an.sage: Die Zeitung für LeserInnen

Ein Kommentar von LEA SUSEMICHEL

 

Die Tageszeitung „Der Standard“ plant aufgrund der „aktuellen Branchenkrise“ Sparmaßnahmen und will die Personalkosten um zehn Prozent reduzieren. Von etwa dreißig Kündigungen ist die Rede. Wie aus „Standard“-Kreisen bekannt wurde, steht deshalb auch die feministische Online-Zeitung „dieStandard.at“ vor dem Aus. Bereits in der jüngeren Vergangenheit war deren Redaktion von Einsparungen betroffen und wurde kontinuierlich verkleinert, wie sich auch dem zuletzt beständig schrumpfenden Impressum entnehmen ließ. In den kommenden Monaten soll sie nun offenbar vollständig aufgelöst werden, was offiziell jedoch nicht bestätigt wurde.
Am 8. März 2000 gegründet hat das Online-Medium in den vergangenen vierzehn Jahren in vielerlei Hinsicht Einzigartiges geleistet. „dieStandard.at“ hat feministisch relevante Nachrichten gebündelt sowie gesellschaftliche Entwicklungen und politische Ereignisse kritisch kommentiert. Es wurden eigene Themen lanciert, Geschichten recherchiert und dies alles einer für ein feministisches Medium exzeptionell großen Anzahl an LeserInnen niederschwellig zugänglich gemacht. Ein vergleichbares Format, sprich ein Portal mit klar feministischem Profil, das von einer etablierten Tageszeitung getragen und herausgegeben wird, gibt es weit und breit nicht.
Gerüchteweise sollen die Pläne vorsehen, dieStandard.at weiterhin online zu lassen. Doch dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, welch einschneidenden und zutiefst bedauernswerten Verlust dieser Schritt für die feministische Medienlandschaft bedeuten würde. Denn ohne Redaktion kann die Seite schwerlich weiterhin das tagesaktuelle Medium sein, das mit seiner großen Bandbreite an eigenen Inhalten eine zentrale und unersetzliche Informationsquelle für frauenpolitische Themen im deutschsprachigen Raum ist. Auch auf an.schläge-Anfrage hieß es aus der Chefredaktion lediglich: „dieStandard.at wird es weiterhin geben.“
Dieser Scheinerhalt wäre besonders ärgerlich: Mit der Marke „dieStandard.at“ sichert man sich ein Alleinstellungsmerkmal, das gut zur werbewirksamen Attitüde des unbequemen Kritikers passt, die sich die Tageszeitung „Der Standard“ bekanntlich gerne gibt. Redaktionelle Ressourcen darf das in Zukunft aber eben keine mehr kosten.
Diese Ressourcen braucht es jedoch unbedingt. Denn frauenpolitische Inhalte kommen in Österreichs Medien sonst kaum vor. Nur punktuell werden dort Meldungen und Zahlen zu Themenklassikern wie etwa der Gehaltsschere oder zu Gewalt gegen Frauen gebracht. Engagierte Analysen und Aufarbeitungen solcher Nachrichten hingegen oder gar generell eine geschlechtssensible Betrachtung gibt es in aller Regel nicht. Diese Aufgaben erfüllen nach wie vor einzig feministische Medien. Ihnen alleine obliegt es, sich für eine Steigerung des Nachrichtenwerts „weicher Frauenthemen“ stark zu machen und somit das Spektrum dessen, was als relevante Meldung gilt und was nicht, stetig zu erweitern und zu verschieben; sie begegnen sexistischen Bildern und boulevardesker Berichterstattung mit ambitionierten und in den vergangenen Jahrzehnten beständig professioneller werdenden Alternativen; sie kritisieren die eklatante Schieflage bei der Machtverteilung in den Redaktionen und kompensieren sie – im ganz Kleinen freilich nur – zugleich; sie bieten ein Forum für innerfeministische Debatten ebenso wie sie Quelle zahlloser Berichte über Missstände und Diskriminierungen sind, die sich sonst tatsächlich nirgendwo finden.
Die ungebrochene Notwendigkeit all dessen zeigt nicht nur der bis zuletzt  anhaltende antifeministische Ansturm im LeserInnen-Forum von „dieStandard.at“ deutlich. Dort bieten bereits vermeintlich längst mehrheitsfähige Forderungen wie z.B. die nach dem Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen oder nach mehr Lohngerechtigkeit ausreichend Anlass für untergriffige Attacken ganzer Horden höchst umtriebiger User.
Auch die Bilanz gleichstellungspolitischer Bemühungen und der allgemeine Status Quo in Sachen Gleichberechtigung hierzulande fällt auf ziemlich allen Ebenen weiterhin so dürftig aus, dass eine feministisch motivierte mediale Kontrolle der Politik gar nicht hoch genug geschätzt werden kann. dieStandard.at erfüllt diese Funktion in beispielloser Weise. Es ist also keine reine Budget-Entscheidung, wenn sich „Der Standard“ das künftig nichts mehr kosten lassen will. Mit diesem Schritt wird vor allem auch über die künftige Blattlinie entschieden. In medienstrategisch  und medienpolitisch so beklagenswerter wie kläglicher Weise.

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2 Kommentare

  1. dieStandard ist das mit Abstand Spannendste am Standard – will Der Standard wirklich ein öder Männerclub werden?

  2. Wie kann man denn dagegen ansteuern? Gibts Abos? Soll man Kommentare schreiben? Was hilft die Redaktion zu erhalten?

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