an.sage: Helga, zum Abschied

Ein Nachruf von GABI HORAK-BÖCK

 

„Sie hat alles zusammengehalten.“ Wenn eine geht, die so viele Spuren hinterlässt, die so viel bewirkt hat in so vielen Bereichen, dann fallen ehrliche und große Abschiedsworte. Helga Pankratz ist am 27. Jänner, wenige Tage vor ihrem 55. Geburtstag, in einem Hospiz der Caritas gestorben. Seit zwei Jahren hatte sie gegen den Krebs gekämpft, war bis zuletzt aktiv und hat sich – wie FreundInnen berichten – Humor und Lebenslust bewahrt. Zur Verabschiedung Anfang Februar am Wiener Zentralfriedhof sind viele WeggefährtInnen und FreundInnen gekommen. „Wir werden ihr ein ehrenvolles Andenken bewahren“, sagte Christian Högl, Obmann der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien. An seiner Seite stand Helga von 2001 bis 2004 als Obfrau der HOSI Wien. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte Helga im von schwulen Aktivisten betriebenen Männerverein gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Doris die erste Lesbengruppe initiiert. Bis heute trifft sich die Lesbengruppe jeden Mittwoch. Ebenfalls auf Initiative von Helga entstanden 1983 die schwul-lesbische Jugendgruppe und 2002 das Schulbesuchsprojekt „peerconnexion“ – nur einige wesentliche Meilensteine ihres Wirkens in der HOSI. 
Seit 1990 erschien in den LAMBDA-Nachrichten ihre Kolumne „Aus lesbischer Sicht“. Diese „Monologe im fehlenden Diskurs“ (O-Ton Helga), 2002 auch als Buch erschienen, sind und bleiben feministische Monumente. Sie handeln von der Unsichtbarkeit weiblicher/lesbischer Realitäten, von Bewegung in der Bewegung. Waltraud Riegler schreibt im Vorwort zum Buch: „Sie hat uns Aktivistinnen und Vereinsfunktionäre auch oftmals wütend gemacht mit ihrer Sicht der Dinge und dem vorgehaltenen unbequemen Spiegel – aber sie hat uns auf diese Weise neue politische Wege gezeigt.“ Im Jahr 2000 war Helga die erste Preisträgerin des „Gay and Lesbian Awards“ für besondere Verdienste um die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Lesben und Schwulen in Österreich.

© Victoria Schaffer

© Victoria Schaffer

Helga bezeichnete sich selbst als „Autorin und Kulturarbeiterin“. Ihr literarisches Schaffen beinhaltete Gedichte, Kurzprosa, Essays und journalistische Arbeiten, einiges davon preisgekrönt. Sie schrieb auch Texte für das Kabarett und war einige Jahre mit der Frauenkabarettgruppe „Labellas“ unterwegs, um Normen der Lesbenszene aufs Korn zu nehmen. Einzelne ihrer Werke wurden ins Slowenische übersetzt, was sie sehr freute, war sie doch selbst eine Förderin slowenischer Autorinnen. Ihr Engagement für Minderheiten und Literatur brachte sie auch hier in mehreren Vereinen ein: als Vorstandsmitglied der Initiative Minderheiten sowie der ARGE Region Kultur und als Generalsekretärin des Vereins Österreichische Dialektautoren und -archive (Ö.D.A.). Helga füllte all diese Funktionen mit Leben. El Awadalla, seit 1992 im Ö.D.A.-Vorstand und Freundin von Helga, bei der Verabschiedung: „Ohne Helga gäbe es die Ö.D.A. vielleicht gar nicht mehr. Und auch der Morgenschtean wäre nicht, was er heute ist.“ Der „Morgenschtean“ ist die österreichische Dialektzeitschrift des Ö.D.A., die Helga jahrelang als Redakteurin in vielen Arbeitsstunden koordinierte. 
Das Engagement für lesbischwule Rechte trieb Helga auch zu sportlichen Höchstleistungen. 1995 nahm sie als Turniertänzerin des lesbischen Frauentanzklubs Resis.danse an den Eurogames teil. Auch hier blieb es nicht beim „Mitmachen“ – Helga wurde zur Wegbereiterin, gründete eine eigene Vernetzungsplattform für homosexuelle SportlerInnen. Und sie geriet ins Schwärmen, wenn sie von der komplizierten und brillanten Technik der Tänzerinnen erzählte, wie sie während eines Tanzes mehrmals die Führungsrolle wechselten und dabei weiter über die Tanzfläche schwebten …
Ich denke gerne an Helga, wie sie im weinroten Ledersessel in der an.schläge-Redaktion sitzt und lächelnd an ihrer Zigarette zieht. Auch die an.schläge waren viele Jahre lang ein Ort ihres Schaffens, sie hat geschrieben, koordiniert und viele Stunden in Redaktionssitzungen verbracht, in denen wir die Hefte, einzelne Artikel oder einfach über Politik und die Bewegung diskutiert haben. Ich habe Helga in dieser Zeit als grenzenlos herzliche Frau kennengelernt, eine Brückenbauerin der Generationen, eine Aktivistin, die in ihr Leben so viel Engagement und Liebe gepackt hat, wie es kaum mehr geht. Helgas Spuren sind im ganzen Land verteilt, keine Spuren im Sand, sondern Spuren in Steine gemeißelt. Steine in allen Farben des Regenbogens. Danke.

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