Macht und Trauma

In den Filmen der chilenischen Regisseurin MARIALY RIVAS spielt Sexualität eine große Rolle. Warum ihr das wichtig ist und welche Tabus es im konservativen und gleichzeitig modernen Chile dabei noch zu brechen gilt, erzählte sie MIRJAM BROMUNDT.

 

2012 gewann die Filmemacherin Marialy Rivas mit ihrem Langfilmdebüt „Joven y alocada“ über die 17-jährige, bisexuelle Daniela den World Cinema Screenwriting Award beim Sundance-Festival. Ihr 2010 entstandener Kurzfilm „Blokes“ wurde in Cannes uraufgeführt und erzählt die Geschichte des 13-jährigen Luchito, dessen aufblühende Erotikfantasien um den Nachbarsjungen während der Militärdiktatur katastrophale Folgen nach sich ziehen.

an.schläge: Deine Filme stellen durchwegs Jugendliche in den Mittelpunkt. Was reizt dich an ihren Geschichten?

Marialy Rivas: Ich war auch mal jung! (lacht) Ich war während der Diktatur ungefähr genauso alt wie der Junge in „Blokes“. Wie er bin ich homosexuell und kann seine Sehnsucht nach dem Unmöglichen sehr gut nachvollziehen. In „Joven y alocada“ habe ich mich in Danielas Charakter verliebt. Nicht, weil sie mich so sehr an mich selbst erinnert, sondern weil sie als Figur so interessant ist.

Du hast ein Video für die Plattform www.todomejora.com(1) gemacht. Geht es in deinen Filmen auch darum, Jugendlichen Mut zu machen?

Das ist nicht mein Ausgangspunkt. Ich verliebe mich in eine Geschichte, die sich dann mit Texten füllt. Aber natürlich mache ich Filme über Jugendliche, um den jungen Chilen_innen zu zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Eines der besten Dinge an „Joven y alocada“ sind die Rückmeldungen, wie „danke für den Film“, „ich fühle mich repräsentiert“ oder „ich habe endlich mit meinem Vater gesprochen“. Das ist mir viel wichtiger, als einen Preis bei einem Festival zu gewinnen.

Wo liegen die Schwierigkeiten bei der Durchführung neuer Projekte?

Am schwierigsten ist es natürlich, Geld aufzutreiben – staatlich gefördert werden in Chile jährlich sechs aus 300 Einreichungen. Jedes Projekt ist wie eine Besteigung des Mount Everest. Es gibt keinen einfachen Teil der Bergtour, denn Filmemachen ist eine sehr komplexe Kunstform. Die Wahrscheinlichkeit zu scheitern ist enorm hoch und man kann nicht behaupten, dass Filme umso besser gelingen, je mehr man dreht. Sogar sehr talentierte Regisseur_innen wie Almodóvar haben ausgezeichnete Filme gemacht und andere, die nur durchschnittlich sind.

Marialy Rivas  © Lukas Maul/YOUKI

Marialy Rivas
© Lukas Maul/YOUKI

Was ist trotz all dem deine Motivation, Filme zu machen?

Auch Chirurg_in zu sein ist schwierig! Seit ich sieben bin, hat mich nichts so fasziniert wie das Filmemachen. Es ist eine sehr schöne Arbeit, weil sich im Team viele Talente in den Dienst deiner Vision stellen und ich über Filme mit vielen Menschen kommunizieren kann. Wenn jemand im Kino meinen Film ansieht, trete ich mit dieser Person in einen Dialog, der sonst mit so vielen Menschen nicht möglich wäre. Und mit Glück kann man sogar einen sozialen Wandel herbeiführen. Ich würde deshalb gerne Filme auf Englisch und mit bekannten Schauspieler_innen drehen. So erreicht man ein noch viel größeres Publikum.

Warum spielt in deinen Filmen Sexualität eine große Rolle?

Wir alle haben Sex – hoffentlich den besten und so viel wie möglich. Er ist ein essenzieller Teil des Menschen. Deswegen beeindruckt es mich, wie oft Menschen ihre Sexualität unterdrücken und wie wenig man darüber spricht. Tausende Filme zeigen das Töten von Menschen, obwohl das nicht so viele tun, aber wir alle haben Sex und trotzdem sind Filme darüber nichts Natürliches, sondern komisch oder polemisch. Darum finde ich es wichtig, das Thema auf den Tisch zu bringen.

