Abgewertete Frauenfiguren / Blöde Sprüche / Neue Blickwinkel / Gute Interventionen

Abgewertete Frauenfiguren

Ich bin begeisterte Computerspielerin seit ich etwa acht Jahre alt war. Das erste Spiel, das ich gespielt habe, war „Sokoban“: ein scheinbar simples Denkspiel, bei dem man Kisten durch verwinkelte Gänge auf bestimmte Plätze schieben musste. 

Mitte der Neunziger habe ich hauptsächlich Spiele meines Bruders gespielt, darunter viele Flugsimulatoren. Ich war nicht gut darin, aber mich hat das Medium so fasziniert, dass ich trotzdem gespielt habe. Später kamen Wirtschaftssimulationen, Adventures, Strategiespiele und auch ein paar Action-Games dazu. Viele davon waren auf Englisch und auch sonst relativ komplex für mein Alter, aber ich habe einfach herumprobiert, was man darin tun kann. 

Dieses Austesten – was ich tun und wer ich sein kann – wurde für mich als Teenager (kausaler Zusammenhang nicht ausgeschlossen) besonders spannend und hat wohl dazu geführt, dass Rollenspiele (RPGs) mein liebstes Genre wurden. Besonders die Darstellung weiblicher Charaktere und der Gesellschaft, in der sie agieren, interessiert(e) mich. Seit 2010 blogge ich darüber auf glamgeekgirl.net. 

In einigen Spielwelten gibt es keine oder kaum Frauen, oder nur welche in traditionellen Rollen („Team Fortress“, „Gothic“, „Risen“). In sehr vielen Spielwelten sind Frauen nur übersexualisiertes Beiwerk, seltener völlig gleichgestellt („XCOM“, „Elder Scrolls“). Es gibt Spiele, deren Hauptinhalt sexuelle Gewalt an Mädchen und Frauen ist (diese nenne ich hier absichtlich nicht), und einige wenige, die wirklich tolle, emanzipierte, vielschichtige Charaktere haben („Mass Effect“, „Beyond Good & Evil“). Es gibt also viel zu beleuchten, bloggen und besprechen!

Ally Auner fühlt sich in Wien und im Internet zu Hause. Wenn sie nicht gerade spielt, bloggt oder anderen Geek-Leidenschaften nachgeht, ist sie im Social-Media-Marketing tätig.

 

Blöde Sprüche

Mit zehn Jahren habe ich mir meine erste Konsole gekauft, den Nintendo 64. Das war der Beginn meiner Leidenschaft für Konsolen- und Computerspiele. Stunden habe ich vor dem Fernseher verbracht und dabei Mario geholfen Peach zu retten, Link geholfen Zelda zu retten und mit James Bond zusammen Natalya gerettet. Etwas später spielte ich „Half Life“ auf dem Rechner und versuchte mit Gordon Freeman die Welt zu retten. Es gab nur männliche Protagonisten, was mir damals aber noch nicht aufgefallen ist. 2009 begann ich „Left 4 Dead“ zu spielen, das erste Mal online und mit anderen „echten“ Personen. Endlich gab es die Möglichkeit, einen eindeutig weiblichen Namen und im Spiel den weiblichen Charakter zu wählen – was ich meist auch tat. Dem folgten manchmal Kommentare wie z.B. „Können Frauen überhaupt schießen? Die müssen doch den ganzen Tag in der Küche stehen.“ Mir wurde des Öfteren mein Können abgesprochen, und meine Vorschläge zu möglichen strategischen Vorgehensweisen, um im Spiel voranzukommen, wurden ignoriert. Ab und an berichteten mir Mitspieler von der Größe ihres Penis oder sprachen auf „lustige“ Weise von Vergewaltigung. Ich wusste nicht damit umzugehen und ignorierte das alles. Nach einer Weile gab ich mir aber einen geschlechtsneutralen Namen – und wurde von da an stets für männlich gehalten. Seither entgehe ich auch dämlichen Sprüchen. Ich kann aber auch Positives berichten: In meiner „Freundesliste“ wissen ein paar Männer, dass ich eine Frau bin. Sie behandeln mich nicht abwertend und stehen bei dummen Kommentaren auf meiner Seite.

Lisa Klingbeil ist 26 und studiert Gender Studies in Bielefeld.

