„Es geht um mehr als um unsere Sexualität“

„Mind The Pause“ ist einer der wenigen Blogs in den arabischen Ländern, auf dem lebhafte Diskussionen über Homosexualität, weibliche Selbstbestimmung und zivile Rechte geführt werden. PASCALE MÜLLER traf die Blogbetreiberin zum Interview.

 

an.schläge: Wie ist es, sich in Jordanien als homosexuell zu outen?

Bloggerin: Vor fast fünfzehn Jahren, also zu der Zeit, als ich mich geoutet habe, war es im Vergleich zu heute noch wesentlich schwieriger, diesen Schritt zu tun. Zwar hatte niemand mit meinem Outing ein Problem, ich bin aber nach wie vor sehr vorsichtig. Vor fünfzehn Jahren war die LGBT-Szene hier in Amman vielleicht ein Kreis von zwanzig Personen. Mittlerweile ist es üblicher, dass Schwule und Lesben sich gegenüber FreundInnen und Familie outen. Die Szene ist aber eine Art Blase: Solange du drinnen bist, schützt sie dich vor der Welt draußen.

Wie findet man überhaupt PartnerInnen, wenn Homosexualität in der Öffentlichkeit so ein Tabu ist?

Für Männer ist das einfacher als für Frauen, denn Frauen leben meistens noch bei ihren Eltern und sind dort Einschränkungen ausgesetzt. Lesben lernen neue Leute beziehungsweise ihre Partnerinnen häufig im Internet sowie über enge FreundInnen kennen. Es gibt allerdings eine größere gesellschaftliche Akzeptanz für unverheiratete Frauen als für unverheiratete Männer. Niemand wird angesichts einer alleinstehenden Frau misstrauisch, was es für Lesben einfacher macht, im Alltag mit ihrer Sexualität umzugehen.

Wie sieht die rechtliche Situation für Lesben und Schwule in Jordanien aus?

Wir haben kein Gesetz, das schwulen und lesbischen Sex verbietet. Trotzdem lebt die LGBT-Szene in Jordanien in einer Grauzone. Transsexuelle Menschen zum Beispiel werden als satanisch angesehen und haben daher mit schwerer Diskriminierung zu kämpfen. Ein häufiges Vorurteil ist, dass Homosexualität sozial bedingt ist und dass wir „umgepolt“ werden können. Ich glaube, homosexuell zu sein ist keine Entscheidung, sondern ein Teil menschlicher Sexualität. Du bist im Netz auf deinem Blog „Mind the Pause“ aktiv.

Wie wichtig sind neue Medien für die LGBT-Szene in der arabischen Welt?

Ich denke, das Internet war und ist weltweit für die LGBT-Community bedeutend, aber hierzulande hatte es einen noch größeren Einfluss. Menschen lernen im Netz etwas über ihre Sexualität, sie diskutieren dort ihre Identität, bevor sie sich gegenüber jemandem in der „echten Welt“ öffnen. Ich versuche auf meinem Blog sowohl Diskussionen anzustoßen als auch sehr persönliche Gedanken zu teilen. Es ist ein Ort für die Szene, um miteinander ins Gespräch zu kommen und gleichzeitig ist der Blog ein Ventil für meine privaten Anliegen. Die Schwulenszene in Amman erlebt derzeit mit einem eigenen Magazin und vielen Partys einen Boom.

Warum ist es um die Lesben so still?

In Amman findet alles in sehr engen sozialen Kreisen statt. Natürlich gibt es auch Partys für Lesben, aber die sind sehr viel zurückhaltender als die der Schwulen. Ehrlich gesagt finde ich die Lesbenszene in dieser Stadt ziemlich langweilig. Wir haben den Vorteil, dass die Gesellschaft uns weniger als Bedrohung sozialer Normen wahrnimmt, wir sind jedoch sehr gut darin, uns zu verstecken.

Fühlst du dich von den Frauenrechtsbewegungen unterstützt?

