an.sage: Papakind

Wenn das Feministinnenherz frohlockt und das Mutterherz blutet. Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Mein Sohn ist ein Papakind. Während damit sonst häufig nur gemeint ist, dass ein Kind auch an seinem Vater hängt und ein vergleichbar inniges Verhältnis zu beiden Elternteilen hat, heißt es bei uns: Mein Sohn liebt seinen Vater abgöttisch und mehr als alles andere auf der Welt. Das heißt also auch: mehr als mich, seine Mutter. Damit bestätigt er die feministische Binsenweisheit, dass nicht die Hormone, sondern gesellschaftliche Verhältnisse darüber bestimmen, wie eng die Bindung eines Elternteils zum Kind ist, und dass Mütterlichkeit als emotionale Qualität nicht natürlich an ein Geschlecht geknüpft ist. Denn wer ausreichend Zeit und Fürsorge aufbringt, wird in aller Regel auch mit einer tiefen Beziehung belohnt. (Mit dem schönen Wort „Herzmilch“ hat Gertraud Klemm ihren aktuellen Roman betitelt, um deutlich zu machen, dass für hingebungsvolle Elternliebe kein Busen notwendig ist.)
Doch auch wenn das Feministinnenherz frohlockt, weil sich in der eigenen Familie solch grundlegende Überzeugungen zweifelfrei zeigen: Das geschmähte Mutterherz blutet. Schließlich muss auch eine glühende Verfechterin gleichberechtigter Elternschaft erst einmal damit klarkommen, auf den zweiten Platz verwiesen zu werden. Zumal dieser für Mütter gesellschaftlich weiterhin einfach nicht vorgesehen ist.
Neben der persönlichen Kränkung, die es wider besseres Wissen und Wollen bedeutet, dass sich das heißgeliebte Kind bei schlimmen Stürzen und Schrammen lieber vom Papa trösten lässt und bei sehr schlechter Laune auch nur dessen Späße gut bei ihm ankommen, sind es also vor allem die Verkehrungen traditioneller Rollen in aller Öffentlichkeit, die mir zu schaffen machen. Es ist wohl unmöglich, so abgeklärt emanzipiert zu sein, dass die befremdeten Blicke
der Umsitzenden einfach abprallen, wenn man alleine mit brüllendem Baby auf dem Schoß im Café sitzt, weil der Vater kurz aufs Klo gegangen ist. Ganz besonders, wenn das verzweifelte Kind diesem „Mama“ hinterherbrüllt. Passend zum Tausch der symbolischen Positionen hat unser Sohn nämlich
monatelang unbeirrt seinen Papa so genannt – was auch diesen immer wieder in unangenehme Situationen brachte. Unweigerlich erntet ein Mann Misstrauen, der auf dem Spielplatz „Mama“ gerufen wird, bestenfalls wird er mitleidig zum unfähigen Sonntagsvater gestempelt, weil das arme Kind ganz offensichtlich insistierend nach der abwesenden Mutter verlangt. Und auch wenn die Zuordnung inzwischen längst konventionsgemäß erfolgt – in Momenten großer Aufregung oder Emotionalität rutscht dem knapp Dreijährigen manchmal immer noch ein „Papma“ oder „Mapa“ heraus.

