Das Problem mit „Critical Whiteness“

Wenn weiße Aktivist_innen antirassistische Theorie von ihrer sozialen Praxis trennen, ist Gefahr im Verzug. Von MELANIE BEE
Übersetzung aus dem Englischen mit Unterstützung von Barak. 

 

Der Begriff Critical Whiteness entstammt der akademischen Industrie. Er kommt aus der Sparte eines universitären Feldes, das in den USA Ethnic Studies und in Europa oftmals Postcolonial Studies heißt. Warum gerade Critical Whiteness im deutschsprachigen Raum zum heißen Scheinanglizismus avancierte, während dieser Titel unter US-Aktivist_innen relativ unbekannt ist, kann ich nicht sagen. Bemerkenswert ist, dass dieser akademische Begriff der erste war, der nach Deutschland gelangte, um die Kritik des Weißseins zu fassen – und nicht Bezeichnungen, die in der antirassistischen Praxis der USA üblicher sind (wie etwa white privilege, white supremacy oder accountability) und die zugleich die Rolle von Weißen in antirassistischen Kämpfen beschreiben. (1)
Ähnlich fragwürdig ist die Tendenz in Deutschland, die Genealogie von Critical Whiteness und der Intersektionalitätstheorie in den USA zu verorten und im Zuge dessen die akademischen Texte von Toni Morrison und Kimberlé W. Crenshaw als Ursprungsquelle zu würdigen, jedoch zum Beispiel den Aktivismus des Combahee River Collective, von W.E.B. DuBois oder John Brown außer Acht zu lassen. Akademische Fächer wie die Ethnic Studies sind aus sozialen Bewegungen heraus entstanden und werden von diesen gestützt – ihre Methoden wurden jedoch zu großen Teilen nicht in den deutschsprachigen Kontext mittransportiert. Mit anderen Worten: Etwas fehlt.

Weißsein im Rampenlicht. Im deutschsprachigen Raum ist Critical Whiteness über die akademische Disziplin hinausgewachsen und stellt heute eine grundsätzliche politische Auseinandersetzung unter Weißen mit ihren Privilegien dar. Doch warum ist gerade Critical Whiteness in einigen Kreisen zu einem Synonym für antirassistische Arbeit geworden, während in den USA die Diskussionen über weiße Privilegien bloß als Teilaspekt der antirassistischen Praxis betrachtet werden? Ermächtigung, Transformation und Selbstbestimmung von und für people of color, die im Zentrum der Bewegung gegen Rassismus positioniert sein sollten, werden jedoch links liegen gelassen, sobald der Reflexionsprozess weißer Menschen ganz oben auf der Prioritätenliste steht. Nutzen weiße Menschen Critical Whiteness, um sich abermals ins Rampenlicht zu stellen?
Mit dem antirassistischen Theorie-Import aus den USA hat auch ein Beziehungsbruch zwischen Theorie und Praxis stattgefunden. In den Staaten erlangten noch die zuvor von der weißen Hegemonie zum Verstummen gebrachten Erfahrungen wieder eine Stimme. In Deutschland dreht sich nun alles wieder um das Weißsein.
Die Sprache, die ich in den US-amerikanischen social-justice-Bewegungen erlernt habe, um über meine Rolle als weiße Person in der antirassistischen Arbeit zu sprechen, ist die Sprache der allies, der Verbündeten. Sie hören people of color zu und lernen von ihnen, über ihre eigenen Privilegien nachzudenken und Aktionen in verantwortungsvoller Weise gegenüber den Gemeinschaften of color zu unternehmen. Dafür ist die Reflexion der eigenen Privilegien (nicht nur in Bezug auf Rassismus, sondern in ihrer Gesamtheit, intersektional gesehen) zwar ein wesentlicher, jedoch nur ein Schritt.

