Der Widerspruch des Körperkleids

Der jüngste Band der Sachbuchreihe „absolute“ versammelt Grundlagentexte aus Vergangenheit und Gegenwart zum Thema Mode. Herausgeberin SONJA EISMANN erzählte VINA YUN, warum Mode ein bedeutsamer Forschungsgegenstand ist und was es mit feministischen Dresscodes auf sich hat.

 

an.schläge: Aus feministischer Sicht gibt es zahlreiche Gründe, sich mit Mode zu beschäftigen. Was interessiert dich persönlich am Phänomen Mode?

Sonja Eismann: In erster Linie finde ich Mode spannend, weil sie ein Medium ist, dem sich niemand entziehen kann – alle müssen sich irgendwie zur Kleidung, die sie tagtäglich anziehen, verhalten. Ob „Fashion Victim“ oder „Fashion Indifferent“, das ist immer eine Entscheidung, die gefällt werden muss. Zudem mag ich an Mode, dass sie eine so interessante Hybridposition zwischen Alltagspraxis und Kunst besetzt – Kleidung ist ja, im Gegensatz zu Kunst, dafür da, benutzt zu werden. Über Mode können sich Menschen ausdrücken, die zu elitären künstlerischen Diskursen normalerweise keinen Zugang haben. Der Sitz des jeweiligen modischen „Werkes“ direkt auf der Haut – mitunter wird ja auch vom „Körperkleid“ gesprochen – unterstreicht zudem die Sonderstellung von Mode: Welche kreative Hervorbringung wird sonst so unmittelbar, so körperlich und auch nützlich erfahren?

Ich mag es, dass Mode so viele scheinbare Widersprüche in sich aufnimmt: Sie ist durch ihre Umhüllung des nackten intimen Körpers, mit dem wir uns dann in der Öffentlichkeit zeigen, immer an der Schnittstelle zwischen privat und öffentlich, zwischen innen und außen. High Fashion ist Big Business, aber auch aus der Mülltonne gefischte Recyclingware kann High Fashion werden. Mode ist immer modisch und sie wiederholt sich, aber sie ist nie gleich. Sie ist unglaublich elitär, ungerecht und ausschließend, aber auch eine riesige Demokratisatorin. Und natürlich ist die Mode eine urweibliche Domäne und damit besonders spannend für eine Feministin.

Sind die Fashion Studies eine unterschätzte Disziplin?

Ja und nein. Ich glaube, dass die Abwertung von Mode als „triviales“, irgendwie narzisstisches und auch als stereotyp weiblich gebrandmarktes Feld immer weiter zurückgeht, auch wenn das nach wie vor ein weit verbreitetes Klischee ist. Als ich angefangen habe, für mein Buch zu recherchieren, war ich ein wenig perplex, wie lange es schon eine theoretische Auseinandersetzung mit Mode gibt. Im angloamerikanischen Raum sind die Fashion Studies mittlerweile gut etabliert, was sich auch daran ablesen lässt, was für einen Stellenwert Institutionen wie das von Valerie Steele geleitete New Yorker Fashion Institute oder das Londoner Victoria & Albert Museum mit seinen spektakulären Modeausstellungen haben. Im deutschen Sprachraum allerdings ist in dem Bereich noch nicht so viel los, und auch an den Hochschulen führen die Fashion Studies ein Exotinnendasein. Doch auch hier ändert sich langsam etwas – so wurde etwa beim Transcript Verlag nun unter der Leitung von Gertrud Lehnert eine eigene Modetheoriereihe etabliert. 

Die feministische Auseinandersetzung mit Mode wird von zwei Debatten dominiert: Zum einen steht die Konstruktion von Identität und von Körperbildern im Mittelpunkt, zum anderen geht es stark um eine materialistische Analyse, genauer um die Arbeits- und Produktionsbedingungen in der Textilbranche. Warum werden diese beiden Ebenen so selten in Verbindung miteinander diskutiert?

Hier zeigt sich meiner Meinung nach ein ganz grundsätzliches Problem von Feminismus oder auch allgemein von linken Kritikformen: Es gibt entweder eine „klassische“ materialistische Analyse von zu kritisierenden Lebens- und Produktionsbedingungen, oder man beschäftigt sich beinahe obsessiv mit Bildern von Körperlichkeit und Sexualität, die ihrerseits Unterdrückung hervorbringen würden. Die eine Strömung ist natürlich am ehesten kongruent mit Vorstellungen der zweiten feministischen Welle zu Klasse, Arbeit und Geschlecht, die andere mit denen der dritten Welle und ihren poststrukturalistischen Ansätzen zur Konstruiertheit von Identität. Diese Ansätze werden von vielen als einander von vornherein ausschließend gedacht, wobei ich denke, dass eine zeitgemäße und wirksame feministische Kritik – und das nicht nur im Bereich der Mode – nur dann funktionieren kann, wenn alle diese Aspekte miteinander gedacht werden.

© Alicia Kassebohm

Im Reader gibt es ein Interview mit dem Wiener Mode-Konzeptlabel „___fabrics interseason“ zu lesen, das sich vor einiger Zeit des Themas „feministische Dresscodes“ angenommen hat. Gibt es deiner Meinung nach Modestile – und wenn ja, woran werden diese erkennbar?