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Auch als das Wort „Papa“ dann endlich da war, wurde es nicht besser. Denn fortan kam es inflationär zur Anwendung. Kommentierte ich beim gemeinsamen Bilderbuchbetrachten „Schau, eine Entenmama mit ihren Kükenkindern“, lautete die Standardreaktion: „Oder Papa“, manchmal auch entschiedener: „Nein, nicht Mama. Papa!“ Vielleicht war das die subtile Rache für mein besserwisserisches „Oder PilotIn, oder BauarbeiterIn“, mit dem ich bereits seine ersten unbeholfenen Benennungsversuche begleitete. Weil aber Tierbabys mit ihren Müttern ein überaus beliebtes Kinderbuchmotiv sind, waren die Belehrungen meines Sohnes eindeutig die nervigeren. Zumal sie sich nicht auf Tiere beschränkten.
Als wir eines Tages an einer Mutter-Kind-Skulptur auf dem Wiener Karlsplatz vorbeigehen und sich mein Sohn interessiert zeigt, erkläre ich eifrig: „Das ist eine Mama mit ihrem Kind.“ Die Skulptur zeigt eine nackte, üppige, weibliche Figur, die gerade im Begriff ist, ein Kleinkind zu umarmen. „Oder Papa“, erwidert mein Sohn. Deutlich aufgebrachter als beabsichtigt höre ich mich selbst – eine jeden Biologismus vehement ablehnende Queerfeministin – entgegnen: „Nein,
nein, nein, mein Lieber, das ist eine FRAU, die Figur hat eine Brust! Es ist die MAMA!“ Völlig unbeeindruckt von diesem Ausbruch schaut mein Sohn mit seinem unnachahmlichen Augenaufschlag zu mir auf. „Ich auch Brust. Papa auch Brust“, sagt er. Wer wollte ihm widersprechen.

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1 Kommentar

  1. Danke für diesen Text! Das Thema beschäftigt mich auch sehr. Bei uns hat sich die Situation bei vielleicht ähnlicher Ausgangslage (das kann ich nur vermuten) ganz anders entwickelt. Unsere Tochter ist jetzt drei Jahre alt und ich würde sagen wir als Eltern sind unserem Ideal von gleichverteilter Beziehungs- und Elternarbeit bisher sehr nahe gekommen. Wir haben die Betreuungszeiten, die wir alleine mit dem Kind verbringen, aufgeteilt und es ist uns wichtig, dass Mama und Papa für die verschiedensten Bereiche da sein können. Stichwort, Papas sind auch zum Trösten und Kuscheln da und mit Mama kann eins auch wild herumtoben. Dennoch ist das Kind in vielen Situationen, genau genommen in den klassischen von dir auch angesprochenen, mehr ein Mamakind als ein Papakind. Es will lieber von mir getröstet werden und lieber von mir ins Bett gebracht werden, wenn ich denn da bin. Wenn ich nicht da bin ist auch Papa gut. Ja, diese Entwicklung macht mir Kopfzerbrechen, weil sie überspitzt gesagt, den Biologist*innen in die Hände spielt. Und solche Reaktionen kommen auch aus unserem Umfeld: „Na seht ihr, egal wie ihr es dreht oder wendet, eine Mama ist eben eine Mama. Kinder brauchen die Mama nun einmal mehr als den Papa.“ „Sie war schließlich 9 Monate in deinem Bauch, natürlich bist du ihr näher.“
    Was soll ich nun sagen? Mein Feministinnenherz weint und mein Mutterherz lacht? Ich fürchte es ist komplizierter. Ich würde sagen mein feministisches Mutterherz ist irritiert. Bin ich doch davon ausgegangen, dass wenn wir die Beziehungs- und Betreuungsarbeit aufteilen und reflektiert damit umgehen, das Kind zwei erste Bezugspersonen haben wird und wir uns dieses Matching, dass ich so unschön finde, ersparen.
    Und ich bin auch nach wie vor davon überzeugt, dass nach der Mama- eine Papaphase kommen wird und sich diese Phasen im Laufe der nächsten Jahre die Waage halten werden und sie irgendwann ganz vorbei sein werden.
    Die Mutter-Kind Darstellungen in Tierbüchern und am schlimmsten diese Inszenierungen von „ein Tierkind vermisst und sucht seine Mutter“, finde ich oft so furchtbar und wir sagen dann auch „Schau, ein Papa mit seinen Kindern.“ Das Kind übernimmt das gerne was mir gut gefällt und ich eine wichtige Strategie finde Zuschreibungen aufzubrechen.

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