anna Kohlweis

Illustration: Anna Kohlweis

Anna Kohlweis findet Dackel noch immer total gut und wurde im eigenen Songwriting vermutlich gleichermaßen von Dackeln und Leonard Cohen beeinflusst.

www.annakohlweis.com

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