Feminismus als Befreiungsschlag / Offen und respektvoll / „Hören Sie eben auf damit!“ / Eine Diagnose all-inclusive

Feminismus als Befreiungsschlag

Gegen Ende meiner Schul- und zu Beginn meiner Studienzeit hatte ich für mehrere Jahre mit Depressionen und manischen Zuständen mit Wutausbrüchen zu kämpfen. Besonders litt ich aber unter etwas, das als Dysmorphobie bezeichnet wird – eine Körperwahrnehmungsstörung, bei der die Betroffenen die Realität verzerrt sehen und der festen Überzeugung sind, unattraktiv oder entstellt zu sein.
Neben meiner Verhaltenstherapie bekam ich verschiedene Antidepressiva und Beruhigungsmittel gegen meine innere Unruhe verschrieben. Eine Nebenwirkung war jedoch Antriebslosigkeit – also bekam ich dagegen wieder aufputschende Tabletten. Irgendwann nahm ich zur gleichen Zeit drei verschiedene Medikamente ein. Ich beschloss, sie abzusetzen. Es ist absurd, wenn jede Nebenwirkung wieder mit einer neuen Tablette bekämpft wird.
Gegen die Depressionen haben mir die Tabletten allerdings sehr geholfen, die Dysmorphobie jedoch war noch länger ein Problem für mich. Als ich dann anfing, mich für Feminismus zu interessieren, habe ich gelernt, die Sache aus einem anderen, kritischeren Blickwinkel zu betrachten. Ich habe damit begonnen, Schönheitsideale zu hinterfragen, habe mich z.B. mit dem Thema „Lookismus“ auseinandergesetzt und gelernt, mich selbst als Frau wertzuschätzen. Mir ist mittlerweile bewusst, dass diese Dysmorphobie nicht nur mein privates, individuelles Problem darstellt, sondern ein gesellschaftliches ist.
Natürlich habe ich auch heute noch kleinere dysmorphobische „Anfälle“ und ich bin auch nicht immun gegen Normzwänge. Ich würde auch nicht sagen, dass Feminismus für alle Frauen* als Allheilmittel gegen Dysmorphobie und gesellschaftlichen Schönheitsdruck funktioniert, aber für mich war die Beschäftigung damit und das daraus resultierende Selbstbewusstsein wie ein Befreiungsschlag.

Frau Goljadkin* kann es manchmal einfach nicht sein lassen und liest dann sogenannte „Frauenzeitschriften“.

 

Offen und respektvoll

Angesichts dessen, dass ich das psychiatrische System generell eher kritisch betrachte, fand ich meinen Aufenthalt vor ein paar Jahren in einer Klinik gar nicht so schlecht. Die Art und Weise, wie mit meinem „Problem“ oder meiner „Krankheit“ umgegangen wurde, und welche Bewältigungsstrategien mir dort angeboten wurden, empfand ich als sehr angenehm und konstruktiv. 
Zum Beispiel, dass es immer Gruppentherapie gab und der Austausch mit den anderen Patient*innen im Vordergrund stand. In der Therapie ging es weniger darum, dass mir gesagt wurde: „Das und das machst du falsch und das musst du an dir ändern.“ Vielmehr lag der Fokus darauf, für mich zu lernen, meine eigenen Bedürfnisse und Impulse zu erkennen und diese anderen gegenüber zu äußern.
Die Atmosphäre innerhalb der Klinik empfand ich als freundlich, offen, respektvoll und aufmerksam – sowohl was den Umgang unter den Patient*innen betraf als auch den des betreuenden Personals. Ich hatte das Gefühl, Dinge jederzeit ansprechen zu können. 
Meine Diagnose Borderline betrachte ich aus heutiger Perspektive allerdings kritischer. Ich glaube, viele meiner damaligen Probleme sind daraus entstanden, dass ich mit meinem Verhalten nicht der Norm entsprochen habe. Immer hatte ich das Gefühl, selbst das Problem zu sein, selbst falsch zu sein. Heute sehe ich, dass viele Dinge davon strukturell begründet sind. Ich sehe nun, dass meine Wut und das Gefühl der Ohnmacht, nicht wahrgenommen zu werden, auch aus Hierarchien und Dynamiken innerhalb unserer Gesellschaft entstanden sind.Zusammenfassend kann ich dennoch sagen, dass mich die Erfahrungen in der Klinik weitergebracht haben, weil ich dort gelernt habe, mir sowohl meiner eigenen Handlungsfähigkeit wie auch dem Einfluss der äußeren Umstände bewusst zu werden.

a. mensch * studiert im täglichen Leben die (Trink- und Ess-)Gewohnheiten der Menschen.

