Subbotnik Queer

Wie sieht feministischer Aktivismus in Kirgistan aus? Ein lokaler Augenschein von VERONIKA ZWING.

 

Das multikulturell geprägte Kirgistan gilt als der liberalste und demokratischste Staat Zentralasiens. Es ist aber auch ein kleines, verarmtes Land, das früher zur UdSSR gehörte, mit extrem hohen Bergen, einem russischen und US-amerikanischen Militärstützpunkt und der ertragreichsten Goldmine der Welt. In der Hauptstadt Bishkek fasst zusehends eine junge, urbane, westlich orientierte Kultur Fuß.
Die Räumlichkeiten des Bishkek Feminist Collective SQ*, die ich besuche, sehen aus wie die meisten linksalternativen Räume anderswo auch: Vor der Tür steht ein altes Rennrad, innen gibt es bunte Wände mit Stencils und Plakaten, gemütliche Couches und hochmotivierte Aktivistinnen, die über ihre Laptops gebeugt arbeiten. Hier könnte man fast vergessen, dass in Kirgistan Polo mit Schafskadavern anstatt mit Bällen gespielt wird, und dass sich heiratswillige Männer ein beliebiges Mädchen von der Straße schnappen können. 
Über diesen euphemistisch genannten „Brautraub“ kursieren widersprüchliche Informationen. Sicher ist, dass die Praxis der Brautentführung erst während der Sowjetzeit entstanden ist – als Strategie, eine Heirat auch gegen den Willen der Eltern durchzusetzen. In den letzten Jahrzehnten pervertierte diese ursprünglich emanzipatorische Praxis aber zu einer gewaltsamen Form der Zwangsheirat. Indem sie fälschlicherweise zur „jahrhunderte-alten Tradition“ erklärt wurde, erfuhr sie im jungen postsowjetischen Staat auf der Suche nach nationaler Identität eine besondere Legitimation. De jure sind zwar bis zu zehn Jahre Gefängnis für Täter vorgesehen, de facto haben entführte Frauen jedoch nur wenige Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen.

Gewalt, Sex, Exotik. „Bitte, keine Fragen zum Brautraub!“, ruft Selbi vom Bishkek Feminist Collective SQ gleich zu Beginn unseres Treffens. „Erst letzte Woche wurde ich von einem englischen Frauenmagazin gefragt, ob ich nicht für ein Interview einen Kontakt zu einem Brautraub-Opfer herstellen könnte – what the fuck?!“ Der Verdruss ist nachvollziehbar: So wichtig es ist, das Schweigen zu brechen, so sehr reduzieren ausländische Medien die kirgisischen Geschlechterverhältnisse auf ein bizarres Spektakel aus Gewalt, Sex und Exotik.
Mensch muss aber nicht erst radikale Feministinnen treffen, sondern sich nur ein wenig in Bishkek umsehen, um festzustellen, dass hier alles etwas komplizierter und widersprüchlicher ist, als der westliche Blick erkennen lässt: Im Vergleich zu manch anderen muslimischen Ländern bewegen sich hier nicht weniger Frauen als Männer in der Öffentlichkeit, und erstaunlich viele von ihnen tragen extrem kurze Röcke. Auf den Unis und am Arbeitsmarkt sind Frauen zahlreich vertreten – was auch auf die Genderpolitik der Sowjetzeit zurückzuführen ist. Rechtlich gesehen sind Frauen Männern gleichgestellt, wenngleich mit einigen „Besonderheiten“: So ist etwa für den Diebstahl eines Schafes eine höhere Gefängnisstrafe vorgesehen als für die Vergewaltigung einer Frau. Das Strafmaß ist aber ohnehin nur von symbolischer Bedeutung – in Kirgistan wird kaum eine Vergewaltigung angezeigt, kaum ein Angeklagter verurteilt. Elena Tkacheva, Mitarbeiterin des Frauenhauses Chance Crisis Center (CCC), ist nach zwanzig Jahren Beratungstätigkeit kein einziger Fall bekannt, in dem ein Mann wegen ehelicher Vergewaltigung angeklagt wurde: „Niemand – weder Richter noch Polizeibeamte, lokale Regierungsvertreter, Psychologen oder Ärzte erkennen Vergewaltigung in der Ehe als solche an“, erklärte sie dem Nachrichtenmagazin „EurasiaNet.org“.
Dem haarsträubend patriarchalen Diskurs setzen feministische Gruppen wie das CCC und SQ einen anderen Standpunkt entgegen, sie engagieren sich für einen Bewusstseinswandel – auch bei den Betroffenen selbst. In konkreten Fällen bewerkstelligen sie psychologischen und juristischen Beistand für die betroffenen Frauen, sprechen mit Medien und organisieren Proteste. Auch in Kirgistan gilt Gewalt gegen Frauen noch immer als ein persönliches und nicht etwa als gesellschaftlich bedingtes, strukturelles Problem.

Gesetzliche Rockmindestlänge, Schafdiebstahl härter bestrafen als Vergewaltigung:
Das Bishkek Feminist Collective SQ persifliert Forderungen von kirgisischen Politikern.

