Kritik, die ungehört verhallt

Bei der Klassismuskritik hat sich in queer_feministischen Zusammenhängen seit 50 Jahren kaum etwas verändert. Von ANNE-CARINA LISCHEWSKI

 

Die erste Auseinandersetzung mit dem Begriff „Klassismus“ findet sich in einer Essay-Sammlung der überwiegend proletarischen Lesbengruppe The Furies, die 1974 unter dem Titel „Class & Feminism“ veröffentlicht wurde. Sie beinhaltet viel Kritik an der eigenen Szene, die sich zum Großteil auch auf die heutigen Verhältnisse übertragen lässt. So problematisierten die Aktivistinnen schon damals die für sie unverständliche Haltung finanziell besser gestellter Mitstreiterinnen, (potenziell) vorhandenes Geld lieber zu verleugnen statt zu teilen. Auch der in der Szene verbreitete (und den Furies zynisch erscheinende) Hang zur Romantisierung von Armut wurde kritisiert. Für Menschen, für die Armut seit jeher zu ihrem – nicht selbst gewählten – Alltag gehörte, war die Aussicht auf ein Leben im Zeichen des Konsumverzichts wenig reizvoll. Doch genau das wurde von klassistisch privilegierten Feministinnen häufig weder verstanden noch akzeptiert.
„Früher waren wir unsichtbar und wenn nicht, dann waren wir Trash – heute sind wir kontrarevolutionär“, beschrieb die US-amerikanische lesbische Schriftstellerin Rita Mae Brown ihre Erfahrungen mit Mittelklasse-Aktivistinnen in besagtem Reader. Ebenso verzerrt erschien den Furies die ständige Beteuerung einiger, „pleite“ zu sein, wenn es um lebensnotwendige Dinge wie Essen ging. Vor allem, wenn auf der anderen Seite doch genügend Geld für subkulturell anerkannte Dinge wie Drogen oder Platten da zu sein schien.

Klassismus spaltet. In den sieben Essays der Furies ging es aber nicht nur um Geld, sondern auch um andere klassistische Privilegien und den Unwillen, diese zu reflektieren: Wer kann es sich aufgrund seiner sozialen Beziehungen erlauben, eine Gefängnisstrafe zu riskieren, weil sie*er Leute im Rücken hat, die sie*ihn jederzeit wieder rausholen können? Wer traut sich, in einem teuren Laden zu klauen, und wer würde sich stattdessen schon dabei komisch vorkommen, ihn nur zu betreten? Auch der unausgesprochene Zwang, sich an Mittelklasse-Normen anzupassen (zum Beispiel in Bezug auf Dialekte und Vokabular), wurde thematisiert. Ebenso der Mangel an Solidarität – auch unter proletarischen Aktivistinnen –, beispielsweise wenn es um das Aufzeigen klassistischer Verhaltensweisen ging.
Die Furies machten Klassismus als ein Problem sichtbar, das feministische Bewegungen spaltet, und schlussfolgerten: „Es geht um die Frage, wie wir die Ursachen für diese Spaltung – klassistisches Verhalten, Klassenmacht und Klassenprivilegien – bekämpfen können, und nicht darum, diejenigen, die die Probleme ansprechen, zum Schweigen zu bringen.“

„Gute“ vs. „böse“ Prolos. In Deutschland diskutierten die sogenannten Prolo-Lesben auf den Berliner Lesbenwochen 1987 ähnliche Aspekte wie die Furies rund zehn Jahre zuvor. Das Verschleiern des eigenen finanziellen Hintergrunds findet sich auf dem Protokoll ihrer Veranstaltung an erster Stelle: Wer kann sich auch trotz leerer Portemonnaies Urlaube leisten, weil die Familie dafür zahlt oder sogar Ferienhäuser besitzt? Wer kann mit teuren Geschenken, Sparkonten und Erbschaften rechnen? Wer lebt in der Gewissheit, dass im schlimmsten Fall immer irgendwer da ist, um (finanziell) auszuhelfen? Dass Mittelklasse-Aktivistinnen (sofern sie ihren finanziellen Hintergrund offenlegen) oft darüber jammern, dadurch in eine Abhängigkeit von ihrer Familie zu geraten, wurde von den Prolo-Lesben ebenfalls kritisiert. Eine der Anwesenden warf ein, sie wäre froh über das Geld, die sich daraus ergebenden Auseinandersetzungen würde sie schon führen.
Aber auch andere Aspekte des Umgangs miteinander standen zur Diskussion: Wer wird ernst genommen, über wessen Beiträge wird gelacht, wer wählt welchen Tonfall, und welcher gilt als „angemessen“? Wer redet, und wer hört zu? Wer lässt sich leichter verunsichern, wer fühlt sich über- und wer unterlegen? Auch vermeintliche Komplimente wie „Was – du Prolo? Das merkt man dir gar nicht an!“ und die Unterteilung in „gute“ (angepasste, mit höherer Schulbildung und nach „oben“ strebende) und „böse“ (fluchende, saufende, schreiende, „dumme“) Prolos wurden problematisiert. Das Protokoll der Prolo-Lesben endet mit dem Aufruf an bürgerliche Lesben, nicht mehr so zu tun, als gäbe es keine oder viel wichtigere Probleme, sondern sich aktiv und solidarisch mit dem Thema „Klasse“ auseinanderzusetzen.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Gegen den klassistischen Normalzustand. In den letzten Jahren ist Klassismus innerhalb queer_feministischer Zusammenhänge im deutschsprachigen Raum wieder zum Thema gemacht worden, im Netz beispielsweise durch die Bloggerin ClaraRosa. Sie schrieb im März 2013 einen Aufruf an andere klassistisch diskriminierte Bloggerinnen, sich zusammenzuschließen, um sichtbar zu werden und den klassistischen Normalzustand feministischer Bewegungen anzufechten. Tatsächlich folgten diesem Aufruf eine Reihe weiterer – in erster Linie autobiografischer – Blogbeiträge. Diese Texte stießen auf Gehör, aber auch auf sehr viel Abwehr. Immer wieder war zu lesen: „Das ist doch alles nichts Neues“, „Lies mal Bourdieu“ oder „Wir haben doch schon Kapitalismus- kritik, wer braucht da noch Klassismus- kritik?“.
Als Reaktion darauf verfassten einige Autor*innen eine Antwort, die unter dem Titel „Wir sind Klasse“ im April 2013 online ging. In ihrem Text nahmen sie auch Bezug auf ihre historischen Vorreiterinnen: „Ich mach seit Jahren nix anderes, als die von bürgerlichen Feministinnen verdrängten, gesilenceten und ignorierten Geschichten von proletarischen Feministinnen auszugraben. Diese Geschichten sind ein Schatz! Denn sie zeigen, wie sich Geschichte wiederholt und wie bürgerliche Ausschlussmechanismen funktionieren.“ Auf diesen Text folgten bis heute bemerkenswert wenige Reaktionen, der Link zu dem auf verschiedenen Blogs veröffentlichten Beitrag ist bezeichnend selten geteilt worden.