Es gibt natürlich den Mythos feministischer Kleidungsstile – also lila Latzhose, keine BHs, Gesundheitsschuhe, asymmetrische Frisuren etc. Die haben aber mit der Realität nicht allzu viel zu tun, sondern sind eher Signifikanten für die Mode einer bestimmten Epoche, in der der bequeme Casual- oder Öko-Look aufkam. Das war eben auch jene Zeit, in der der Feminismus als soziale Bewegung groß wurde, daher diese Verbindung. Natürlich lässt sich argumentieren, dass Feministinnen eher auf nicht einengende, bequeme Kleidungsstücke setzen, die sie nicht in ihrer Bewegungsfreiheit behindern und sie nicht als Objekte ausstellen, aber auch das ist mittlerweile nur eine Variante von vielen. Heute gilt meiner Meinung nach, dass überhaupt keine konkreten Vorgaben oder Vorstellungen zu feministischer Kleidung existieren, außer eben als pejorative Zuschreibung von außen. Es gab und gibt ja durchaus immer wieder Feministinnen, die Freude daran haben, ihren Körper durch Mode spielerisch in Szene zu setzen – das ist ja auch das Schöne an Mode, dass das möglich ist –, was dann in Drag-King-Looks ebenso wie in freizügigen Kostümen à la Lady Bitch Ray münden kann.

Mode ist immer noch ganz stark eine Klassenfrage, sodass viele Feministinnen, die ja nach wie vor zu großen Teilen aus dem bürgerlichen, akademischen Milieu stammen, am ehesten so einen nachlässigen „Galeristinnen“-Chic fahren, also interessant fallende bis wallende Gewänder von minimalistisch-modernistischen DesignerInnen. Aber ebenso gibt es Feministinnen, die auf Seriosität qua Blazerlook oder auf Rock-Chick-Allüre oder Hipster-Klamotten setzen, um ihre Szeneaffinität auszudrücken. Nicht zu vergessen queere (feministische) Dresscodes, die Eingeweihten blitzschnell die Zugehörigkeit zu einer gewissen Community klar machen.

„Fatshion“ – Mode für Dicke – und Mode für Menschen mit Behinderung werden von dir als Beispiele für „Abweichung“ im Modebusiness genannt. Gleichzeitig zeigen die Beiträge im Reader auf, wie „Differenz“ vom Mainstream der Modeindustrie vereinnahmt wird. Was bedeutet also „modischer Widerstand“ vor diesem Hintergrund?

Bis auffallend füllige oder behinderte Körper nicht mehr im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen der Modeindustrie und all ihrer Institutionen, von Catwalks bis Boutiquen, fallen, muss wohl leider noch viel Zeit vergehen. Natürlich werden sich eine Beth Ditto mit ihrer selbstbewussten Körperfülle oder ein Männermodel wie Mario Galla mit seiner Beinprothese als „Freaks“ geleistet, die eine Modenschau visuell aufpeppen. Bis jetzt funktionieren diese aber nur als „schrille“ Farbtupfer, die im deutlichen Kontrast zur „Normalität“ der meist ausgemergelten, jungen, weißen Models stehen. Unter der Hand wird ja immer wieder die Information weitergegeben, dass viele Bekleidungsfirmen trotz der steigenden Absatzmöglichkeiten überhaupt kein Interesse daran hätten, Textilien in größeren Konfektionsgrößen herzustellen, da dann vermehrt dicke Menschen in die Geschäfte drängen und somit die Illusion einer fast körperlosen, ätherischen Mode zerstören würden. Daher ist es zum jetzigen Zeitpunkt definitiv per se ein Akt des Widerstandes, wenn Menschen, deren Körper die gängigen Schönheitsnormen sprengen, sich Mode aneignen und damit auch offensiv umgehen.

Gibt es aktuell Modemacher_innen oder Labels, die deine Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Ich vermute, ich bewege mich an meinem Wohnort Berlin doch recht banal im „Galeristinnen“-Mainstream und schätze aus einer ästhetischen Perspektive ähnliche Sachen wie viele andere, die irgendwie innovativ bis dekonstruktiv mit Kleidung umgehen. Ich bin nach wie vor ein Fan von diskursiv arbeitenden Labels wie „___fabrics interseason“, die es leider nicht mehr gibt, oder „House of the Very Island“, die einen explizit queeren Ansatz vertreten. Daneben finde ich momentan die Entwicklungen im Bereich afrikanischer Mode und die Ansätze zu Unisex-, fairer, Recycling- bzw. Öko-Mode besonders spannend, wobei bei Letzteren leider manchmal nach wie vor eine gewisse Betulichkeit herrscht. Mein Traum sind natürlich politisch denkende und konzipierende Labels, die fair produzieren und aufregende Entwürfe vorlegen – nur gibt es von denen immer noch viel zu wenige. 

 

Sonja Eismann lebt als freie Journalistin und Kulturwissenschaftlerin in Berlin. Sie ist Mitbegründerin und Redakteurin des „Missy Magazine“ und veröffentlichte 2007 die Anthologie „Hot Topic. Popfeminismus heute“ (Ventil Verlag).

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