Wettbewerb der Unterdrückten. In letzter Zeit haben einige kritische Stimmen, unter ihnen die indigene Akademikerin und Aktivistin Andrea Smith, die in den USA populären Diskurse um Verbündete und Privilegien infrage gestellt. (2) So kritisiert Smith etwa in ihrem jüngsten Artikel, dass die typische Workshop-Übung, bei der die Teilnehmer_innen aufgefordert werden, ihre Privilegien aufzulisten, als Form der Beichte fungiert. Deren Authentizität wird dabei von den weniger privilegierten Personen im Raum abgewogen, die dann über Vergebung oder Verurteilung richten und die Schuldgefühle der anderen erleichtern sollen. „In Wahrheit haben diese individuellen Beichten nicht zu irgendwelchen politischen Projekten geführt, um die Dominanzstrukturen, die ihre Privilegien ermöglichen, abzubauen. Vielmehr wurde die Beichte selbst zum politischen Projekt. […] Demzufolge war das Ziel nicht mehr, Unterdrückung tatsächlich zu beenden, sondern so unterdrückt wie möglich zu sein. Diese Rituale ersetzten oft den Aufbau politischer Bewegungen mit der Beichte.“ (3) Zu Recht weist Smith darauf hin, dass dies Unterdrückungsmuster eher verstärkt anstatt beseitigt: Auf diese Weise werden people of color instrumentalisiert, damit weiße Menschen ihre eigene Selbstreflexivität inszenieren können.
Diese klaustrophobische Nabelschau ist oft in Gender-Studies-Seminaren und „sicheren Räumen“ innerhalb der linken Szene zu beobachten, wie auch die laut Selbstbeschreibung „unsichtbare, melancholisch hetero­sexuelle Cis-Deutsche mit Migrationshintergrund“ Ayse K. Arslanoglu feststellt. (4) Wenn die Reflexion über Privilegien nicht mit politischen Aktionen verbunden ist, ist das Ziel nicht mehr soziale Veränderung, sondern die Bildung und Aufrechterhaltung von „guten“ Subjekten, die miteinander um den Status des_der „Reinsten“ und von Herrschaft „Befreitesten“ konkurrieren. Dabei wird der Fokus von sozialen Strukturen auf Individuen, von transformativer auf moralische Politik verlegt. 

Illustration: Paula Bulling

 Community Organizing. Vieles von dem, was ich von Menschen of color, insbesondere den womanists und Feminist_innen of color über Bündnisarbeit gelernt habe, macht nur im Kontext politischer Organisierung und Mobilisierung Sinn. Wenn ich allein in meinem Zimmer Audre Lorde lese, wüsste ich nicht, wie das In-den-Hintergrund-Treten und das Schaffen von Räumen für die Stimmen von Menschen of color aussehen soll. Oder wem kann ich meine Privilegien solidarisch und verantwortlich anbieten, wenn ich im Seminarraum mit unbekannten Menschen zusammensitze?
In den Staaten gibt es die Tradition des community organizing (Gemeinschaften politisch organisieren), in dessen Rahmen Menschen aufgrund konkreter gemeinsamer Probleme zusammenkommen und von dieser Basis aus ihre Analyse entwerfen. In Deutschland scheinen politische Bündnisse hingegen umgekehrt zu laufen. Einige Linke neigen dazu, zuerst Bücher zu lesen und Texte zu schreiben und erst danach jene „Interventionsorte“ auszusuchen, an denen die prekäre Situation von Menschen of color zur Schaubühne für ihre eigenen politischen Experimente wird. Ich habe viele linke Aktivist_innen erlebt, die einfach nicht in der Lage sind, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die nicht exakt ihre politischen Positionen teilen – sie erkennen nicht, wie ihre eigene ansozialisierte Verortung (inklusive race) ihre politische Position von Vornherein formt. Außerdem scheinen viele Linke enttäuscht zu sein, wenn sich andere Gemeinschaften nicht der Radikalität ihrer Positionen anpassen. Sie sehen nicht, dass sie als privilegierte Menschen oft nicht um das Gewinnen kämpfen müssen, da sie es sich leisten können zu verlieren. Es mag einfacher sein, Strategien für allmähliche konkrete Veränderungen in der Realpolitik als „reformistisch“ zu bezeichnen, wenn dein Überleben nicht von Veränderungen von Politik und Gesetzen abhängt und du mit radikalen Positionen weniger riskierst als Menschen of color. All dies macht es schwieriger, Beziehungen aufzubauen, und Weiße bleiben isoliert in ihren Gemeinschaften.

Authentische Beziehungen. Die Erfahrungen von jüdischen Freund_innen haben mir gezeigt, dass sich deutsche Aktivist_innen, die sich gegen Antisemitismus engagieren, primär um die Beseitigung des Faschismus kümmern. Jedoch bauen sie in den meisten Fällen keine relevanten Beziehungen mit jüdischen Gemeinschaften und Individuen auf, Räume für Formen des jüdischen kulturellen Lebens und Ausdrucks begrüßen sie hingegen oft auf eine exotisierende Weise – oder gar nicht. (5) In sehr vielen Bildern, die die antifaschistische Zerstörung der Nazis inszenieren, wird der verhasste weiße Nazi dargestellt, aber selten die Vorstellung einer authentischen Gemeinschaft zwischen Menschen of color und weißen Menschen. Ich bin zynisch genug geworden zu verdächtigen, dass solche Antifa-Aktionen nicht von Solidarität, sondern vom eigenen Trauma, von Schmerz, Schuld und Hass gegenüber der deutschen Geschichte angetrieben werden. Wie die queere afro-feministische Bloggerin Spektra schreibt: „Wenn Menschen für mich kämpfen, will ich, dass sie es tun, weil sie mich als Individuum mögen – oder als jemanden, der sie an eine andere Person erinnert, die sie gern haben –, nicht bloß aus einem abstrakten, theoretischen Konzept heraus. Mir wäre es lieber, wenn die ,weißen Verbündeten‘, die ,hetero Verbündeten‘, die ,männlichen Feministen‘ der Welt die Arbeit leisten, echte Beziehungen aufzubauen, die auf Liebe und Respekt basieren, nicht nur auf einem politisch korrekten Lexikon und Rhetorik.“ (6)

