Mit Zeichenstift und Spraydosen

In Ländern der GUS erleben feministische Grafik und Graffiti derzeit einen ungeheuren Aufschwung. Vor allem in Russland kämpfen Frauen gegen Ungerechtigkeit und staatliche Repression immer häufiger auch mit Zeichnungen, Stencils oder Comics. Von JEANNA KRÖMER

 

Mit Ende Oktober 2012 wurden in Moskau zwölf Menschen befreit, der Großteil von ihnen Frauen. Es waren StaatsbürgerInnen aus Kasachstan und Usbekistan, die zuvor zum Teil zehn Jahre lang gegen ihren Willen festgehalten und schwer ausgebeutet worden waren. Eine Unternehmerin hatte sie gezwungen, zwanzig Stunden pro Tag unbezahlt zu arbeiten, ihnen wurden Gelenke und Finger gebrochen sowie Zähne herausgeschlagen. Auch Kinder lebten mit den Frauen unter diesen Bedingungen. Sie wurden ebenfalls misshandelt, einige wurden den Müttern weggenommen und sind bislang spurlos verschwunden.
Hilfe kam schließlich von AktivistInnen der Menschenrechtsorganisation „Alternative“, die den Laden stürmten. Die Mutter einer der „SklavInnen“, wie sie in den Berichten über den Fall immer wieder genannt werden, hatte ihre Hoffnung aufgegeben, Hilfe bei den Behörden zu finden und sich stattdessen an die Mitglieder der Organsation gewandt.
Aber auch nach der Befreiung erfahren die Opfer von staatlicher Seite weder Schutz noch Unterstützung. Im Gegenteil: Russland versucht, die Frauen als illegale MigrantInnen schnellstmöglich abzuschieben und den Fall abzuschließen, die offiziellen Medien berichten kaum darüber. Doch trotz vielfacher Drohungen machen die Frauen polizeiliche Aussagen. Ob ihnen Gerechtigkeit widerfahren wird, bleibt dennoch fraglich.

Feministischer Bleistift. Victoria Lomasko begleitet die Befreiten in ihrem neuen Alltag mit Notizblock und Stift. Sie porträtiert sie, schreibt ihre Dialoge und Erinnerungen auf, berichtet auf Facebook und versucht so mit allen medialen Mitteln, die Geschichte publik zu machen und die Frauen dadurch zu unterstützen.(1) Die 34-jährige Lomasko ist eine erfahrene Zeichnerin. Bei den unterschiedlichsten politischen Ereignissen bleibt die Frau mit dem aufmerksamen Blick seit vielen Jahren trotz Geschrei und Gedränge, dichtem Schneetreiben oder Zusammenstößen zwischen Polizei und AktivistInnen einfach standhaft mitten im Geschehen und zeichnet. Das Risiko, das sie selbst dabei eingeht, sei ihr bewusst, aber für sie sei es „Ehrensache, im Bild zu sein“. „Ein Vorbild für mich ist die Arbeit von Mitgliedern der ‚Gruppe der 13‘, die mal gesagt haben, dass ein Künstler den Fluss der Zeit einzufangen hat: So wie ein Tänzer zur Musik tanze, so solle auch ein Künstler in dem Tempo zeichnen, das er wahrnimmt“, erzählt Lomasko in einem Interview der Zeitschrift „Artguide“. Ihr Arbeitsplatz befindet sich demnach auf Demos und in Gerichtssälen, in denen AktivistInnen politischen Schauprozessen unterzogen werden. Sie berichtet über die Prozesse von Mihail Hodorkovski und Pussy Riot(2), zeichnet aus der russischen Provinz oder macht Reportagen aus einer Strafanstalt für Mädchen.
Im Oktober 2012 eröffnete in Moskau auch die Ausstellung „Feministischer Bleistift“, die politische Grafik von Frauen zeigte. Neben Victoria Lomasko waren darin unter anderem auch die bemerkenswerten Arbeiten der Künstlerinnen Mikaela und Kluge Mascha zu sehen.

