„Hurra, wir leben noch!“

Interview: Soziologin EVA EICHINGER über Ungleichheiten im Suizid-Diskurs. Von LEA SUSEMICHEL

 

an.schläge: Ihre Forschungsmotivation zum Thema Suizid ergab sich aus eigener Betroffenheit.

Eva Eichinger: In meiner Familie gab es Suizide – Vater und Bruder –, womit ich zwar einerseits im praktischen Leben klarkommen musste, mich aber lange nicht umfassender damit ausei­nandersetzen konnte. Als dann meine Dissertation in Soziologie anstand, bot es sich an, mich meinem „eigenen Thema“ zu widmen. Das wissenschaft­liche Arbeiten ermöglichte es mir, von der rein persönlichen Sichtweise wegzukommen, das Thema auf eine Metaebene zu heben und stattdessen zu fragen, wie Gesellschaften mit dem Thema Suizid umgehen.

Ein Fokus Ihrer Arbeit sind die vielfältigen geschlechtsspezifischen Aspekte von Suizid. Sie zitieren hier die Formel „She died for love and he for glory“. Wie sehen die Geschlechtszuschreibungen bei den Gründen für Suizid aus?

Männlichen Suiziden haftet häufig etwas Heldenhaftes an, sie werden entweder heroisiert oder kriminalisiert. Weibliche Suizide hingegen werden oft in Zusammenhang mit Beziehungen gebracht, Frauen gelten als Opfer und werden entsprechend pathologisiert. Das spiegelt sich auch in den Suizid­raten wider, wonach sich Männer viel häufiger suizidieren, Frauen hingegen häufiger Suizidversuche unternehmen würden. Dabei wird zugleich unterstellt, dass diese Versuche nicht ernst gemeint und lediglich Hilferufe seien. Neue Studien legen jedoch nahe, dass es nicht so ein großes Missverhältnis bei den Suizidversuchen gibt, weil das länderspezifisch sehr variiert und auch stark vom jeweiligen Erfassungssystem abhängt.

Ein zentraler Aspekt betrifft auch die Art des Suizids, also die geschlechtstypischen Formen der Selbsttötung. Männer bevorzugen die „harten“, Frauen die „weichen“ Methoden. Gibt es dafür andere Erklärungen als das genannte Klischee, dass Frauen es oft einfach nicht so ernst meinen würden?

Einerseits hat das ganz konkret etwas mit dem Zugang zu tun. Wer hat eher Zugang zu Waffen, wer zu Medikamen­ten, da gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede. Andererseits liegt das aber auch an den Bildern von Männ­lichkeit und Weiblichkeit. Auch Suizid ist eine soziale Handlung, die kulturell geformt und daher nicht individuell ist.

Sie plädieren dafür, Suizid weder zu kriminalisieren noch zu pathologisieren oder zu heroisieren. Was wäre eine gute Alternative?

Das Thema Suizid ist sehr verunsi­chernd, daher rührt wohl das Bedürf­nis, im Nachhinein immer eindeutige Gründe dafür zu finden. Ich denke, dass es gut wäre, stattdessen genauer hinzusehen, nicht in dieser Eindeutig­keit und Eindimensionalität zu urteilen, „der Mensch war krank, die Sache ist erledigt“. Denn dadurch wird immer etwas zugedeckt: nämlich die Frage danach, was diesem Menschen das Leben so schwer gemacht hat – auch gesellschaftlich.

Nachdem eine Zeit lang durchaus die „kranke Gesellschaft“ im Fokus stand, wird Suizidalität nun wieder zunehmend individualisiert. Verschwindet die Kritik an strukturellen Gründen?

Von Menschen, die mit Suizidgefähr­deten arbeiten und die ich interviewt habe, habe ich immer wieder gehört, dass sie sich einen genaueren Blick wünschen würden und Suizid nicht ein­fach nur in die Krankheitsecke gestellt sehen möchten. Aber ich hätte gerne mehr davon. Mehr Hinschauen darauf, wie die Lebensverhältnisse sind, was an gesellschaftlichen Strukturen krankma­chend und kränkend ist.

Grace Kim aus der Fotoserie „Live Through This“ von Dese’Rae Stage

Grace Kim aus der Fotoserie „Live Through This“ von Dese’Rae Stage

Frauen haben es ja bekanntlich nicht unbedingt leichter im Leben, bringen sich aber trotzdem seltener um als Männer. Warum ist das so? Von Männerrechtlern wird die höhere Suizidrate bei Männern ja auch immer wieder als Beleg dafür angeführt, dass diese die wahren Opfer seien.