Zurücktreten und zuhören. Es geht hier nicht darum, dass weiße Menschen loslaufen und alibihalber Schwarze oder jüdische Freund_innen finden, sondern dass sie die Beziehungen, die es schon gibt, neu bewerten und vertiefen. Wenn weiße Menschen denken, sie unterhalten keine Beziehungen zu Menschen of color, brauchen sie sich nur in ihren Kiezen umschauen: Nachbar_innen, Arbeitskolleg_innen, Mitstudent_innen, Stammkund_innen und Angestellte in der Bäckerei, in der Bar oder in der Apotheke. Weiße: Tretet zurück, gebt nicht den Ton an und hört zu. Kultiviert authentische, nachhaltige Beziehungen. Erwartet nicht, dass people of color euch in Sachen Rassimus erziehen oder sie unbedingt über Rassismus sprechen wollen. (7) Findet andere gemeinsame Interessen, um die ihr kollektive Aktionen bauen könnt – beispielsweise sind Miete und Gentrifizierung Themen, die sich anbieten, um Nachbar_innen zusammenzubringen, die einander sonst nur „Hallo“ im Treppenhaus sagen. Und anstatt sich am US-Diskurs zu orientieren, hebt die Brillanz antirassistischer Aktivist_innen, Denker_innen und Schriftsteller_innen of color in Deutschland hervor – zwei der aufregendsten Projekte in Berlin werden von people of color geführt, der Refugee Strike und Kotti & Co. (8) Als Verbündete, seid „Megafone und nicht Mikrofone“. (9)
Es geht nicht um individuelle Empathie, sondern um eine radical connection (10), die Gemeinschaften aufbaut, die systematische Veränderungen bewirken können. Daher müssen weiße, deutsch dominierte Organisationen auch Beziehungen als Verbündete bilden und das Vertrauen zu Gemeinschaften of color verdienen. Wie schon viele zuvor eingefordert haben, ist es – auch um ein Kollektiv von „Verschiedenen“ zu schaffen anstatt nach „herzeigbaren“ Individuen Ausschau zu halten – wichtig, dass Gruppen systematisch reflektieren, auf welche Weise ihre organisatorischen Kulturen und Normen weiß und deutsch begründet sind:

  • Werden eure Plena nur auf Deutsch gehalten?
  • Trefft ihr euch zu ungünstigen Zeiten für Menschen, die arbeiten?
  • Bietet ihr Kinderbetreuung bei Plenas und Veranstaltungen an?
  • Haben Menschen mit mehr Zeitkapazitäten (aufgrund von Sozialleistungen oder anderer finanzieller Unterstützung) in der Organisation und in den Entscheidungsprozessen mehr Macht als andere?
  • Reflektieren die Bilder und die Sprache in Artikeln und auf Plakaten, das Essen und die Musik bei Veranstaltungen, die Art und Weise der Kommunikation die gelebten Realitäten, Kulturen und Ästhetiken von nicht-weißen Gemeinschaften? 
  • Trefft ihr euch in weiß dominierten Räumen?
  • Organisiert ihr viele Demonstrationen, die zu Überwachung und polizeilicher Gewalt führen und somit größere Risiken für trans, weibliche, queere, behinderte, alte, junge, rassifizierte und illegalisierte Menschen bergen?
  • Seid ihr mit Organisationen, die von people of color geführt sind, vernetzt und in Bündnissen? Unterstützt ihr ihre Projekte und Kampagnen?
  • Sucht ihr Input und Beratung von solchen Organisationen für eure Strategie- und Entscheidungsprozesse?
  • Wenn eure Gruppe internationale Solidarität oder außenpolitische Themen (zum Beispiel Nahost) behandelt, überlegt ihr, auf welche Weise Menschen of color in ihrem Umfeld direkt von solchen Themen betroffen sind? Sind ihre Stimmen in euren Diskussionen eingebracht?
  • Entwickelt ihr Methoden, um verantwortlich zu sein (Feedback und Kritik zu erhalten, um sich im Dialog zu engagieren) gegenüber Gemeinschaften, die von den Themen eures politischen Engagements am meisten betroffen sind? (11)


In ihrer Arbeit an der Uni, im Klassenraum und durch transformative justice erkundet Melanie Bee (www.transformativejustice.eu, http://ami-go-home.tumblr.com) Visionen von kollektiver Verantwortung für Privilegien und Unterdrückung. 

