an.sprüche: „Etwas Besseres werden“

Die eigene soziale Herkunft bleibt auch in linken Szenen häufig ein Tabu. Von EMMA GOLDBITCH und ROSA WEIßMANN

 

Alljährlich vor Projektwochen fragte mein Klassenvorstand im Gymnasium: „Wer von euch ist bedürftig? Wer braucht die Beihilfe?“ Logischerweise zeigte niemand auf, und logischerweise gab es jedes Mal zu Hause deshalb Ärger. Dass meine Familie „arm“ war, war nie das primäre Thema. Vielmehr wollte vor allem mein Vater, dass wir Kinder „etwas Besseres“ werden. Daher Gymnasium um jeden Preis, Drill, Schweiß und Tränen für die guten Noten. Konkret hieß „etwas Besseres werden“ dabei vor allem reich werden, neben dem 40-Stunden-Hacklerjob nicht noch zusätzlich putzen gehen zu müssen und vor allem nicht mehr „Prolo“ zu sein. Wir Kinder sollten Ärztinnen oder Rechtsanwältinnen werden und damit dem ArbeiterInnenklasse-Dasein der vergangenen Familiengenerationen ein Ende bereiten. Tatsächlich absolvierten meine Schwester und ich sowohl Matura als auch Uni-Abschluss als Einzige in der gesamten Sippschaft.
Geblieben ist ein Klassenbewusstsein, das meine Sozialisation stark geprägt hat, meinen Zugang zu Geld, Kunst, Kultur und meine eigenen Werte bestimmt. Ich entspanne zum Beispiel lieber bei Hollywood-3D-Crashern als bei Independent-Produktionen. Ich empfinde „zum Bäcker gehen“ nach wie vor als Luxus (das gab es früher nur als Belohnung nach dem Zahnarztbesuch). Bis ungefähr 23 war ich fest davon überzeugt, dass Kapern Fischeier seien. Und ich fühle mich oft nicht zugehörig zu Menschen, die keine Ahnung davon haben, was es heißt, in einer Familie aufgewachsen zu sein, in der der Kühlschrank eher leer als voll war.
Gerade in Wien wird – sowohl in feministischen als auch in anderen linksradikalen Zusammenhängen – der Begriff „Klasse“ nicht gern in den Mund genommen. Weißsein, Lookism, Ageism, Tierrechte, über alles wird gesprochen, doch der Reflexion über die eigene soziale Herkunft, über die Klasse, in die man hineingeboren wurde, geht man gern aus dem Weg. Ganz nach dem Motto: Über Geld spricht man nicht. Man hat es. Oder auch nicht.

Emma Goldbitch sieht nicht ein, warum manche reich und andere arm sein sollen. Daher richtet sich ihr Feminismus immer auch gegen die kapitalistische Klassengesellschaft.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Ich bin ein Arbeiterkind, bei meiner Großmutter auf dem Land in Oberösterreich aufgewachsen. „Armenkind“, so wurden jene Kinder im Ort genannt, deren Kleidung mehrheitlich aus Caritas-Spenden bestand. Die Stigmatisierung ist zur Selbstdefinition geworden, erweitert um den Begriff „Bildungsaufsteigerin“. „Angekommene“ oder „Dazugehörende“ ist für mich dagegen keine adäquate Selbstbeschreibung.
Bildungsaufsteigerin zu sein hat für mich eine Art der Heimatlosigkeit mitgebracht. In die Welt, aus der ich komme, kann und möchte ich nicht mehr zurück. Zu viel trennt mich von ihr. Zurück lässt man mich aber auch nicht mehr. Mein Gang scheint meiner Familie zu aufrecht, der Kopf zu hoch getragen.
Aufzusteigen heißt für mich, ständig auf der Hut zu sein. Um nicht entlarvt zu werden. So als wäre ich unrechtmäßig hier. Als wäre ich eine Hochstaplerin. Es ist das Gefühl, immer ein bisschen mehr leisten zu müssen. In der Arbeit immer noch ein wenig besser vorbereitet zu sein als andere, nichts dem Zufall überlassen zu dürfen.
Es sind ungeschriebene Gesetze, Gebote, Verbote. Eine falsche Bewegung, eine falsche Reaktion, ein falsches Wort. Bei Vorträgen keine Fragen stellen, um nicht aufzufallen, beim Bier nichts zum Erzählen haben, keine Anekdoten aus der Kindheit. Bei der Frage nach der Familie, nach der Herkunft nicht wissen, was man sagen soll. Fremde sein. Besucherin sein. Sich seiner selbst immer bewusst sein, in Gesellschaft nie selbstverständlich sein. Zu spielen, „maskiert“ sein. Ein Eindringling sein.
Es gibt keine Verbündete in diesem Gefühl. Klasse wird verschwiegen. Ich verschweige sie. Ich trage sie in mir, sie ist das gewichtigste und persönlichste Distinktionsmerkmal, sie prägt all meine Handlungen, ist für mich ebenso Antrieb wie Hindernis. Und doch verheimliche ich sie. Aus Scham, aus Angst, bemitleidet oder darauf reduziert zu werden.
Aber es gibt auch den Gewinn des Aufstiegs: der freie Blick, das freie Wort, die Wahlmöglichkeit. Ja oder Nein sagen zu können.

Rosa Weißmann hat an der Universität Wien studiert und forscht und arbeitet im Bildungsbereich.

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3 Kommentare

  1. Danke für diesen wunderbaren Artikel, der so viele Erfahrungen wiedergibt, die auch ich kenne. Das Gefühl, irgendwie zwar „aufgestiegen“, nun aber wurzellos zu sein, verstehe ich sehr, sehr gut.
    Danke auch für das Thema insgesamt. Ich teile die Meinung, dass Klassismus und seine Folgen ein wichtiges und leider vernachlässigtes Thema im allgemeinen feministischen Diskurs sind.

  2. bei mir zu hause war es nicht gerade erwünscht, was besseres werden zu wollen, also sich weiter als die eltern zu bilden. da gabs zwschen mutter und tochter mehr konkurrenz als solidarität. dass wir das überwunden haben, verdanken wir zb elfriede jelineks buch die liebhaberinnen.
    meine erfahrungen auf der uni gleichen deinen. danke rosa weißmann!

  3. Klasse wird den Blick das ganze Leben bestimmen. Es gibt kein Entkommen, denn das Kapital zerfrisst auch politische Beziehungen und bindet sie damit an die Angst.
    Das Glück der AufsteigerInen liegt aber genau in diesem Blick, der sich mit der Freiheit trifft. Klasse ist nur im kapitalistischen Denken wirksam.
    Auf zu den Menschen!

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