Entsolidarisierung. Obwohl der Begriff „Klassismus“ nahezu zeitgleich und im selben politischen Umfeld entstanden ist wie der Begriff „Sexismus“ (siehe auch Artikel S. 15), ist er bis heute viel weniger be- und vor allem anerkannt. Woran liegt das? Meine These lautet: Zum einen sind diverse Frauenbewegungen professionalisiert worden, das heißt, Jobs in vormals autonom geführten Frauenprojekten wurden fortan ausschließlich nach staatlich anerkannter „Qualifikation“ vergeben und bezahlt. Im Zuge dessen haben sich auch die Normen und Werte der Leistungsgesellschaft in diese Projekte eingeschrieben, ehemals solidarische Grundsätze wie Einheitslöhne sind zunehmend verschwunden, die Projekte wurden entpolitisiert.
Die auf dem kapitalistischen Markt gestiegenen Karrierechancen bestimmter Frauen führten darüber hinaus zu einer Entsolidarisierung: Während es vor einigen Jahrzehnten noch politisch fragwürdig gewesen wäre, andere Frauen zugunsten der eigenen „Befreiung“ auszubeuten, scheint es in den letzten Jahren kein Problem mehr zu sein, Sorgearbeit an schlechter gestellte Frauen – allen voran Migrantinnen und Women of Color – abzugeben. Persönliche Freiheit gilt als wichtiger als Solidarität untereinander, was zu einer generellen Destabilisierung feministischer Bewegungen beiträgt.

Akademische Zirkel. Hinzu kommt die Einführung der Gender Studies an den Universitäten. Wer nicht über einen akademischen Sprachgebrauch verfügt, ist seitdem von vornherein von vielen feministischen Debatten ausgeschlossen. Hier stellt sich auch die Frage, inwiefern die Tatsache, dass queer_feministische Debatten in Deutschland in den letzten Jahren häufig online, damit auch schriftlich und in einem vielfach sehr akademischen Ton geführt werden, zu weiteren Ausschlüssen führt. Aspekte wie Sprache, Grammatik, Vokabular, das Verständnis von Theorie, die Zeit, die erforderlich ist, um an diesen Debatten (aktiv) teilzuhaben, haben hier nochmals eine ganz neue Bedeutung erlangt.
Die Auseinandersetzung um Klassismus innerhalb queer_feministischer Zusammenhänge muss geführt werden, und zwar intersektional, also nicht nur auf die Dimensionen „Klasse“ und Geschlecht beschränkt. Doch bis
heute finden kritische Stimmen wenig Gehör, werden kaum geteilt und auch immer wieder abgewehrt. Dabei geht es, wie schon die Furies fünfzig Jahre zuvor klargestellt haben, nicht um Schuld, sondern um Veränderung. Und damit nicht zuletzt um die zukünftigen Perspektiven einer – unserer – Bewegung.

Anne-Carina Lischewski bloggt, auch aus eigener Betroffenheit heraus, seit einigen Jahren unter dem Namen viruletta auf ihrem privaten Blog viruletta.blogsport. de und bei mädchenmannschaft.net über Klassismus, Sexismus und Gewalt.

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1 Kommentar

  1. Gab es vor 50 Jahren wirklich schon Queer-Feminismus?

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