an.sprüche: Push it! Don’t!

Der BH wird hundert. Auch die feministische Kritik am Büstenhalter ist in die Jahre gekommen. Was sagt sie zum Push-Up? LEA SUSEMICHEL und HENGAMEH YAGHOOBIFARAH sind geteilter Meinung.

 

Selbstverständlich soll Angela Merkel hiermit keinesfalls das Tragen eines Push-Up-BHs unterstellt werden. Doch die ungeheure Aufregung, die ihr beachtliches Dekolleté bei einem Opernbesuch in Oslo einst hervorrief, sollte bei der Analyse prominent präsentierter Brüste nicht unberücksichtigt bleiben. Denn ein in jeder Hinsicht „gepushter“ Busen war das damals allemal. Und selbst wenn auch männliche Politiker wie Putin (beim Angeln) und H.C. Strache (im Bikini-Slip) mittlerweile mit partiellen Nacktheiten für Aufruhr sorgen konnten, kommt das bei weitem nicht an die Verstörung heran, die eine Verbindung von höchster Staatsmacht mit so offensiv zur Schau gestellten Weiblichkeitsattributen offenbar auslöst. 
Die Obszönität ergibt sich dabei wohl nur teilweise daraus, dass sich eine derartige Inszenierung für eine als postklimakterische Mutter der Nation identifizierte Kanzlerin nicht schickt. Sie verdankt sich auch der Aggressivität, die einem gewaltigen Busenberg zwangsläufig immer innewohnt. Diese Atombusen-Aggressivität wird als Push-Up-gestütztes Mittel deshalb gerne auch in feministischer Absicht genutzt. Und weil so ein Wonderbra-Busen überdies mit der weichen Schwere glorifizierender Frau-und-Mutternatur-Diskurse wenig zu tun hat, taugt er stattdessen viel besser als Symbol für die Inszeniertheit von Geschlecht. Nicht zufällig fallen auch Trans*brüste als selbstbewusstes und subversives Zuviel des Guten zuweilen ganz besonders mächtig aus. 
Bei allem berechtigten (und persönlichen) Ärger über die entsetzliche Push-Upisierung von Unterwäschen- und Schwimmmoden und bei aller unbedingt nötigen Kritik an der bis hinter beide Ohren gepushten Sexualisierung bereits ganz junger Mädchen, muss also bilanziert werden: Der Push-Up-BH kann eine wunderbare Waffe sein. In diesem Sinne: Reclaim the dekolleté! Ja zum Super-Push-Up! 

Lea Susemichels Brüste sind eher klein. Der Super-Push-Up, der daraus ein Dekolleté zaubert, das andere in Angst und Schrecken versetzt, ist leider noch nicht erfunden.

 

 

Der Nachteil an großen Brüsten: Sie sind überall. Weil links zu viel Brust ist und es beim Draufliegen weh tut, drehst du dich im Schlaf um, nur um dann auf der anderen Seite des Fleischberges zu liegen.
Noch mieser ist aber der BH-Kauf. Wenn ich schöne BHs sehe, fasse ich sie aus Reflex erst mal an. Zwischen meinem Daumen und den anderen Fingern ist garantiert eine zentimeterdicke Wattewand. Eine Push-Up-Wand, die jenen Raum wegnimmt, den meine Brüste benötigen. Das wiederum führt dazu, dass ich Riesengrößen brauche – solche, die sehr schnell vergriffen sind, wenn sie überhaupt hergestellt werden.
Wenn ich die trage, sieht es unter meinem Shirt aus, als trüge ich Kokosnussschalen. Muss ich mich durch enge Gänge quetschen, reißen meine Brüste plus Wattewand sämtliche Gegenstände mit. Befindet sich dieser enge Gang in einem Geschäft, muss ich peinlich berührt die umgestoßene Deko-Blume vom Boden aufheben. „Tut mir leid, dass ich so große Brüste habe“, will ich am liebsten sagen, dabei tut es mir gar nicht leid.
Leid tut es mir nur, dass ich ihretwegen Rückenschmerzen habe. Leid tut es mir, dass diese Minimizer-BHs hässlich wie die Nacht und keine Option sind. Leid tut es mir, dass meine Brüste im Sommer unangenehme Blicke anziehen. Wenn ich Tops trage, fühle ich mich durch solche Blicke und damit verbundene Kommentare auf der Straße sehr unsicher.
Deshalb spare ich mir den BH oft. Jung, wild und ungebändigt springen meine Brüste dann durch den Alltag : „Bouncing balls“. Wenn die Springkraft durch Rennen erhöht wird, müssen sie auch noch festgehalten werden. Dann muss ich mir wieder anhören, dass durch meine BH-Verweigerung meine Brüste in einigen Jahren so tief hängen werden, dass ich sie mir in die Hosentaschen stecken kann.
Leid tut mir also auch, dass nicht mal der radikale Verzicht hilft. Erstens verringert sich die Aufmerksamkeit nicht, zweitens ist es nicht das schönste Gefühl, wenn unter den Brüsten durch die Reibung auf den Rippen eine Schweißpfütze entsteht. Kein BH ist also auch keine Lösung.