Frauen sind eher sozialisiert, sich nach der Decke zu strecken, Dinge auszuhal­ten und prekäre Lebensverhältnisse in Kauf zu nehmen. Frauen können zu­ dem Hilfsangebote leichter annehmen, weil das Bild von Weiblichkeit durch das Eingeständnis von Not und Bedarf nach Hilfe nicht bedroht ist.
Das ist bei Männern anders, das Konzept der hegemonialen Männlich­keit, das festlegt, was und wie ein Mann zu sein hat, ist sehr starr. Aus diesem Weltbild fallen unweigerlich auch viele Männer raus, etwa Schwule, bei denen die Suizidrate ja auch besonders hoch ist.
Bei Männern gibt es oft mehr Ag­gressivität, sie wird ihnen auch mehr zugestanden, und Männer kommen in die Therapie, um ihre Probleme einmal abzuladen, aber es gibt oft viel weniger Bereitschaft zur tiefergehenden Aus­einandersetzung und vor allem zur Ver­änderung. Das patriarchale Herrschafts­system betrifft in seiner strukturellen Gewalt nicht nur Frauen, sondern auch Männer in den eigenen Reihen.
Und wenn ich mit Depressionen und Medikamentenvergiftung in dieses Hilfssystem komme, wird mir eher geholfen als einem alkoholisierten und aggressiven Mann. Das sind einfach auch die viel unangenehmeren Patien­ten.

Der Suizid-Diskurs sei generell von Ungleichheiten geprägt, lautet Ihr Befund. Welche sind das noch?

Die soziale Zugehörigkeit hat großen Einfluss darauf, wie Menschen mit Krisen umgehen und wie das gedeu­tet wird. Welche Präventionsangebote angenommen werden – vom Besuch beim Hausarzt über Psychotherapie bis zur Zwangseinweisung, hängt stark von der sozialen Lage ab und den jeweiligen Vorstellungen, was angebracht ist und was auch ganz konkret möglich ist.
Bei Menschen aus den unteren sozi­alen Schichten werden in den Deutun­gen soziale Verhältnisse häufig ausge­blendet und es wird tendenziell noch stärker pathologisiert. Für Menschen höherer sozialer Schichten hingegen hat der Freitoddiskurs eine größere Attraktivität, denn er stellt die Würde, die Subjektivität und die Freiheit der Entscheidung in den Mittelpunkt.

Sie haben in Ihrem Buch unterschiedliche Positionen des Diskurses zu Suizid unterschieden. Das derzeitige Krankheitsmodell sei nichts Ahistorisches, sondern etwas diskursiv Konstruiertes. Welche Modelle gab und gibt es noch?

Ich verfolge einen diskurstheoretischen Ansatz, der mit Foucault davon ausgeht, dass Wissen nicht Wahrheit ist, son­dern durch Diskurse, d. h. Reden und Handeln, erzeugt wird, was immer mit Macht zu tun hat.
Der Leitdiskurs zum Thema Suizid hat diesen lange als Verbrechen an­gesehen, bis mit der Aufklärung der Diskurs vom Suizid als pathologischem Phänomen aufgetaucht ist und damit eine Entkriminalisierung stattgefunden hat. Es hat aber parallel immer andere Diskurse, wie eben den Freitoddiskurs gegeben, bspw. bei Jean Améry oder auch Foucault, die den Pathologiedis­kurs infrage stellen. In den 1970ern war der Freitoddiskurs auch ein sehr politischer Diskurs, Suizid wurde als Form des Protests interpretiert sowie als Weg, sich dem System zu verwei­gern. In Zeiten der Liberalisierung steigt der Kurswert des Freitoddiskurses gegenwärtig wieder, allerdings in einer entpolitisierten Form, mehr im Sinne einer subjektiven Selbstbestimmung.

Das klingt sehr kritisch. Schlägt sich das auch in Ihrer Haltung zu den aktuellen Diskussionen zum Thema Sterbehilfe nieder?

Ich habe hier keine eindeutige Position, denn ich sehe beide Seiten. Natürlich gibt es auch positive Aspekte dieser Selbstbestimmung. Andererseits sehe ich bei einer Institutionalisierung von Sterbehilfe die Gefahr – und da kommt jetzt wieder die soziale Ungleichheit ins Spiel –, dass manchen Menschen weniger Spielraum bleibt und sie mehr unter Druck kommen. Wenn ich den Freitod nur als individuelle Entschei­dung im Rahmen meiner persönlichen Freiheit betrachte, werden gesellschaft­liche Verhältnisse tendenziell wieder stärker ausgeblendet.
Doch wenn sich die Gesellschaft wirklich um Gleichheit bemühen würde und darum, Ungleichheiten zu besei­tigen, wäre das Problem Sterbehilfe und Suizid bloß ein Randphänomen. Stattdessen ist Suizid nur die Spitze des Eisbergs von gesellschaftlichen Prob­lemen, was zur Folge hat, dass Suizid zwar einerseits tabuisiert wird, ande­rerseits aber auch überbewertet. Im Sinne von: Das ist das Allerschlimmste, was mir passieren kann. Dass Menschen unter schlimmsten Bedingungen leben müssen, gerät dabei aus dem Blick.
Das hat auch einen beschwichtigenden Effekt. Nach dem Motto: Hurra, wir leben noch!

Eva Eichinger ist Sozialarbeiterin und Soziologin. Sie hat sich im Rahmen ihrer Dissertation mit Suizid beschäftigt, die 2010 beim Löcker Verlag erschienen ist: Suizidär. suizidal. suizidant. Suizid als pathologisches Phänomen? Diskurs. Geneologie. Analyse.

Die Fotoserie „Live Through This“ von Dese’Rae Stage ist unter http://livethroughthis.org/ einzusehen.

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