 

„Hören Sie eben auf damit!“

Mir einzugestehen, dass plötzlich in meinem Erleben etwas nicht mehr „normal“ ist – also nicht mehr so, wie ich es bisher gewohnt war –, war ein schwieriger erster Schritt. Der zweite war aber noch härter: Wie findet man sich als gerade in der Großstadt angekommene 18-Jährige in der Psychiatrie zurecht?
Hilfebedürftig und naiv ging ich zu einem Psychiater, an den mich ein anderer Arzt überwiesen hatte. Dieser verpasste mir eine Diagnose, die ich nicht verstand, und jede Menge Tabletten: Antidepressiva, Neuroleptika, alle paar Monate von einem anderen Pharma-Unternehmen. Immer noch gutgläubig und trotz massiver Nebenwirkungen schluckte ich alles, nahm einige Kilo zu, schlief den ganzen Tag und schmiss mein Studium. Erst als besagter Arzt meine Antidepressiva-Dosis weiter erhöhte – nachdem ich ihm von meiner unerwiderten Schwärmerei für einen Mann erzählt hatte – und mich umarmte, wusste ich, dass das der letzte Kontakt mit ihm gewesen sein würde. Recht viel besser wurde es aber auch bei anderen Ärzten nicht: Einer wies mich – nach unzähligen diagnostischen Tests, die meine Depression bestätigten – einfach ab, ein anderer meinte zu meinem selbstschädigenden Verhalten: „Hören Sie eben auf damit!“ Wenigstens hatte ich damals schon eine Psychotherapeutin, die mir mit mehr Verständnis begegnete.Doch mein Zustand verbesserte sich auch in den folgenden Jahren nicht wesentlich: Egal, was ich verschrieben bekam – nichts half wirklich. Auch nicht die Psychotherapie. Und so schlage ich mich heute – 14 Jahre später – noch mit den verschiedensten Symptomen herum, bin aber in der Zwischenzeit wenigstens auf einen Psychiater gestoßen, dem ich vertrauen kann. Und noch habe ich die Hoffnung auf Symptomfreiheit nicht aufgegeben.
Ein Psychiatrie-Erlebnis werde ich aber nie aus dem Kopf bekommen: Die Erinnerung daran, wie ich mit meiner damaligen, akut suizidalen und minderjährigen Mitbewohnerin an einem Freitag mitten in der Nacht vor den Türen der städtischen Jugendpsychiatrie stand und wir mit den Worten empfangen wurden, dass das jetzt gerade aber nicht so der optimale Zeitpunkt sei – und ob es denn wirklich so dringend sei?

Stefanie H.* wünscht sich den Ausbau kassenfinanzierter Psychotherapie, damit sie noch vor ihrem Burn-out eine in Anspruch nehmen kann.

 

Eine Diagnose all-inclusive

Als ich vor einigen Jahren das erste Mal in die Psychiatrie ging, war ich verzweifelt. Mir ging es sehr schlecht, ich kämpfte jeden Tag. In der Klinik gab es dann eine „störungsspezifische“ Borderline-Therapie. Borderline. Ein Name für meine krassen Gefühle. Eine Diagnose all-inclusive.
In der Klinik lernte ich vor allem, mich nicht zu verletzen. Mit ein bisschen Anerkennung, dass ich das wohl nicht ohne Grund mache. Heute macht mich das wütend. Warum den Fokus darauf setzen, mit etwas aufzuhören, was ich doch so dringend brauchte? Warum als sozialisierte Frau noch lernen, nett und freundlich zu sein?! Es hieß, ich solle mich an Spielregeln halten. In einem patriarchalen Gesellschaftsspiel keine gute Idee, wie ich finde. Ich hätte stattdessen dringend lernen sollen, diese Regeln nicht brav-christlich-bürgerlich-trotz-allem einzuhalten. Ich disziplinierte mich selbst durch Arbeitsblätter, Übungen und Verhaltensanalysen. Nie waren Strukturen verantwortlich. Nie Gewaltorte wie Schule oder gar das Patriarchat. Ich lernte, mich als Problem zu sehen. So übersteht es sich am einfachsten in der Psychiatrie.
Später spürte ich die Gewalt dieser Strukturen. Therapieabbruch? Ein Symptom. Geschlechterrollen aufbrechen? Identitätsschwankungen. Wut? Typisch Borderline. Ein „Nein, ich will das nicht!“ wurde zum Zeichen der Verweigerung. Ich lasse mir nicht helfen. Da dreht sich heute noch der Feministin in mir der Magen um.
Die Psychiatriezeiten halfen dennoch. Ich brauchte Raum zum Reden – ich fand tolle Mitpatientinnen. Ich brauchte eine Auszeit – ich schlief ein paar Nächte nicht zu Hause. Reden über Erfahrungen von (struktureller) Gewalt. Eine Pause machen können. Das ist nicht viel, doch es gibt kaum Alternativen. Aber Psychiatrie ist nicht feministisch. Und deswegen war der Preis – Entmündigung, Grenzverletzung und Disziplinierung – verdammt hoch.

Steinmädchen * ist Kulturwissenschaftlerin, liebt ihre riot grrrl Band und radikalen Feminismus. Auf identitaetskritik.de bloggt sie über Therapiekatastrophen, Körpernormierungen und Umgangsstrategien mit dem inneren und äußeren Chaos.

 

* Alle Namen von der Redaktion geändert

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