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„Er konnte nicht sesshaft werden und hat nie Hausschuhe angezogen.“
© Victoria Lomasko

Nie gut genug fürs Patriarchat. Die Bloggerin Kluge Mascha(3) ist vor allem im Internet aktiv. Sie pendelt zwischen Berlin, Kiew und Sankt Petersburg und agiert anonym unter ihrem Künstlerinnennamen. Ihr grafisches Talent und Gespür für das Geschlechterverhältnis hat sie im Laufe des letzten Jahres in der russischsprachigen Netzcommunity zum Star gemacht. Unter dem Titel „Wir sind nie gut genug fürs Patriarchat“ entwarf die Künstlerin beispielsweise eine Plakatserie, die der Ver­anschaulichung der oft unerfüllbaren widersprüchlichen Forderungen dient, die das Patriarchat an Frauen richtet: „Wenn Du Sex hast, bist Du eine Hure, wenn nicht: eine Frigide“; „Wenn Du ein Kind bekommen hast, bist Du ein Huhn, wenn nicht: eine Egoistin“ usw., ist auf den Plakaten zu lesen.
Kluge Mascha gibt außerdem „Lesbodrama“ heraus, ein Comic über Mütter, die aufgrund internalisierter Homophobie sich selbst und ihre eigenen lesbischen Töchter hassen. Die Dialoge, voll von Leid und Abneigung, korrespondieren mit Maschas speziellem Stil, der von ihr selbst „Trash“ genannt wird. Die ziemlich schematisch skizzierten Bilder werden auf einfachem, kariertem Papier gezeichnet, gescannt und ins Internet gestellt.
Einen Comic über Lesben macht auch die Bloggerin ez_lime(4). Hauptfiguren darin sind Fuchs und Eule, die ein lesbisches Paar bilden, das eine Katze hat, viel Wein trinkt, unentwegt Sex hat und ständig anzügliche Witze reißt. Die Autorin ist nicht nur als Zeichnerin sehr talentiert, sondern auch sprachlich äußerst gewandt. Die meisten ihrer Comics sind kaum zu übersetzen, weil sich die Pointe der Geschichte aus einem Wortspiel ergibt. Doch die Zeichnerin macht sich in Russland alleine durch die Erwähnung von Homosexualität strafbar, denn bekanntlich gilt dies seit kurzem als „Propaganda von Homosexualität“ und „jugendgefährdend“ und kann gerichtlich geahndet werden.

Narodniki women. Kluge Mascha ist auch die Urheberin von Stencils(Trafaret-Graffiti), die das Thema Reproduktionsrechte visualisieren und Frauen „aus der Küche in die Bibliothek“ bringen wollen. Eine wichtige Intervention, wird in Russland und den GUS doch gerade wieder einmal die Verschärfung der Abtreibungsgesetze besonders heftig diskutiert und von der Kirche gepusht.
Mit ihren Stencils wurde auch Mikaela bekannt. Ihr letztes Projekt heißt „Narodovolki“ und ist den Revolutionärinnen von 1917 gewidmet. Viele von ihnen wurden von den eigenen Mitstreitern ausgenutzt und aus der Geschichte verbannt. Sie beendeten ihr Leben in Gefängnissen und bei der Zwangsarbeit, arm und verraten. „Die Graffiti von Mikaela bestehen aus dem lakonischen, kommentarlosen Aufzählen der Namen dieser verratenen Revolutionärinnen“, kommentiert die Künstlerin Victoria Lomasko Mikaelas Werke. Mikaela selbst erzählt in einem Interview auf ravnopravka.ru: „Ursprünglich habe ich diese Frauen eher negativ gesehen – sie waren alle Terroristinnen, haben ihre politischen Gegner getötet. Ich bin gegen gewaltsame Methoden des Kampfes. Darüber hinaus war keine dieser Frauen feministisch, im Gegenteil, sie haben bei der Durch­führung eines sehr maskulinen revolutionären Projektes geholfen“, sagt Mikaela. „Aber nachdem ich das Buch von Margaret Maxwell ‚Narodniki women: Russian women who sacrificed themselves for the dream of freedom‘ gelesen habe, habe ich meine Meinung geändert. Sie wählten Terror einst als Reaktion darauf, dass man sie weiter unterdrückt hat, solange sie mit den legalen Methoden gekämpft haben. (…) Ich wollte über sie erzählen, ihre Namen nennen.“ Mikaela sieht dabei einen direkten historischen Bezug zu Frauen heute, die aufgrund ihrer politischen Aktivität im gegenwärtigen politischen System vielfältigen Repressalien ausgesetzt sind.