 
Fußnoten:
(1) Ich habe schon an früherer Stelle über die eigentümliche Entwicklung des Begriffs Critical Whiteness im deutschsprachigen Kontext geschrieben: http://bit.ly/QMNe4v. Die englischsprachige Fassung gibt es auf meinem Blog: http://ami-go-home.tumblr.com
(2) Siehe etwa den Kommentar zum kürzlichen „Meltdown“ der „Verbündeten“ Tim Wise und Hugo Schwyzer auf Twitter und Facebook, auch als Blogpost von Mia McKenzie: http://bit.ly/19TssEQ
(3) Andrea Smith: The Problem with „Privilege“, http://bit.ly/19pgLWW
(4) Ayse K. Arslanoglu: „Stolz und Vorurteil. Markierungspolitik in den Gender Studies und Anderswo“ in „outside the box – Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik“, 2/2010, http://bit.ly/19Z3tWT (PDF)
(5) Der säkulare Verdacht innerhalb der Linken, der Formen der Spiritualität oft als „Esoterik“ interpretiert, erschwert die Möglichkeiten, Beziehungen mit religiösen Gemeinschaften aufzubauen. Für aktuelle US-Diskussionen über die Verbindung von Spiritualität und social justice siehe: „Out of the Spiritual Closet: Organizers Transforming the Practice of Social Justice“ des Movement Strategy Center, http://bit.ly/1gV9Jjz
(6) http://bit.ly/12PQbEp
(7) Diese „Tipps“ basieren auf einer Reihe von Texten über Verbündete, die ich durch die Jahre gelesen habe. Siehe z.B. http://bit.ly/19ijzrv für Ressourcen und Gruppen wie Catalyst Project und The People’s Institute for Survival and Beyond.
(8) Siehe http://asylstrikeberlin.wordpress.com und http://kottiundco.net.
(9) Dieser tolle Spruch stammt vom Crunk Feminist Collective: http://bit.ly/1gVa2Lb
(10) Für eine Erklärung des Begriffes siehe Kristen Zimmerman vom Movement Strategy Center: http://bit.ly/15yma2q
(11) Diese Fragen basieren auf dem Artikel „Assessing Organizational Racism“ (2001) des Western States Center. Eine deutschsprachige Übersetzung findet sich hier: http://bit.ly/16n8P7T. Für ausführlichere „Anti-Racism Organizational Development Tools“ siehe http://racialequitytools.org sowie „Dismantling Racism: A Resource Book“ (2003) des Western States Center, http://bit.ly/W6LGjq.

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2 Kommentare

  1. Der Text hört da auf, wo er beginnen sollte, denn die Liste mit implizit formulierten Forderungen verrät doch einiges. Keine Demos mehr, bei der es zu Überwachung oder Polizeiübergriffen kommen kann? Wie soll für so etwas garantiert werden? Und warum überhaupt? Weil es zu „hart“ ist und darum Frauen, Schwarze etc. potenziell ausschließt? Wie soll sozialer Wandel aussehen und organisiert werden, wenn vermieden werden muss, dass er negative Reaktionen von mächtigen Institutionen hervorrufen könnte? Und – warum wird Frauen, Schwarzen etc. nicht zugetraut, in Konfliktsituationen zu sein? Sollen sich im Falle eines Polizeiübergriffs die weißdeutschen Männer schützend vor die Marginalisierten stellen? Solche absurden Positionen ließen sich aus dem Text ableiten!

  2. In response to the above comment: (As the author of the piece), I agree that the questions are formulated often as „leading questions“, which is why I changed their formulations in the English version on my blog : ami-go-home.tumblr.com. About your example of demonstrations, for instance, I don’t think the solution is to NOT do demonstrations which create dangers for illegalized people, trans people, etc. I think the solution is to work with those communities to first understand the specific risks they face, then to develop together strategies to ensure safety for more people at demonstrations. The questions are not meant as reductive dead ends — aka „this list of things imply structural racism, therefore white folks should stop doing them“ — but rather asking people to take stock of how their approaches reproduce racialized/xenophobic exclusions and see where they can shift, transform, change, and open their approaches, being creative and thinking outside the box.

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