Die Anliegen der Frauenrechtsbewegungen und jene der Lesbenszene haben sehr viel gemeinsam. Frauenrechtlerinnen kritisieren ein Gesetz, das Lesben besonders betrifft: Frauen ist bis zum Alter von dreißig ein männlicher „Aufpasser“ vorgeschrieben. Natürlich ist es dadurch für dich unmöglich, dich mit deiner Freundin zu treffen. Aber diese Regeln schränken die Freiheit aller Frauen ein, nicht nur jene von Lesben. Theoretisch sollten Feministinnen uns daher unterstützen. Was ich jedoch hier in Jordanien erlebe, ist, dass sich nur jüngere Frauenrechtlerinnen für uns einsetzen. Unsere Gesellschaft ist noch immer sehr verschlossen, auch wenn liberale und säkulare Stimmen lauter werden. Weibliche Homosexualität ist nach wie vor einer der Gründe, mit dem „Ehrenmorde“ legitimiert werden.

Was denkst du ist der richtige Weg für Veränderung hin zu einer offeneren Gesellschaft?

Ich finde sozialen Wandel durch Kunst, Musik und Bildung besser als wütenden Aktivismus. Organisationen wie Femen zum Beispiel sollten vorsichtig sein, welche Botschaft sie jungen Feministinnen in aller Welt vermitteln. Ihre Proteste können hier in der arabischen Welt schnell sehr gefährlich werden. Ich denke, wir müssen hier unseren eigenen Weg finden, für individuelle und persönliche Freiheiten einzutreten. Das heißt auch, dass Religion nicht mehr so stark in soziale Beziehungen eingreifen darf. Wir müssen aber viel mehr thematisieren als nur unsere Anliegen als Lesben. Wir haben nicht einmal Zugang zu grundsätzlicher sexueller Aufklärung, wie können wir also darüber sprechen, Menschen über Homosexualität zu bilden? Ich beziehe meinen Kampf nicht ausschließlich auf meine sexuelle Orientierung und würde mich daher in einer Organisation, die lediglich mehr Rechte für Homosexuelle fordert, nicht wohlfühlen. Der Anspruch auf Veränderung muss umfassender sein. Abgesehen davon würde ich es sehr unterstützen, wenn es eine Selbsthilfegruppe für alle gäbe, die sich outen. Es würde ihnen dabei helfen, sich mit ihrer Sexualität in der Öffentlichkeit sicherer zu fühlen.

Siehst du derzeit eine Chance für einen gesellschaftlichen Wandel in Jordanien?

Ich bin mir nicht sicher. Selbst an Orten, die ich als liberal bezeichnen würde, wird homosexuelle Zuneigung als „öffentliche Unanständigkeit“ gesehen. Wir hatten kürzlich einige Razzien, bei denen BesucherInnen einschlägiger Bars verhaftet und für 48 Stunden ins Gefängnis gesperrt wurden. Es gab eine Schwulenbar direkt gegenüber einer Polizeistation, auch die wurde 2007 geschlossen. Seitdem hat sich niemand mehr getraut, etwas Neues zu eröffnen. Ich persönlich bin niemals aufgrund meiner Sexualität angegriffen worden, aber ich höre von anderen, dass sie von der Polizei oder Bekannten belästigt werden. Unser Kampf für mehr Rechte ist noch kein öffentlicher. Es wird vielmehr ein Weg der kleinen Schritte.

 

Die „Mind The Pause“-Bloggerin lebt in Jordaniens Hauptstadt Amman und möchte aus Angst vor Repressionen weder ihren Namen noch ihr Foto veröffentlichen. http://mindthepause.wordpress.com
Pascale Müller ist freie Journalistin und schreibt über Politik und Frauenrechte in der MENA-Region. Seit 2014 ist sie ständiges Mitglied im MENA Kommitee der European Youth Press.

Übersetzung aus dem Englischen: Pascale Müller

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