Mein Papa ist Polizist. Gewalt gegen politisch aktive Frauen macht auch die Belarussin Marina Naprishkina zum Thema. In ihrem Comic „Mein Papa ist Polizist, was macht er bei der Arbeit?“, der in einer subversiven Aktion als Ausmalbuch an Familien von Polizisten in Belarus geschickt wurde, werden von Polizeigewalt betroffene Frauen zitiert: Erinnerungen an Vergewaltigungsdrohungen, an wegen Schlägen verlorene Schwangerschaften, an gebrochene Beine und Gehirnerschütterungen nach gewaltsamen Räumungen von friedlichen Protestdemonstrationen finden sich im Comic. Das Buch entstand, weil die sich oppositionell engagierenden Frauen in Belarus nicht nur genau wie die Männer geschlagen und schikaniert werden und ihre Jobs verlieren, sondern zusätzlich auch noch die volle Kraft des Sexismus dabei erleben. Den Frauen wird etwa viel öfter auch mit einer Vergewaltigung oder mit dem Entzug ihrer Elternrechte, sprich mit der Wegnahme ihrer Kinder gedroht. Bei der Festnahme wird auf geschlechtsspezifische Bedürfnisse nicht geachtet, so gibt es z.B. im Untersuchungsgefängnis keine hygienischen Mittel für menstruierende Frauen etc.

ZOA. Mit einem Gips bezahlte die 25-jährige Alexandra Kachko ihr politisches Engagement. Als die Künstlerin aus Sankt Petersburg bei einer Demo verhaftet wurde, riss ein Polizist sie so heftig in den Polizeiwagen, dass er ihr dabei das Handgelenk brach.
Die Hauptfigur von Kachkos Street Art ist ZOA, die ihren Namen in Anlehnung an den russischen weiblichen Namen Zoya trägt. ZOA ist ein meist auf Papier gezeichnetes Mädchen in gestreiften bunten Strumpfhosen, das seit zwei Jahren auch immer wieder mal auf den Straßen von Sankt Petersburg auftaucht und den PassantInnen gute Laune bringt. Außerdem macht Kachko Graffiti und Stencils. Besonders bekannt sind ihre Bilder, auf denen Frauen zu sehen sind, die an einem rosa Kreuz aufgehängt sind. Die Bildunterschrift lautet: „Patriarchat tötet“. Die Graffiti tauchen auf den Wänden und Mauern jener Plätze auf, an denen Verbrechen gegen Frauen begangen wurden. Gegenüber der „St. Petersburg Times“ sagt die Künstlerin: „Ich will nicht, dass die Kirche sich ins Privatleben der Menschen einmischt oder dass man homophobe Gesetze erlässt. (…) Das kann im völligen Totalitarismus enden. Das ist der Grund, warum man nicht schweigen sollte.“ Diese Überzeugung verbindet wohl alle der genannten Künstlerinnen.

 

Jeanna Krömer ist Journalistin, Feministin, wohnt derzeit in Berlin, leitet die kleine feministische Gruppe „Belarussische Brennessel“ und koordiniert FEM.FM – die Frauennewssite mit Podcasts in russischer Sprache. Kontakt unter: jakroemer@gmail.com

Fußnoten 
(1) http://halfaman.livejournal.com/1023313.html
(2) www.risuemsud.ru
(3) http://smartmary.livejournal.com
(4) http://ez-lime.livejournal.com

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