an.sprüche: Politische Spiele

Im Leistungssport werden nach wie vor Nation, Identität und Körperlichkeit verknüpft und einzementiert. Dabei gäbe es in diesem gesellschaftspolitischen Spielfeld Raum für viel mehr Bewegung, wie NIKOLA STARITZ, LIAN BRUGGER und SEPIDEH HASSANI wissen.

 

Die aktuelle Kulmination an Ereignissen lässt die Ausblendung des Umstands, dass Sport und Gesellschaft etwas miteinander zu tun haben, selbst für die Ignorantesten nur schwerlich zu: Sotschi und die Anti-Homosexuellengesetze in Russland, Katar und Platters wiederholte „Na-dann-sollen-sie-halt-keinen-Sex-haben“-Sager, Hitzlsperger und sein „Bekenntnis“ (zu welcher Religion noch mal?), Anelka und sein Antisemitismus – und dann wird auch noch die bisexuelle Nadine Angerer Weltfußballerin des Jahres. Der erst jüngst von ÖSV-Präsident Schröcksnadel von den Toten erweckte Mythos, dass Sport politikfrei ist, scheint entlarvt.
Warum gerade der massenmediale Sport sich bisher immer so renitent zeigt, wenn es um gesellschaftspolitische Fragen geht? Vielleicht weil es genau hier auch um das „Eingemachte“ geht: um die Herstellung und Zelebration von Identität, die authentisch und natürlich erscheinen und unhinterfragt die „nationale Seele“ widerspiegeln soll – und damit über jede Kritik erhaben ist. Reduziert auf die „reine Körperlichkeit“ mitsamt ihrer vermeintlich genuinen Zweigeschlechtlichkeit, erscheint der Sport als Natur und als Gegenteil von Kultur und interessensgeleiteter Politik. Im Sport können geschlechtliche, sexuelle und nationale Identitäten und alle damit verbundenen Stereotype und Ausschlüsse auf eine Weise artikuliert werden, die anderswo verpönt ist.
Wieso? Nicht weil Sportler_innen oder Fans weniger klug sind, sondern schlichtweg weil es geht und gefördert wird, nicht als politisch relevant und damit nicht als politisch inkorrekt gilt. Ob die aktuelle Hochkonjunktur an politischer Sportberichterstattung daran etwas ändert, ist fraglich. Mit der durch Hitzlspergers Outing ausgelösten Debatte um Homosexualität und Homophobie im Sport scheint sich eher das gesellschaftliche Bewusstsein für die Existenz schwuler Profifußballer gestärkt zu haben denn für die Notwendigkeit von Antidiskriminierung. Dennoch, es bewegt sich etwas.

Nikola Staritz ist Politikwissenschaftlerin, Redakteurin der MALMOE und Mitarbeiterin bei FairPlay, der Initiative für Vielfalt und Antidiskriminierung im Sport.

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Illustration: Bianca Tschaikner

Die Sportwelt wird in sogenannte Männer*- und Frauen*-Sportarten eingeteilt, im Leistungssport wird insbesondere die Trennung qua Geschlecht innerhalb einer Disziplin erkennbar. Das ist gut so – wie können die Leistungen sonst gemessen werden, wenn wir alle zusammen Sport machen würden, so die gängige Argumentation.
Hinter diesen Annahmen liegen zwei fatale Trugschlüsse. Zum einen wird festgehalten, es gäbe nur zwei Geschlechter. Zum anderen wird alles darauf ausgelegt, dem Leistungs- und Schönheitsgedanken gerecht zu werden. Denn nicht das Miteinander wird in die Wertung miteinbezogen, sondern wer schneller/höher/stärker ist. Das Ideal ist der Leistungskörper einer modernen Gesellschaft: wettbewerbsfähig, stark, schön. Gleichzeitig wird die Verfestigung der Vorstellungen von Geschlecht begünstigt und die Reproduktion von Geschlechtermythen findet statt. Bei einem solchen Sport-Konzept gehen jedoch der Genuss von und an Bewegungen fernab der Beurteilung des eigenen Ichs und anderer verloren.
Die Bewegungsprojekte in unserem Verein comot* haben bewiesen, dass es auch anders geht. Durch eine queer-feministische Einladungspolitik und die Umsetzung einer vielfältigen und wertschätzenden Kommunikationskultur, die sich an Idealen wie Bewegungsfreiheit, Selbst- und Fremdschutz, von- und miteinander lernen, einander bestärken etc. orientiert, wurde ein neuer Sportraum eröffnet. Einer, in dem der eigene Körper, Bewegungen und Stärken entdecken, Grenzen überschreiten und den eigenen Raum erweitern erprobt wurde. Im Rahmen des Projekts comot:boxen wurde die Sportart Boxen und die Kampfkunst Thaiboxen ausgeübt. Mit der Idee, der Weg ist das Ziel. Nicht der geformte Leistungskörper wird als zu bestimmendes Ideal kreiert, sondern ein Raum, in dem sich jede_r Einzelne entfalten und entwickeln, schweißtreibend und mit Trainingspartner_innen Sport treiben und Spaß haben kann.

Lian Brugger und Sepideh Hassani sind Sozialarbeiter*innen und Freizeitaktivist*innen, versuchen in der Welt zu stehen und rauszufinden was sie wollen und was nicht und haben den Verein comot* bewegungskulturen & soziale arbeit gegründet.

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