Gleichgültigkeit anprangern. Sich in gesellschaftspolitischen Fragen zu engagieren, ist hierzulande ohnedies nicht üblich: Nach jahrzehntelanger Sowjetherrschaft und zwei Regierungsstürzen (2005 und 2010), die keinerlei Veränderung brachten, haben die meisten Kirgis_innen resigniert. Politik wird als etwas „Dreckiges“ betrachtet, wovon mensch sich tunlichst fernhält – vor allem Frauen, die nach der Sowjetzeit wieder zunehmend an Heim und Herd gedrängt werden. „Die Frauen haben Angst vor Politik, vor einer politischen Identität“, klagt Selbi. 
Auf die Frauen von SQ, die sich nicht als Menschenrechtsgruppe, sondern dezidiert als feministische Aktivist_innen definieren, trifft dies allerdings nicht zu. Momentan arbeiten acht Frauen regelmäßig und neben ihrer Lohnarbeit oder dem Studium ehrenamtlich mit, etwa 150 „Supporters“ engagieren sich unregelmäßig bzw. nehmen an Aktionen teil. Staatliche Unterstützung oder Subventionen erhält das Kollektiv nicht, die Projekte werden vor allem durch Spenden finanziert.
Wie wichtig Kontakte etwa zu Medien sind, zeigte sich erst dieses Frühjahr: Wie die beiden Jahre zuvor organisierte die Gruppe eine öffentliche Aufführung von Eva Enslers „Die Vagina-Monologe“. Kurz vor der Aufführung verlautbarte das Kulturministerium in einer Lokalzeitung, das Stück zerstöre „die Moral und die ethischen Standards“ sowie „die Traditionen des Volkes in Kirgistan“ und enthalte „unnatürlichen, pervertierten Sex unter dem Banner des Feminismus“. Ein mit SQ sympathisierender Journalist machte es möglich, diesen Vorwürfen öffentlich entgegenzutreten und gleichzeitig die Gleichgültigkeit von Politiker_innen gegenüber der grassierenden Gewalt gegen Frauen medial anzuprangern. 

Strategien gegen Mehrfachdiskriminierung. Das Bishkek Feminist Collective SQ engagiert sich aber nicht nur gegen sexuelle Gewalt, sondern begreift Feminismus als umfassende Strategie: „Unser Ziel ist, alle Formen von Unterdrückung (Sexismus, Homo- und Transphobie, Ageism, Ableism, Nationalismus, Xenophobie, Islamophobie, Klassismus, Neoliberalismus etc.) in Bishkek mit feministischen Werten zu begegnen“, heißt es in der Selbstbeschreibung auf der Homepage. Um auf intersektionelle Diskriminierungsformen aufmerksam zu machen, beteiligte sich SQ 2012 etwa am „International Day of People With Disabilities“ in Bishkek: „Wenn es um Menschen im Rollstuhl geht, wird das Thema Sexuelle Rechte ausgespart. Den meisten kommt es erst gar nicht in den Sinn, dass Frauen mit Behinderung Mütter sind, ein Sexualleben haben, ihren Körper genießen und verstehen können. Wir haben Aktivist_innen, junge Frauen mit Behinderung eingeladen, über ihre sexuellen Rechte zu sprechen. Darüber redet in Kirgistan sonst niemand.“
Mit seinen Aktionen verzeichnet SQ durchaus Erfolge: Als das Innenministerium etwa im vergangenen Jahr eine weitere Kriminalisierung von Sexarbeit plante, starteten die Aktivist_innen eine breite Gegenkampagne – der Gesetzesentwurf wurde wieder fallengelassen. 

Geteilte Räume, geteiltes Wissen. Ebenfalls erfolgreich sind die Fotomontagen, mit denen auf andere frauenfeindliche Gesetzesvorschläge reagiert wurde: So findet sich etwa der Kopf eines Politikers, der eine gesetzliche Rockmindestlänge forderte, grinsend zwischen den Beinen empörter Frauen montiert. In den letzten beiden Jahren waren vor allem der öffentliche Raum und das Internet für die feministische Agitation wichtig: In den Social Media und auf der eigenen Homepage informiert SQ über Aktionen und dokumentiert diese, vernetzt sich mit anderen Gruppen und setzt mit selbst verfassten Texten – aktuell über „Street Harassment“ – feministische Themen auf die Agenda.
Derzeit konzentrieren sich die Ressourcen von SQ auf die neuen Räumlichkeiten: Hier soll ein offener Ort entstehen, dessen Infrastruktur – samt einer im Aufbau befindlichen Bibliothek mit Fokus auf Feminismus und Gender Studies – für alle Interessierten zugänglich sein soll. Workshops, beispielsweise zu Selbstverteidigung, wurden hier bereits abgehalten. Aus dem „shared space“ soll „shared knowledge“ werden – der Anspruch ist jedoch nicht zu unterrichten, sondern emanzipatorisches Lernen zu ermöglichen. Zielpublikum sind dabei vor allem junge Mädchen, die sonst keinen Zugang zu Wissen über ihre Rechte (vielen ist etwa unbekannt, dass Brautraub einen Strafbestand erfüllt), über ihren Körper und Sexualität haben. Vor allem Letzteres ist mit einem großen Tabu belegt, gegen das SQ ankämpft: „Sexualerziehung ist bei Frauen total unerwünscht.“ Daher begreift es sich als dezidiert „sex positive“: „Wir sind außerdem Sexaktivist_innen!“ 
Eine weitere Front, ein weiteres spannendes Arbeitsgebiet! So viele Ideen, Projekte und Pläne wie in diesen zwei Stunden beim Bishkek Feminist Collective SQ sind mir selten um die Ohren gezischt. Das Kollektiv scheint den Begriff „Aktivismus“ sehr wörtlich zu nehmen – und leistet dabei tolle Arbeit.

 

Veronika Zwing verbrachte als Praktikantin des ÖAD (Österreichischer Austauschdienst) das vergangene Sommersemester in Bishkek.

 
* SQ steht für Subbotnik Queer. „Subbotnik“ heißt wörtlich „kleiner Samstag“ und bezeichnete jene (mehr oder weniger) freiwillige, unbezahlte Arbeit für das Gemeinwohl, die die Bewohner_innen der Sowjetunion samstagabends leisteten.

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