Kultur der Respektlosigkeit

Klassismus beschreibt nicht nur Diskriminierung, sondern auch eine Ideologie der Rechtfertigung. Von HEIKE WEINBACH

 

Was bedeutet „Klassismus“, und wie lässt sich klassistische Diskriminierung fassen? Regelmäßig veröffentlichen sowohl die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten als auch die EU-Kommission Zahlen zur sozialen Lage und zur Bildungsbeteiligung von Menschen mit Armutserfahrungen bzw. Menschen aus Arbeiter_innenfamilien. Als Grundlage werden hierbei die Bildungsabschlüsse der Eltern herangezogen und die damit verbundenen Zugänge zu materiellen und ideellen Ressourcen der Gesellschaft. Die Lebenssituationen der Betroffenen begreifen Forscher_innen in diesem Zusammenhang als das Ergebnis von Diskriminierung, sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung. Diese Faktoren werden explizit als Ursache für Armut und Ausgrenzung benannt, auch andere Diskriminierungsmerkmale wie die Geschlechtszugehörigkeit, Migrationshintergründe oder körperliche Verfasstheiten bestimmen sie dabei als Ausgrenzungsfaktoren, die sich mit Armutsgefährdung überschneiden. Die Kämpfe darum, diese Zusammenhänge öffentlich sichtbar zu machen und die Situation zu verändern, sind vor allem Sozialen Bewegungen zu verdanken, unter anderem den Antiklassismusbewegungen, Arbeiter_innen- und Gewerkschaftsbewegungen und den Frauenbewegungen.

Unterdrückung benennen. Der Begriff „Klassismus“ (eine Übersetzungsvariante des englischsprachigen „classism“) stammt ursprünglich aus dem US-amerikanischen Kontext und wird analog zu Rassismus, Antisemitismus oder (Hetero-)Sexismus als eine Diskriminierungs- und Unterdrückungsform definiert. Diesem Verständnis nach umfasst der Begriff jedoch mehr als den Ausschluss von materiellen Ressourcen und politischer Partizipation.
Bei Analysen von Klassismus wird zwar der Status von Menschen im Produktionsprozess zum Ausgangspunkt genommen, die ökonomische Stellung aber nicht als einziges Differenzmerkmal herangezogen. So spielen etwa auch Geschlechterverhältnisse eine wesentliche Rolle. Beispielsweise verdient eine weibliche Reinigungskraft in einem privaten Haushalt durchschnittlich acht Euro pro Stunde. Häufig handelt es sich dabei um prekäre, nicht sichtbare Arbeitsverhältnisse. Im Hinblick auf den gesamten Arbeitsmarkt der Reinigungskräfte lassen sich jedoch Unterschiede in der Bezahlung von Frauen und Männern konstatieren: Gebäudereinigung ist ein Beruf, in dem vorwiegend Männer ausgebildet werden, die meist sozialversicherungspflichtig beschäftigt in der Sichtbarkeit mehr verdienen.

Klassengesellschaft. Bei Klassismus geht es immer auch um Aberkennungsprozesse auf kultureller, institutioneller, politischer und individueller Ebene, etwa indem Rechte und Rechtsansprüche verweigert, Lebensweisen und Wertvorstellungen nicht anerkannt und nicht sichtbar werden. Der Klassenbegriff, der der Klassismus-Kritik zugrunde liegt, bezieht sich auf den ökonomischen Status als Grundkategorie, wird aber als veränder- und erweiterbar gedacht. Auch wenn die Bezeichnungen „unten“ und „oben“ nicht unproblematisch sind, werden sie in der Antiklassismus-Bildungsarbeit benutzt, um klassistische Phänomene zu beschreiben.
Als „herrschende Klasse“ werden jene Personen bezeichnet, die in den zentralen Institutionen der Gesellschaft (etwa in der Politik) Positionen der Entscheidungs- und Verteilungsbefugnis innehaben. Mit „besitzende Klasse“ sind hingegen reiche Personen und Familien gemeint, die in der Gesellschaft über so viel Einkommen verfügen, dass sie andere für sich arbeiten lassen können. Die „Arbeiter_innenklasse“ umfasst Menschen, deren Einkommen auf einem Stundenlohn für Arbeit beruht, sowie Personen, die über Tageslohn bezahlt werden. Zur „unteren Klasse“ gehören zum Beispiel arbeitslose und arme Menschen, also Personen, die teilweise oder gänzlich auf staatliche oder andere Unterstützungsformen angewiesen sind.