Hengameh Yaghoobifarah macht der BH-Dschungel fertig. Auf Twitter beschwert sie sich über solche Dinge unter @sassyheng.

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4 Kommentare

  1. „Wenn ich schöne BHs sehe, fasse ich sie aus Reflex erst mal an. Zwischen meinem Daumen und den anderen Fingern ist garantiert eine zentimeterdicke Wattewand. “

    Das könnte aus meinem Kpf kopiert sein! Um einen gut sitzenden BH zu kriegen, muß man in spezielle Fachgeschäfte gehen und tief in die Tasche greifen. Der gemeine Wühltisch-BH in A- oder B-, wenn man Glück hat, vielleicht noch C-Körbchen für 20,- besteht mehr aus Push up, als aus BH, der auch was taugen soll

  2. Mir scheint es als würde hier die Tatsache, dass alle Menschen unterschiedliche Brüste haben völlig übergangen werden.
    „Kein BH ist also auch keine Lösung.“
    Für manche eben schon, und denen dies abzusprechen sich ohne BH völlig wohl zu fühlen und darin ihre persönliche, feministische „Lösung“ zu sehen ist fraglich.
    Für andere wiederum auch nicht. Aus verständlichen unterschieden was Größe der Brüste angeht, aber auch persönliche Wohlfühl Vorlieben! Oder eben weil durchaus auch die Provokation mit „Monster Brüsten“ ihre Daseins-Berechtigung haben kann.

    Ob ohne BH, Bügel, gepolsterst, Minimizer oder Push-Up – alles kann seine femnistsische Begründung finden und ist so individuell wie jede Frau*.

  3. Toller Artikel! Ich kaufe inzwischen ausschließlich im Fachgeschäft (leider hat onyx Recht, dass es dort etwas teurer ist, deshalb habe ich nur noch ganz wenig wirklich gut sitzende BHs). Ich hasse, hasse, hasse die zentimeterdicke Wattewand, drückt meine ebenfalls relativ großen Brüste nur platt. Ich hab ewig gebraucht, um herauszufinden, was gut sitzt und womit ich mich wohlfühle. Am besten finde ich es tatsächlich auch ganz ohne – geht nur leider im Büro nicht :(.

  4. Leute, ich empfehle drigend gefittete, also passende, BHs!
    Seit ich auf der busenfreundinnen-Website mich online hab beraten lassen, einige Stunden Marken- und Onlineshop -Recherche betrieben ahbeund letztendlcih imzweiten Shop den ich imRL betreten habe zwei wunderbare BHs gefunden habe, strafe ich die vermeintliche „Dessous“ Abteilung der Mainstreamläden nur noch mit Verachtung…
    Fürmich als Frau mir großen Brüsten eine echte Verbesserung! Klar kosets einiges mehr als n popliger H&M BH. Aber wenn ich nur den zur Wahl hätte würde ich mittlerweile lieber keinen tragen…WEnn ich mal wieder die Mittel dazu habe werde ich mir wieder passende und schöne kaufen! 🙂

    In Polen und vA GB gibts übrigens ne andere Kultur des BHs-Tragens: Da gibts zu vergelcihsweise niedrigen Preisen viele unterschiedliche Größen und Variationen von Körbchen und Unterbrustbändern!

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