Auch in deinem neuen Projekt „La princesita“ geht es um Sexualität.

In dieser Geschichte geht es mir vor allem um die weibliche Sexualität in all ihren Dimensionen. Was heißt es, Frau zu sein, und wie bin ich Frau? Was ist Frauen eigen und was wurde ihnen eingetrichtert? „La princesita“ ist – angelehnt an eine wahre Begebenheit – ein Psychothriller um ein elfjähriges Mädchen, das in einer Familiensekte im Süden Chiles aufwächst. Für die Familie ist sie die Auserwählte, die für die Sekte „neue“ Söhne auf die „neue“ Welt bringen soll. Die Sexualität von Kindern mit dem natürlichen Experimentieren und Ausprobieren ist meiner Meinung nach ein großes Tabu, das ich behandeln möchte. In „La princesita“ interessiert mich der Kontrast, da das Mädchen seine Sexualität selbst gerade entdeckt, aber ein Mann bestimmt, mit wem es Sex haben darf und welche Kinder es zu gebären hat. Als wäre die Frau nur ein Behältnis für die Wünsche des Mannes.

Wie geht die chilenische Gesellschaft mit solchen Fragen um?

Chile hat zwei Gesichter. Die Menschen sind einerseits sehr konservativ, aber gleichzeitig sehr modern. Das wird zum Beispiel im aktuellen Kampf um die Gratisuniversität sichtbar, in dem sich chilenische Studierende und Professor_innen gegen jene Mächte auflehnen, denen die Universitäten gehören und die für Bildung viel Geld kassieren. Das alte, konservative Chile, das an der Macht ist, kämpft gegen jegliche Veränderung, während das junge Chile mit den alten Strukturen brechen möchte. Diese Reibung ist in Chile immer präsent.

Kommt aus dieser Avantgarde eine neue Generation chilenischer Künstler_innen, die sich derzeit bemerkbar macht?

Ja, und ich glaube, das hat mit der Erholung vom Trauma der Diktatur zu tun. Die, die unsere Lehrmeister_innen hätten sein sollen, wurden ermordet oder ins Exil geschickt. Darunter waren Künstler_innen wie Raúl Ruiz, Patricio Guzmán, Violeta Parra oder Víctor Jara. All diese Menschen verschwanden – und somit unsere Vorbilder. In gewisser Weise verbinden wir uns jetzt wieder mit unserem kulturellen Erbe, das die Diktatur vor mehr als zwanzig Jahren eliminieren wollte.

Wie fühlst du dich als homosexuelle Frau in dieser Gesellschaft?

Ich bin eine Minderheit in einer Minderheit. Es gibt zum Beispiel keine gesetzliche Möglichkeit, meine Freundin zu heiraten und so eine Familie zu gründen. Das ist für mich grundlegend ungerecht, weil jeder Mann sie einfach heiraten könnte. Ich zahle die gleichen Steuern, bin durch meine Homosexualität aber eine minderwertige Mitbürgerin. Und weil ich eine Frau bin, verdiene ich in Chile noch dazu siebenmal weniger als ein Mann.

Tut sich etwas in Sachen Gleichberechtigung?

Generell ist Chile ein machistisches Land, in dem auch viele Frauen machistisch sind. Es gibt derzeit eine Debatte zum Gesetz „Acuerdo de la Vida en Pareja“(2), aber das wird noch länger nicht durchgehen. Wir haben ja noch nicht mal ein Gesetz, das den Schwangerschaftsabbruch legalisiert! Frauen, die Geld haben, fahren für einen Abbruch in andere Länder, aber finanziell schlechter gestellte versuchen es auf eigene Faust. So sterben in Chile noch immer viele Frauen beim Versuch abzutreiben. Frauen müssen das Recht haben, über sich zu entscheiden. In der Auseinandersetzung geht es meiner Ansicht nach aber mehr um das Sperma, das die Eizelle befruchtet und somit den Embryo zum Eigentum des Mannes macht, über das er bestimmen darf. Die Frau spielt dabei leider keine so große Rolle.

 

Mirjam Bromundt ist freie Journalistin und Filmvorführerin.

 

Übersetzung aus dem Spanischen: Mirjam Bromundt

Fußnoten
(1) Äquivalent zum LGBT-Projekt www.itgetsbetter.org, das Jugendlichen Mut macht www.youtube.com/watch?v=snGGt7pC7Kg
(2) Eingetragene Partner_innenschaft für gleichgeschlechtliche Paare

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