Lesbisch-feministische Impulse. Wie bereits erwähnt, liegen die Ursprünge des Klassismus-Begriffs in den USA und sind eng verbunden mit den neueren Sozialen Bewegungen gegen Sexismus und Rassismus. Der Begriff entstand fast zeitgleich und im selben politischen Umfeld wie die Bezeichnung „Sexismus“. Die ersten Aufzeichnungen des Klassismus-Begriffs finden sich 1974 in den Veröffentlichungen der Lesbengruppe The Furies, in der Arbeiter_innentöchter mit unterschiedlichen Rassismus- und Heterosexismus-Erfahrungen ihre Diskriminierung aufgrund ihrer sozialen Herkunft thematisierten (vgl. S. 18).
Rund ein Jahrzehnt später tauchte der Begriff in einem Buch von Anja Meulenbelt auf, das im niederländischen Original 1985 erschienen war und 1988 unter dem deutschsprachigen Titel „Scheidelinien. Über Sexismus, Rassismus und Klassismus“ veröffentlicht wurde. In Deutschland fand das Buch jedoch wenig Beachtung, und auch der Klassismus-Begriff in seiner ganzen Komplexität stieß in den Frauenbewegungen der Bundesrepublik und in anderen europäischen Ländern nicht unmittelbar auf große Resonanz, wenngleich zu dieser Zeit einige Bücher zur Frage von „Klasse“ und Geschlecht und zu Arbeiter_innentöchtern an den Hochschulen publiziert wurden.

Überschneidungslinien. Seit Ende der 1990er-Jahre erscheinen insbesondere in den USA vermehrt umfangreiche Analysen zur Intersektionalität von Geschlecht und sozialer Herkunft bzw. „Klasse“. Die britische Soziologin Beverly Skeggs etwa formuliert in diesem Zusammenhang, dass nicht nur die Geschlechterrolle erlernt, sondern auch „Klasse“ als kulturelles Verhalten erworben wird. Eng damit verbunden sind auch unterschiedliche Wahrnehmungen von Mädchen und Frauen je nach ihrer sozialen Herkunft. Suki Ali, ebenfalls Soziologin aus Großbritannien, kann zum Beispiel zeigen, dass Mädchen, die sich laut und raumnehmend verhalten, eher Working-Class-Identitäten zugeschrieben werden. Mädchen mit asiatischem Hintergrund werden von Lehrer_innen hingegen Eigenschaften wie ruhig und ordentlich zugeschrieben. Dadurch werden sie eher als Angehörige der Mittelklasse wahrgenommen, auch wenn sie aus armen Kontexten stammen.
Neuere feministische Untersuchungen plädieren deshalb dafür, die Komplexität von Klassen- und Klassismuserfahrungen sowie anderen Stigmatisierungen und Zuschreibungen in Bildungskontexten sehr genau und differenziert zu untersuchen, um die Gründe für Ausgrenzung identifizieren und besser bekämpfen zu können.

anschlaege_10_2014_klassismus_kultur_der_respektlosigkeit_grafik

Illustration: Bianca Tschaikner

68 Millionen. Ohne Rechtfertigungsideologien lassen sich ökonomische Ungleichheitsstrukturen zumindest in Demokratien nicht aufrechterhalten. Denn die ungleiche Verteilung von Ressourcen bedarf der argumentativen Begründung. Klassismus beinhaltet da- her auch ein diskursives Begründungsmuster, um bestimmte Bilder über Menschen zu legitimieren, deren Anteil an gesellschaftlichen und materiellen Gütern gering gehalten wird.
In der Studie „Special Eurobarometer: Poverty and Exclusion“ vom September 2007 wurden – wenn auch eher vorsichtig – erstmals auf EU-Ebene nicht nur die ökonomischen Realitäten, sondern auch Diskriminierungen und Vorurteile gegenüber armen und obdachlosen Menschen thematisiert.1 68 Millionen Bürger_innen in der EU leben unter der Armutsgrenze oder sind armutsgefährdet. Der Report untersucht, wie Armut und Ausgrenzung in den europäischen Mitgliedsstaaten wahrgenommen werden (zum Beispiel welche Haltungen Bürger_innen gegenüber obdachlosen Menschen einnehmen). Diese Wahrnehmung ist stark abhängig von der eigenen ökonomischen Situation: Je reicher und abgesicherter eine Person ist, desto weniger nimmt sie Armut zur Kenntnis.