 

Neue Blickwinkel

Verstärken Videospiele nur Genderklischees oder haben sie doch eine subversive Kraft? Eine gute Antwort liefert „Heavy Rain“ für die Playstation 3 – eines der womöglich klügsten Games der letzten Jahre.

Auf den ersten Blick ist „Heavy Rain“ ein typisches „Männerspiel“: Ein Serienmörder entführt kleine Buben und tötet sie ein paar Tage später. Als SpielerIn jagt man den Mörder und schlüpft in mehrere (meist männliche) Rollen: etwa den Vater, der seinen gekidnappten Sohn retten will, oder einen FBI-Agenten, der drogenabhängig ist. Dann gibt es noch die weibliche Protagonistin: Journalistin Madison Paige. Rein oberflächlich entspricht sie ganz dem Klischee der sexuell aufgeladenen weiblichen Spielfigur, nur ganz so stupide ist „Heavy Rain“ dann doch nicht.

Eine Szene ist besonders aufrüttelnd: Madison Paige möchte Informationen von einem kriminellen Nachtclubbesitzer. Der bedroht sie mit einer Waffe und will, dass sie sich auszieht. Es ist eine beklemmende Szene, weil man als Spieler und als Spielerin nicht will, dass die eigene Figur sexuelle Gewalt erlebt. Die Atmosphäre ist so bedrückend, dass man regelrecht um seine Figur fürchtet. Ich behaupte: Als Frau kennt man dieses Gefühl, sexueller Gewalt ausgeliefert zu sein, durchaus. Für viele männliche Spieler ist das aber womöglich neu. Ein Arbeitskollege erzählte mir ganz geschockt, wie „ekelerregend“ er diese Szene fand, wie sehr er „sich“ darin fürchtete.

Ohne zu viel zu verraten: Man gewinnt das Kapitel nicht, indem man sich ganz entblößt. Doch für einen kurzen Moment lang merkt auch der Spieler, wie furchtbar es ist, als Frau zum Opfer zu werden. Mag sein, dass dieses Detail wenig daran ändert, wie sexistisch die Videospielbranche generell oft ist. Als passionierte Gamerin gibt es mir trotzdem Hoffnung: Manchmal können Videospiele helfen, andere Blickwinkel kennenzulernen.

Ingrid Brodnig ist Redakteurin der Wochenzeitung „Falter“, zu ihren Lieblingsspielen zählen „Baphomets Fluch“, „Fable II“ und „Halo“.

 

Gute Interventionen

Was Computerspiele betrifft, verlief meine Kindheit weitestgehend trostlos. Meine Eltern waren der Ansicht, Gameboy und Co würden verblöden, also gab es nur Computerspiele, die pädagogisch wertvoll waren: Mathe-Rätsel, Länder-Memory und Vokabeltrainer. Das konnte mich vom Medium nicht abschrecken, ich sattelte allerdings um und spielte mich durch Strategiespiele und Ego-Shooter. Dabei fiel mir der Mangel an weiblichen Identifikationsfiguren negativ auf.

Heute ist einiges anders, und Eltern spielen mit ihren Kindergartenkindern gemeinsam Videospiele. Ich finde das gut. Manchmal fällt Eltern von Töchtern auf, dass viele Spiele einen männlichen Protagonisten haben und selten eine Heldin, ein weibliches Vorbild. Was ich richtig toll finde: wenn sie das Spiel hacken und die Geschlechterrollen umkehren, also z.B. in „The Legend of Zelda“ aus der männlichen Spielfigur Link ein Mädchen machen oder in „Donkey Kong“ Mario nicht Pauline rettet, sondern Pauline einmal Mario aus den Armen Donkey Kongs befreien muss.

Doch was wird in den nächsten Jahren auf uns zukommen? Letztes Jahr entbrannte eine Debatte um Sexismus in Computerspielen und der ganzen Branche dahinter. Bis die jungen Mädchen von heute ohne ihre Eltern zu den Shootern greifen dürfen, wird noch einige Zeit vergehen. Die Frage ist: Welche Spiele werden sie vorfinden? Bleiben die Interventionen ihrer Eltern Ausnahmeerscheinungen oder sind sie Teil eines länger anhaltenden Veränderungsprozesses?

Helga Hansen lebt in Braunschweig und schreibt über (nicht nur) Feminismus ins Internet und auf Papier.

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1 Kommentar

  1. Ach Leute, dieses Sonic Racing ist doch nur eine seelenlose Kopie von Mario Kart – ist wie ne billige China Fälschung

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