an.klang: Mehr vom Glück

Für unsere Playlisten: Female Rap aus Berlin, Wien, Los Angeles und Birmingham. Von SOOKEE

 

Was war das damals für ein Wirbel, als das Berliner HipHop-Label Aggro Berlin Mitte der 2000er Jahre verkündete, eine Künstlerin zu signen, ihr Äußeres jedoch verschwörerisch geheimhielt. Sie war lediglich „die Frau“ in einem Stall voller Männer mit schnittigen Images und differenzierten Charakterprofilen. Das Schlumpfhausen-Syndrom, wie es die feministische Gaming-Aktivistin Anita Sarkeesian formulieren würde. Nach dem Ende von Aggro Berlin landete Kitty Kat bei Urban, einem Tochterunternehmen von Universal Music, aktuell veröffentlicht sie über ihr eigenes Label Deinemama Records ihr drittes Solo-Album Kattitude: keine Jungs-Features, die erzählen, wie sie ihren Arsch zu dem Beat zu schütteln hat, kein herbeifantasierter Phallus, den sie zwecks Machtdemonstration einsetzt. Stattdessen begegnen wir einer 32-Jährigen, die aus dem Leben plaudert: ein bisschen süßlich, ein bisschen nachdenklich. Nichts, was eine gestandene Feministin soziopolitisch herausfordern würde, aber ein Pop-Rap-Album, das sie guten Gewissens ihrer jugendlichen Nichte empfehlen kann. Es geht um Freiheitsgefühle („Hochhaus“), Beziehungen („Eine unter Millionen“, „Wenn ich ein Gangsta wär“) und – ganz wichtig – weibliche Solidarität („Du & Ich“, „OK“). Zeitweise eignet sich Kitty Kat auf unaufgeregter Weise Sphären männlicher Dominanz an, ohne dabei wie in früheren Tagen ihr Geschlecht zu verleugnen: Eine Frau über das Spannungsverhältnis zwischen Beruf und Beziehung rappen zu hören („900 Meilen“), ist eine kleine Wohltat. Aus Kitty Kats Mund auch eine Skandalisierung häuslicher Gewalt zu hören („Wann hörst du auf zu verzeihen“), ist überraschend und empowernd.

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Mieze Medusa, © Sandra Birklbauer

Style-technisch und ästhetisch im absoluten Kontrast steht das jüngste Werk Sparverein der Träume (Rufzeichen Records/Backlab/Trost) der geschätzten Kollegin Mieze Medusa, das in Zusammenarbeit mit Producer Tenderboy entstanden ist. Relaxte Retro-Instrumentals mit Hang zum Jazzig-Experimentellen treffen hier auf eine ziemlich erwachsene Perspektive einer erfahrenen Frau aus der Kulturindustrie, die sich auf keinen Fall von der Kommerzialisierung der Wortkunst auffressen lassen mag und sich immer wieder gegen die To-Do-Listen-Förmigkeit des Lebens im Kapitalismus sowie den damit einhergehenden Erwartungsdruck auflehnt („Wo ist der Superpursuitmode“, „Vorwärts“, „Angezählt“, „mehrmehrmehr“). Auch die Frage des Zur-Ruhe-Kommens, des Zueinander-Stehens ist auf diesem Album bedeutungstragend („Das gute Leben“, „Wo ich bin? Wo bist du!“, „Beide Hände“): Keine Spielchen, hier geht es um etwas. Und wenn dann noch ein sex-positiver Track auftaucht („Rein Raus [Es dreht sich alles nur um …]“), der nicht krampfhaft versucht, gängige Ideen von Sexyness zu bedienen, ist alles auf dem richtigen Weg.

Die Zeichen stehen gut, dass Reverie dem Dasein als Geheimtipp bald entkommt: Sie ist nicht nur technisch absolut souverän und trifft mit dem von ihrem Bruder Louden komponierten BoomBap-Sound den Nerv der Zeit, sondern kann mit Russian Roulette (Louden Clear Tunes) bereits ihren dritten Solo-Release vorweisen. Thematisch greift sie tief in die Kiste der Lebenserfahrungsschätze, wickelt sich einen Joint und berichtet über Biografien, die von sozialer Ungleichheit geprägt sind. Obwohl sich das Album sehr nah und persönlich zeigt, wird nicht immer klar, ob das lyrische Ich mit ihrer eigenen Stimme ident ist. Aber jede Aussage ist absolut authentisch, und das macht Reverie so ungemein sympathisch. Ihre kritische Haltung gegenüber einer alles ausschlachtenden Musikindustrie bringt ihr weitere Bonuspunkte ein: Sie bietet ihre Musik zum freien Download für alle an, die sich ihren Sound sonst nicht leisten können, wie sie sagt. Umso mehr empfehle ich ihren Merch. Support!

Last but not least sei noch erwähnt, dass auch Lady Leshurr mit Lil Bit of Lesh erneut ein Mixtape zum kostenlosen Download (zum Beispiel auf http://hoodtapes.co.uk) herausgebracht hat, das wieder sowas von leidenschaftlich und raptechnisch derart Next-Level ist, dass davon bitte alle mitbekommen müssen!

Links:
www.kittykat.cc
www.miezemedusa.com
www.reverielove.com
www.ladyleshurr.com

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