Distanz halten. Die Studie zeigt auch, wie sehr arme Menschen von sozialer und kultureller Partizipation in der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Die Vorurteile sind bemerkenswert: Dreißig Prozent der Befragten denken, dass arme Menschen schon immer arm waren, zwanzig Prozent führen Armut darauf zurück, dass die Betroffenen „faul“ seien und einen „Mangel an Willenskraft“ hätten. Nur ein Prozent der Bürger_innen kann sich vorstellen, selbst obdachlos zu werden. Armut wird in einem hohen Maß als „anders“ wahrgenommen und, wie die Studie zeigt, möglichst auf Distanz zum eigenen Leben gehalten – es sei denn, die Menschen sind unmittelbar selbst betroffen.
Solche Sichtweisen entstehen nicht zwangsläufig und grundlos. Sie sind die Resultate von komplexen strukturellen Diskriminierungsprozessen mit einer langen Geschichte. Lange Zeit gab es dafür jedoch keine Bezeichnung. Mit dem Begriff „Klassismus“, der von „Klasse“ als Konstruktion ausgeht, werden neue Felder für das Denken von gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsmechanismen eröffnet. Klassismus-Analysen hinterfragen zudem die Stereotypisierungen und Herabsetzungen, die mit dem sozialpolitischen Status einhergehen, sowie die damit verbundenen Legitimationsstrategien.
Traditionelle marxistische Klassenanalysen hingegen halten bis heute an der Priorität des ökonomischen Status fest sowie an der Annahme, mit einer allgemeinen Verbesserung desselben sei das Klassenproblem erledigt. Es gibt jedoch bislang kein historisches Beispiel dafür, dass eine tendenzielle Anglei- chung von ökonomischen Lebensverhältnissen (wie etwa in den ehemaligen sogenannten sozialistischen Ländern wie der DDR oder Jugoslawien) soziale Herrschaftsstrukturen und Diskriminierungen zwischen Klassen automatisch erledigt hätte.

Mehrfachdiskriminierungen. Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen die unterschiedlichen Diskriminierungen auf, denen Angehörige „niedriger“ Sozialschichten ausgesetzt sind. Beispielsweise untersuchten Wissenschaftler_innen der Universität Duisburg-Essen die Versorgung mit ambulanter Psychotherapie und konstatierten erneut „eine Unterversorgung von Personengruppen mit niedrigem Bildungsstand, d.h. mit Hauptschulabschluss oder darunter, bzw. von Kindern, deren Eltern einen entsprechenden Abschluss vorweisen. Die Versorgungslage von Erwachsenen mit höheren Bildungsabschlüssen (ab Fachhochschulreife) und Kindern von Elternteilen mit entsprechenden Abschlüssen ist deutlich besser.“
Vlatka Frketić und Perry Persson Baumgartinger wiederum zeigen in ihrer Studie, wie Trans*Personen als Arbeit suchende und arbeitslose Menschen auf dem österreichischen Arbeitsmarkt mehrfachdiskriminiert werden: „Da ich Arbeit suchend bin, versuche ich, irgendwie einen Job zu bekommen, was schon aufgrund meines Alters extrem schwierig ist.
Ich befürchte, wenn ich in meinem ‚Wunschgeschlecht‘ zu einem Vorstellungsgespräch erscheine, habe ich nicht mal den Funken einer Chance.“2
In einer Untersuchung einer Jenaer Forschungsgruppe zum Thema „Anerkennung und Arbeitslosigkeit“ wird belegt, dass sich arbeitslose Personen oft mit hohem Einsatz um Arbeit bemühen. Sie sind aktiv, knüpfen Netzwerke, erfahren jedoch massive Repressionen durch Ämter und Medien: Druck, Diskriminierung, Verdacht, permanente Überprüfung, Rechtfertigung. Folgen dieser Diskriminierung sind Krankheit, Depression. Die Diskriminierung wird zum Teil als schlimmer erlebt als die Arbeitslosigkeit selbst.

Perspektivenwechsel. Erst wenn die normative Kraft von Klassenverhältnissen und die damit verbundene Kultur der Respektlosigkeit und Herrschaft ins Bewusstsein tritt und Klassen als Strukturen und als Konstruktionen verstanden und analysiert werden, können neue Bilder entstehen, neue Ideen für eine andere Organisation der Gesellschaft. Optimale und gerechte Bildungsbeteiligung fängt dabei im frühen Kindesalter an, wird ermöglicht durch kostenfreie Krippen, Kindergartenpflicht, qualitativ hochwertige Ganztagsschulen und einer Entkoppelung von Bildungswegen der Kinder von ihren jeweiligen Familienstrukturen. Die Stimmen von Menschen, die Hilfe und Unterstützung in komplexen Lebenslagen brauchen – Alleinerziehende, alte Menschen, kranke Personen, beeinträchtigte Menschen, Flüchtlinge u. a. –, müssen in Bildungskontexten, Politik und Wissenschaft hörbar und sichtbar werden, damit andere gesellschaftliche Perspektiven entstehen können.

Heike Weinbach ist Professorin für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Didaktik an der Hochschule Rhein-Waal in Kleve, Deutschland.

 

LINKS:

1 Special Eurobarometer: Poverty and Exclusion 2007: http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/ebs/ebs_355_en.pdf
2 VlatkaFrketić/Persson Perry Baumgartinger: Transpersonen am österreichischen Arbeitsmarkt. Wien 2008. www.academia.edu/5900536/TransPersonen_am_osterreichischen_Arbeitsmarkt

Flattr this!

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *